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Interview Eric Schmidt: "Bei Google, bis ich tot umfalle".

Foto: Jochen Luebke, apa
Seit er nicht mehr Google-Chef ist, ist Eric Schmidt als Innovations-Prediger für den Internetkonzern unterwegs. Am Montag war Schmidt auf der CeBIT in Hannover zu Gast. Im Gespräch mit der futurezone erklärt er wie Google in zehn Jahren funktionieren wird, warum Facebook noch kein Konkurrent ist und weshalb er Millionen in die Tiefseeforschung steckt.

futurezone: Wo sehen Sie Google in fünf bis zehn Jahren?
Eric Schmidt: Wir werden noch bessere Antworten liefern können. Heute liefern wir zehn Links, von denen wir glauben, es sind die besten für den User. Künftig wird die Suche noch persönlicher, noch themenspezifischer, noch voraussagender. Nehmen wir das Beispiel Wien: Man sucht nach Wien und man bekommt als Antwort geliefert, was das interessanteste an Wien ist, dass man vor zehn Jahren da war und von diesem oder jenen begeistert oder weniger begeistert war. Auch beim Thema Verkehr wird sich einiges tun, wir werden Verkehrsstaus vorhersagen können, da wir von Android-Smartphones genug Informationen erhalten. Es gibt viele Möglichkeiten, künstliche Intelligenz zu nutzen.

Eric Schmidt
Foto: Jochen Luebke, apa

Google ist eine Web-Firma, aber wie sehen die Pläne als Hardware-Lieferant aus?
Wir haben Motorola gekauft, aber ich schätze, dass Motorola vor allem Mobiltelefone und Tablets herstellen wird. Freilich auch andere Hardware, aber das machen wir mit anderen Partnern. Wir sind in erster Linie eine Software-Firma, mit einem sehr speziellen und breiten Angebot - viel hat mit Karten zu tun, viel mit künstlicher Intelligenz, viel mit Datencenter und viel mit Fragen-Antworten-Vorhersagen. Und Google Maps wird noch spannender. Youtube ist unglaublich erfolgreich, Chrome ist auf dem besten Weg, der erfolgreichste Browser zu werden. Weil er sicher, schnell und eine gute Plattform für Cloud-Computing ist.

Wenig Erfolg haben Sie mit Google+, das will und will nicht abheben.
Das kommt noch.

Die Frage ist wann. Das Unternehmen Comscore hat in einer Studie erhoben, dass Google+-User im Schnitt nur 3,3 Minuten pro Monat auf Google+ sind.
Google+ ist neu und ist das am schnellsten wachsende Google-Service in unserer Geschichte. Man vergleicht uns immer mit Facebook, aber Facebook hat acht Jahre benötigt, wir sind ein paar Monate alt. Also bitte. Google+ wird wachsen, die Menschen nutzen es auf verschiedenste Art und Weise, wenn es genug Aktivität auf der Plattform gibt, wird es abheben.

Wie sehen Sie eigentlich Ihre Mitbewerber, Microsoft, Apple, Facebook – Facebook scheint derzeit der größte Rivale zu sein.

Dem stimme ich nicht zu. Unser Hauptkonkurrent ist Microsoft, wenn man das Thema Internetsuche betrachtet gibt es Microsofts Bing und Google.  Die Nokia-Phones (auf Windows-Basis, Anm.) werden zwar gut werden, aber nicht gut genug. Das Ökosystem von Android ist viel besser durchdacht, breiter und liefert so viele Möglichkeiten.

Facebook ist also kein wirklicher Konkurrent?

Facebook-Nutzer verwenden auch Google. Noch ist Facebook kein direkter Konkurrent, aber vielleicht in der Zukunft.

Früher oder später wird Facebook in seinem integrierten Suchfeld auch Web-Suche anbieten – und das wird – da Microsoft Anteile an Facebook hat – wohl Bing sein.

Das ist möglich und beweist, dass Microsoft unser Haupt-Gegner ist. Wir kümmern uns mehr um Microsoft als jeden anderen Anbieter am Markt. Die Industrie hat sich ja auf eine relativ kleine Zahl von Plattformen konsolidiert - Apple, Amazon, Facebook and Google.

Aber könnte es nicht ein Problem für Google werden, zu wenig Content anzubieten – wenn man etwa das Thema Musik betrachtet, wo die anderen ja wirklich punkten.
Stimmt, in diesem Bereich sind sie uns voran, aber wir arbeiten daran und holen auf. Aber es gibt Märkte, in denen wir Marktführer sind, etwa die Text-Suche, Display-Werbung und YouTube. Im Musik-Bereich sind wir hinten, weil wir später gestartet sind. Aber das nennt man eben Wettbewerb.

Vor zwei Jahren haben Sie auf dem Mobile World Congress Google Voice Search vorgestellt. Das scheint auch nicht wirklich abzuheben.
Es gibt einige Leute, die damit beginnen, Google Voice Search zu nutzen. Ich persönlich finde es eine wenig eigenartig.

Was treibt Innovation heute voran?
(Eric Schmidt nimmt sein Google Galaxy Nexus und verwendet Google Voice Search. Er spricht in das Smartphone „What is driving innovation today?“ und zeigt die Liste der Google-Treffer)
Wow – ist das nicht beeindruckend?

Da ich keine Google-Treffer abschreiben möchte, könnte ich die Antwort in den Worten von Eric Schmidt haben.
Die Datenexplosion ist das Herzstück vieler neuer Geschäftsbereiche. Ein anderer Bereich ist der Trend „Augmented Reality“ (erweiterte Realität, Anm.). Ein Beispiel sind virtuelle Präsenz-Roboter. Man schickt einen Roboter in eine Konzert und genießt das Konzert so, als ob man selbst vor Ort ist. Das ist dank schneller Bandbreiten, besserer Bild-Erkennung und schneller Prozessoren möglich. Das wird uns im nächsten Jahrzehnt beschäftigen.

Eric Schmidt
Foto: Jochen Luebke, apa

Seit Sie nicht mehr CEO von Google sind, vermitteln Sie den Eindruck, in die Rolle des Visionärs zu schlüpfen.
Das versuche ich. Ich war zehn Jahre lang Google-CEO, nun ist es Larrys (Page, Anm.) Problem. Aber er führt die Firma sehr gut. Ich kann mich mit jetzt mit visionären Themen beschäftigen. Aber ich beschäftige mich nicht mit robotergesteuerten Autos, die uns herumfahren. Für mich ist wichtiger, wie und was sich aus dem Internet entwickelt. Es ist extrem wichtig, dass das Internet nicht von Regierungen, Firmen und der Politik total vermasselt wird.Und daher fliege ich jetzt herum und spreche darüber.

Was machen Sie eigentlich mit Ihrem Geld? Wo investieren Sie es?
In Tiefseeforschung, da die Ozeane sehr wichtig für die Menschheit sind. In den Ozeanen spielt sich so viel ab, von dem wir noch gar nichts wissen. Wir wissen viel über das All, wir wissen viel über das Klima, aber noch zu wenig über die Ozeane. Ich habe mir in Hamburg ein Tiefsee-Forschungsschiff bauen lassen.

Werden Sie auch ein Unterwasser-Labor bauen?
Die besten Tiefsee-Wissenschaft funktioniert auf einem Schiff, mit den neuen Technologien wie Glasfaser kann man sehr tief gehen – mit hochauflösenden Kameras, fantastischen Bildern, Infrarot-Aufnahmen etc. Das wird ein Projekt der nächsten Jahre sein.

Man wird Sie künftig häufiger auf dem Schiff antreffen?Wenn ich nicht seekrank werde.

Was werden Sie nach Google machen?
Ich werde für immer bei Google bleiben. Bis ich tot umfalle. Ich mag Google, weil ich an die Kraft der Information glaube. Mein Lebensziel ist, jedem einen Zugang zur Information zu ermöglichen.

Seit ersten März gelten auf Google die neuen Datenschutzbestimmungen. Vor allem die deutschen Datenschutzbehörden und Verbraucherverbände sind wenig begeistert und haben ihnen bis 23. März Zeit gegeben, eine Stellungnahme dazu abzugeben.
Ich versuche gerade zu verstehen, was da die Beweggründe sind. Wir haben 60 verschiedene Datenschutzbestimmungen auf eine einzige reduziert. Und jetzt mögen sie sie nicht. Vielleicht kennen Sie die Beweggründe.

Haben die Europäer vielleicht eine andere Auffassung von Privatsphäre?
Ich weiß es nicht. Privatsphäre ist wichtig. Wer Google anonym nutzen will, kann dies tun. Im Chrome gibt es einen Incognito-Modus und auf dem Google-Dashboard kann man Informationen löschen, die wir über den Nutzer gesammelt haben. Wer sich um seine Privatsphäre sorgt, hat viele Möglichkeiten, sie zu schützen.

Vielleicht hat es mit einigen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit (Stichwort WLAN-sniffing im Zuge von Google StreetView) und mit einigen Ihrer Zitate zu tun. In einem Interview mit „The Atlantic“ (1. Oktober 2010) wurden Sie zitiert mit: "Wir wissen wo du bist, wir wissen wo du warst und wir wissen mehr oder weniger auch, was du gerade denkst." Und in einem CNBC-Interview (3. Dezember 2009) wurden sie mit dem Satz: "If you have something that you don`t want anyone to know, maybe you shouldn`t be doing it in the first place."
Dieses Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen und hatte mit dem Patriot Act zu tun. Um den würde ich mir als Europäer mehr Sorgen machen.

Ich habe auch noch ein anderes interessantes Eric-Schmidt-Zitat entdeckt: Sie sagen voraus, dass jeder Jugendliche künftig automatisch seinen Namen ändern darf, sobald er erwachsen ist, um seine Jugendsünden in sozialen Netzwerken ungeschehen machen zu lassen.
Das war ein Witz, den ich seinerzeit gemacht habe und der Redakteur (vom Wallstreet Journal) hat das als Vorhersage zitiert. Was ich seither weiß ist, dass ich bei Witzen, die ich mache, künftig sage, dass es ein Witz ist.

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Zur Person: Ziehvater der Google-Gründer

IT-Veteran Geboren 1955, kann Eric Schmidt auf eine lange Karriere in der Hightech-Branche zurückblicken. Von 1983 bis 1997 war er technischer Chef der Server- und Softwarefirma Sun Microsystems, dann wechselte er bis 2001 zu Novell  (Business-Software), um schließlich von  2001 bis 2010 als Google-Chef zu arbeiten.

Mächtig Heute ist Schmidt nach wie vor Vorstandsvorsitzender des Internet-Konzerns und hat damit maßgeblichen Einfluss auf wichtige Entscheidungen bei Google. Zwischen 2006 und 2009 saß  er außerdem im Vorstand von Apple, seit 2009 berät er US-Präsident Barack Obama in IT-Fragen. Schmidts Privatvermögen wird auf 4,6 Milliarden Euro geschätzt.

Lehrer Schmidt wurde vor allem deswegen als Google-Chef geholt, um den beiden jungen Firmengründern Larry Page und Sergey Brin als gestandener Manager zur Seite zu stehen. Er leitete das Tagesgeschäft der Firma und wickelte wichtige Meilensteine wie den Börsengang 2004 und die YouTube-Übernahme 2006 ab. 2011 gab er den Chefposten an Google-Gründer Larry Page ab.

(futurezone) Erstellt am 06.03.2012, 16:00

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