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Zwischenbilanz

Ein Jahr Apple-CEO: Tim Cook schlägt Steve Jobs

Am 24. August 2011 ging die große Ära zu Ende. Der von seiner Krankheit schwer gezeichnete Apple-Gründer Steve Jobs legte seinen Chef-Posten offiziell zurück, der interimistische CEO Tim Cook übernahm das Ruder. Ein Jahr nach Cooks Antritt steht der Konzern nun finanziell besser da als jemals zuvor. Der nächste große Produktwurf ist bisher jedoch ausgeblieben.

Dass der als bescheiden und öffentlichkeitsscheu geltende Südstaatler einmal an vorderster Front von Apple stehen und seinen Vorgänger in puncto Geschäftserfolg sogar überflügeln würde, hat der 51-Jährige wohl kaum zu träumen gewagt. Zu übermächtig war Steve Jobs in den 14 Jahren seiner zweiten Regentschaft bei Apple, selbst wenn er im Laufe der Jahre krankheitsbedingt die operative Führung mehrfach an den Produktions- und Vertriebs-Mastermind Cook abgeben musste.

Wie unvorstellbar ein Apple ohne Steve Jobs auch für Cook war, ließ dieser in seinem einzigen großen Interview seit Amtsantritt auf der AllThingsD-Konferenz durchblicken: „So sehr man es wohl vorhersagen oder auch erwarten hätte müssen, habe ich es einfach nicht erwartet“, so Cook über das Sterben von Steve Jobs, das er als „die traurigsten Tage in meinem ganzen Leben“ bezeichnete. Diese Traurigkeit sei irgendwann Ende 2011 aber einer Entschlossenheit gewichen, die von Jobs begonnene Reise zielstrebig weiterzuführen.

Jahrelang hat Tim Cook im Hintergrund die Apple-Erfolgsgeschichte mitgeschrieben... ...nach dem Tod des Apple-Gründers Steve Jobs muss er sich nun allein an der Spitze behaupten. Das gelingt erstaunlich gut. In punkto Geschäfts- und Verkaufszahlen... ...gelang es Tim Cook in seinem ersten Jahr als CEO mühelos, seinen Chef zu überflügeln. Nach anfänglicher Zurückhaltung scheint Cook öffentliche Auftritte zunehmend zu genießen... ... auch beim Bad in der Fan-Menge gibt er sich nahbar. Die schlechten Arbeitsbedingungen in China erklärte Cook zur Chefsache. Die Präsentation neuer Produkte auf der Bühne überlässt er aber weiterhin lieber anderen. Bei der Trauerfeier für Steve Jobs überraschte Cook mit emotionalen Worten. Ob er in punkto Innovationskraft aus dem Schatten von Steve Jobs treten kann, werden wohl erst die kommenden Jahre zeigen.

Höhenflug 2012
Die Apple-Zahlen sprechen bislang eindeutig für Cook, der auf die Erfolgsjahre unter Steve Jobs in seinem ersten Jahr als CEO noch einmal einen draufsetzen konnte. Unter seiner Führung hat die Aktie einen Höhenflug von knapp 384 auf 648 Dollar hingelegt, allein in den ersten drei Quartalen 2012 konnte Apple seinen Umsatz um 50 Prozent von 80,04 auf 120,53 Milliarden US-Dollar und seinen Nettogewinn um über 70 Prozent von 19,3 auf 32,92 Milliarden US-Dollar steigern. Lediglich im vergangenen Quartal machte sich die Käuferzurückhaltung aufgrund des erwarteten iPhone 5 ein wenig bemerkbar.

„Apple hat sich im vergangenen Jahr hervorragend geschlagen“, meint auch Helge Rechberger, Analyst bei der Raiffeisen Bank International, im Gespräch mit der futurezone. „Befürchtungen, dass nicht nur die Innovationskraft, sondern vor allem auch die Vermarktung ohne das Marketing-Genie Steve Jobs leiden werde, haben sich absolut nicht bestätigt“, so Rechberger, der für den Aktienkurs noch weitere Luft nach oben sieht. Nach Börsenwert gemessen ist Apple aktuell 608 Milliarden US-Dollar wert, mehr als Google und Microsoft zusammen.

FILE - In this Oct. 4, 2011 file photo, Apple CEO Tim Cook gestures during the introduction of the iPhone 4S, at Apple headquarters in Cupertino, Calif. Apple Inc. said it will announce the outcome of its internal discussion concerning its enormous cash b

Eigene Handschrift
Ungeachtet der von Jobs an Cook ausgegebenen Anweisung, „sich nicht mit der Vergangenheit aufzuhalten“ und „niemals zu fragen, was Steve gemacht hätte, sondern einfach das Richtige zu tun“, ist eine eigene Handschrift bei Tim Cook in seiner letztlich kurzen Zeit als alleinverantwortlicher CEO bisher jedoch kaum erkennbar. Auch über die Persönlichkeit des langjährigen operativen Geschäftsführers ist ein Jahr nach Amtsübernahme wenig bekannt. Für einen Sturm im Wasserglas sorgte kurzfristig lediglich die von US-Journalisten losgetretene Debatte um seine sexuelle Orientierung.

Auch inwieweit sich die internen Abläufe im Konzern durch seine Führung ändern werden, kann bislang nur vermutet werden. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass Mitarbeiter in Cupertino nun mehr „Luft zum Atmen“ hätten, der unter Jobs herrschende Druck habe sich ein wenig gelockert. Anders als Jobs gibt sich Cook zudem zugänglicher für Mitarbeiter und mischt sich in der Kantine schon einmal unter das normale „Apple-Fußvolk“, wie ein Fortune-Bericht suggeriert.

Als öffentlichkeitswirksame Verdienste werden Cook unter anderem ein Mitarbeiter-Programm zugeschrieben, das die Verdoppelung von Spenden an karitative Organisationen bis zu einer Summe von 10.000 Dollar im Jahr vorsieht. Auch die von Jobs jahrelang verhinderte Ausschüttung einer Dividende an Apple-Aktionäre trägt Cooks Handschrift. Darüber machte Cook im Gegensatz zu Jobs die vielfach kritisierten Arbeitsbedingungen in den Apple-Fabriken in China zur Chefsache und kündigte mehrfach an, Apple auch in diesem Bereich zum Vorzeigekonzern machen zu wollen.

Das mit Spannung erwartete iPhone 5 blieb aus. Stattdessen präsentierte das Team von Tim Cook das iPhone 4S... ... das letztlich praktisch ausschließlich über den neuen Sprachassistenten Siri vermarktet wurde. iPhone 4S Aus dem wochenlang kolportierten iPad 3 wurde schließlich "Das neue iPad"... ...das die bereits vom iPhone bekannte Retina-Auflösung, mit dem Pixel mit dem freien Auge nicht mehr erkennbar sind, spendiert bekam. Beim Design hielt man sich im Wesentlichen am Vorgänger, für den US-Markt wurde LTE-Unterstützung integriert. Neben der fehlenden weltweiten Implementierung für LTE wurde auch die spürbar stärke Hitzeentwicklung im Vergleich zum iPad 2 kritisiert. Statt des heiß erwarteten Apple-TV-Geräts präsentierte Cook nur ein Update von Apple TV mit neuer Software-Oberfläche und Full-HD-Unterstützung. Für einen kurzen Wow-Effekt, zumindest unter Apple-Anhängern, konnten Cook und sein Team bei der Präsentation eines komplett neu designten Macbook Pro sorgen. Neben dem Verzicht auf eine mechanische Festplatte und DVD-/Blu-ray-Laufwerk übertrug Apple das bei iPhone und iPad bereits umgesetzte Retina-Konzept auf das Display des Macbook Pro. Das 15-Zoll-Display mit 2880x1800 Pixel ist das am höchsten auflösende der Welt und könnte auch die anderen Hersteller zum Aufrüsten ihrer Displays animieren.

Wenig Bahnbrechendes
Im für Apples Image so wichtigen Produktbereich konnte sich Cook in seinem ersten Jahr bisher wenig profilieren. Lediglich mit der Präsentation des neuen Macbook-Pro-Modells mit einem Super-HD-Display konnte Apple einen Akzent setzen. Das unter seiner Führung präsentierte iPhone 4S und das neue iPad wurden hingegen als wenig innovativ kritisiert, und auch das erwartete revolutionäre TV-Gerät blieb der Konzern unter Cook bislang schuldig. Ungeachtet der Kritik konnte Apple in den ersten drei Quartalen 2012 die iPhone-Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr von 55,23 auf 98,14 Millionen Geräte sowie die iPad-Verkäufe von 21,27 auf 44,23 Millionen Geräte steigern.

Kritiker des iPhone 4S und des iPads der 3. Generation, die ins Treffen führen, „unter Steve Jobs wären diese Produkte nicht veröffentlicht worden“, übersehen allerdings die Vorlaufzeit der Produktentwicklung und lassen zudem einige weniger spektakuläre Updates unter Jobs wie bereits das iPhone 3GS oder das jahrelang kaum veränderte Macbook- und iMac-Portfolio außer Acht. Hinsichtlich neuer Produkte werden die von Tim Cook getroffenen Entscheidungen wohl frühestens in den kommenden Monaten, wenn nicht sogar Jahren sichtbar werden.

Kein großer Showman
Daran, dass Cook im Gegensatz zu Jobs die große Bühne nicht unbedingt sucht, hat sich auch in seinem ersten Jahr als CEO wenig geändert. Das zeigte sich auch bei der Eröffnungs-Keynote der Apple-Entwicklerkonferenz, auf der neben dem neuen Betriebssystem Mountain Lion auch iOS 6 sowie das neue Macbook mit Retina-Display vorgestellt wurden. Cook präsentierte sich dort zwar energiegeladen, beanspruchte aber gerade einmal neun der 153 Minuten auf der Bühne für sich. Die Präsentation des neuen Macbooks sowie sämtlicher anderer Neuerungen überließ er Marketing-Vizechef Phil Schiller und anderen Apple-Verantwortlichen.

Dass mit dem als spröde und wenig charismatisch geltenden Cook nun eine Art personifizierte Anti-These zum unberechenbar exzentrischen Steve Jobs an der Spitze von Apple steht, mag eine Ironie des Schicksal sein. Gerade dieser Gegensatz könnte Cook letztlich aber helfen, aus den übermächtigen Fußstapfen seines längjährigen Chefs und Mentors zu treten. Angesichts des enormen Wachstums und den damit verbundenen Herausforderungen in puncto Produktion und Lieferketten ist es jedenfalls kein Nachteil, dass mit Tim Cook einer der effizientesten Manager der Welt das Geschäft führt.

Auf der Trauerfeier für Steve Jobs am Apple-Campus überraschte der bei vielen als uncharismatisch und allzu nüchtern geltende Cook hingegen mit seiner offen zur Schau gestellten Emotion und Sensibilität. Auch die Leidenschaft für Apple und dessen Produkte kann man Cook bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten bislang kaum absprechen. Ob auf lange Sicht der Innovationsgeist Apples unter Cook leiden wird, wird sich allerdings erst zeigen.

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Tags: Apple, Steve Jobs, Tim Cook


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