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Reportage Stockholm: Nordische Start-up-Hochburg hebt ab.

Foto: APA
H&M, Königsschloss und Karlsson vom Dach? Die schwedische Hauptstadt kann natürlich mehr als nur gängige Klischees erfüllen. Vor allem Internet-Unternehmer finden in Stockholm eine attraktive Zentrale für ihre Welteroberungspläne.

Groß war die Euphorie in der österreichischen Start-up-Szene 2011 nach den Konferenzen SIME Vienna und STARTup Week - vielerorts war bereits die Rede davon, dass sich Wien neben Berlin und London als dritte Start-up-Hauptstadt Europas etablieren könnte. Die Aufbruchsstimmung tut der Internet-Branche sicherlich gut - doch damit die “Silicon Alps” Realität werden, muss der Standort noch attraktiver werden, um etwa Abwanderungstendenzen (Qriously, Lookk, Busuu) entgegenzuwirken. Derweil droht aber auch die Gefahr, von anderen europäischen Städten, mit denen niemand so wirklich rechnet, in den Schatten gestellt zu werden. Neben Amsterdam lässt vor allem die schwedische Hauptstadt Stockholm die Muskeln spielen. Die futurezone war vor Ort.

“Stockholm ist derzeit einer der interessantesten Orte, was Technologie angeht”, sagte KaZaa- und Skype-Gründer Niklas Zennström im Rahmen der Internet-Konferenz SIME Stockholm. “Schweden hat die digital am besten vernetzte Ökonomie der Welt und einen globalen Mindset, was das Entwickeln von innovativen Technik-Start-ups betrifft”, urteilt Wired UK über den Standort. Dessen großer Star ist definitiv Zennström, der seine mit den zwei (!) Skype-Verkäufen (2005 an eBay, 2011 an Microsoft) verdienten Millionen (Milliarden?) neuerdings auch im Heimatland reinvestiert. Über seinen 165 Mio. Dollar schweren Fund Atomico Ventures hat er erst vor zwei Wochen 5,5 Mio. Dollar in das Stockholmer Start-up Wrapp gepumpt, mit dem Nutzer Geschenkgutscheine an ihre Facebook-Freunde verschicken können.

“Toller Testmarkt” für internationale Produkte
Wrapp ist das perfekte Beispiel für ein Stockholmer Start-up. “Schweden bauen fantastische Firmen, weil wir hier einen tollen Testmarkt haben, in dem es eine hohe Handy- und Internetpenetration gibt”, sagt Investor Zennström. “Man darf aber nicht den Fehler machen, lokal zu bleiben. Man muss sich schnell international, nach Großbritannien, die USA oder China orientieren.” Genau das macht auch Wrapp: In den USA wittert CEO Hjalmer Winbladh einen 100 Mrd. Dollar schweren Markt für Geschenkgutscheine, den man mit der schnellen Expansion via Büro im Silicon Valley erobern möchte. Womit man auch gleich beim zweiten Charakteristikum angelangt ist: Wrapp hat Ex-Manager von Spotify, Rebtel und H&M im Team und baut auf ureigenst schwedischem Know-How und Unternehmertum auf.

Niklas Zennström Skype Atomico
Foto: Jakob Steinschaden

Die Liste schwedischer Internet-Exporte ist beeindruckend (vor allem im Vergleich zur österreichischen, die sich im Prinzip auf Jajah und Last.fm beschränkt): Neben Spotify, Skype, KaZaa, der 1-Mrd.-Dollar-Firma Qliktech und der berühmt-berüchtigen “ Pirate Bay ” stammen auch das sehr erfolgreiche Teenie-Game Stardoll , der VoIP-Dienst Rebtel (1 Mio. Nutzer, 75 Mio. Dollar Umsatz) oder der Ego-Shooter des Jahres (“ Battlefield 3 ” von Dice) aus dem neutralen Land. Zudem steht eine ganze Schar an jungen Internet-Firmen in den Startlöchern: Das Stockholmer Studio Mojang begeistert Indie-Gamer mit dem Spiel “Minecraft”, iZettle (12-Mio-Dollar-Investment von Index Ventures) will mit seinem Kreditkarten-Leser zur europäischen Square-Alternative werden, und Readmill soll das eBook-Lesen “social” machen. Schweden selbst ist mit seiner guten Glasfaser-Infrastruktur (und kontroversen Legislatur ) schließlich so attraktiv, dass der Social-Networking-Gigant Facebook im Norden des Landes sein erstes Server-Zentrum auf europäischen Boden hinsetzen will.

Nährboden mit Tradition
Die Region Stockholm - mit einem Einzugsgebiet von mehr als 2 Mio. Einwohnern die größte Stadt Skandinaviens - bietet jungen Start-ups ein besonders gutes Fundament. Viele der Ingenieure, die bei Internet-Start-ups arbeiten, hatten Ausbildung und Berufsweg in der “Kista Science City”. Größtenteils ihr ist es zu verdanken, dass Stockholm kürzlich von Fortune zu den 15 boomendsten Business-Regionen der Welt gewählt wurde und außerdem den Titel “Wireless Valley” verpasst bekam. Weil sich Ericson und IBM 1976 (dem Gründungsjahr von Apple) in dem nordwestlichen Stadtteil Stockholms angesiedelt haben, kann sich die “Kista Science City” heute auf die Fahnen schreiben, wesentlich zur Entwicklung des Transistors, des Computer-Chips, des Mikroprozessors und des ersten funktionierenden Mobiltelefons beigetragen zu haben.

Erstes Mobiltelefon der Welt von Ericsson
Foto: Ericsson

Heute zählt die Stockholm Business Region mehr als 1200 ICT-Unternehmen (darunter rund 180 ausländische Firmen wie Philips, ZTE, Huawei, Nokia, Fujitsu, Microsoft, IBM, LG), die insgesamt 24.000 Menschen beschäftigen. Milliardenschwere Infrastruktur-Projekte (Autobahn, öffentliche Verkehrsmittel, Büro-Komplexe, Wohn-Areale) sollen die Kista Science City bis 2025 zum führenden europäischen Technologie-Hub machen. Um den Talente-Pool zu vergrößern, arbeitet die Stadt Stockholm eng mit Ericsson, dem Royal Institute of Technology und der Universität Stockholm zusammen: Am “Campus Kista” werden derzeit 5000 Studenten ausgebildet - von Nano-Physik bis “Interaction Design”. Auch beim Start-up-Gründen ist die Stadt behilfich: Der Inkubator “Sting” stellt jährlich zehn bis zwölf junge Firmen auf die Beine.

Probleme & Hürden
So gut die Offenheit (bestes Indiz: Man findet keine Vorhänge in den Fenstern) und das Selbstbewusstsein (das brillante Englisch trägt zum überzeugenden Auftreten maßgeblich bei) der Schweden zum Internet-Business passen, so gewahr müssen sie sich auch der Nachteile Stockholms sein: Die “Hauptstadt Skandinaviens” ist ein teures Pflaster und hat auch dazu beigetragen, dass wichtige Firmen wie Skype (Luxemburg), Spotify (London) oder Soundcloud (Berlin) ihre Headquarters ins Ausland verlegt haben.

Auch ist der hohe Grad der Vernetzung in der Szene, von der Wired UK schwärmt, nicht überall zu bemerken. Der wichtigen Konferenz SIME Stockholm im November blieben etwa Spotify oder die SIME-Award-Gewinner Soundcloud fern - wohl weil sie im Ausland wichtigeren Tätigkeiten nachgingen. Strahlkraft hat Stockholm im Ausland aber allemal: So ist die Stadt etwa für den Payment-Dienst Adyen, der etwa mit Groupon kooperiert, erste Wahl für die Eröffnung des nächsten Auslands-Offices.

SIME Stockholm 2011
Foto: SIME

Aufholbedarf in Österreich
Mit Wien verbindet Schweden seit dem Frühling 2011 die SIME-Konferenz, die einen Ableger des Originals nach Amsterdam und Barcelona auch in Österreich gestartet hat. „Wien hat mit der SIME VIENNA ein unglaublich attraktives Geschenk bekommen, das nicht jede Stadt erhält. Stellt sich nur die Frage, was weiterhin daraus gemacht wird“, sagt etwa Jacob Hsu, CEO von Symbio, im Rahmen der Konferenz. Martin Drexler, der die SIME gemeinsam mit den SIME-Betreibern und Microsoft nach Wien geholt hat, meint: „Wien kann sich hier natürlich noch bestens international positionieren, aber das muss schnell, konsequent und klar gemacht werden. Es weiß international noch niemand so recht, wofür der Medienstandort Wien eigentlich steht.“



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(futurezone) Erstellt am 28.11.2011, 00:00

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