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Konferenz Der große "Smart City"-Schwindel.

Prototypische Smart City: Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Prototypische Smart City: Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten - Foto: Foster & Partners
Bei einer Konferenz in Wien wurde über die Stadt als Informationssystem diskutiert. Konzepte der Smart City wurden dabei durchaus kritisch hinterfragt.

Ob Wien, Graz, Salzburg, Wien oder Wellington. Städte wollen "smart" sein. Was sich hinter dem Begriff "Smart City" verbirgt, ist allerdings höchst unterschiedlich. Bei der Konferenz "Digitale Wolken und urbane Räume: Die Stadt als Informationssystem", die am Mittwoch im Architekturzentrum Wien (AZW) stattfand, wurde das Schlagwort von der smarten Stadt kritisch hinterfragt.

Seit dem Jahr 2000 habe sich in der Stadtplanung die Smart City als neue Planungs-Philosophie durchgesetzt, erzählte Barbara Saringer-Bory vom Österreichischen Institut für Raumplanung zum Auftakt der Konferenz. Vordergründige Ziele sei es, den Energieverbrauch zu verringern und die Anzahl der Autos in der Stadt zu reduzieren. Lösungen dafür sollen neue Technologien bringen. Die Pläne reichen von Mobilitätskonzepten, bei denen Autos, öffentlicher Verkehr und der nicht motorisierte Individualverkehr kombiniert werden, bis hin zu energiesparenden Bauweisen und Smart Grids, mit denen der Energieverbrauch gesteuert wird.

"Markt für Technologiekonzerne"

"Wenn wir das Wort Smart City hören, hören wir nur eine Version der hoch technologisierten Stadt", sagte der US-Autor und Informationsarchitekt Adam Greenfield. Es gebe viele andere Möglichkeiten. "Smart City ist ein abstraktes Terrain. Ein Markt, auf dem Technologiekonzerne ihre Produkete und Dienste verkaufen können."

In seiner Streitschrift "Against the smart city" ("Gegen die Smart City"), die Ende 2013 erschien, untersucht Greenfield die PR-Broschüren und Marketingmaterialen für drei exemplarische Projekte - Songdo City in Südkorea, Masdar in Abu Dhabi und PlanIT Valley in Portugal. Sie wurden von großen Technologiekonzernen, darunter  Cisco, IBM, Siemens und Hitachi, mitentwickelt und können laut Greenfield gleichsam als Blaupause für den Begriff der Smart City gelten.

Masdar
Smart-City-Prototyp: Masdar - Foto: Foster & Partners
Von den Stadtbewohnern ist in den Konzepten der Tech-Konzerne wenig zu lesen. Sie kommen allenfalls am Rande vor. Als Konsumenten, deren Gewohnheiten von technischen Systemen beobachtet und gegängelt werden. Störungen der vermeintlichen Smart-City-Idylle werden minimiert - oder wie es in einem Siemens-Prospekt heißt: Man biete ein umfassendes Wissen über die Gewohnheiten der Nutzer und stelle optimale Services bereit.

"Technokratische Vision"

Informelle Praktiken der Bürger oder demokratische Rechte würden in den Visionen der Smart-City-Apolegten ausgeblendet, meint Greenfield. Dafür gebe es keinen Raum. "Die Smart City ist eine technokratische Vision, in der die Bewohner überwacht werden."

Dass es auch anders geht, zeigte der Informationsarchtiekt, der in der Vergangenheit auch für den finnischen Nokia-Konzern tätig war, etwa am Beispiel des afrikanischen Projekts Map Kibera, bei dem vernetzte Technik zur Emanzipation der Bürger genutzt wird. Die Bewohner des Slums im Südwesten von Kenias Hauptstadt Nairobi erstellten mit Hilfe von GPS und des freien Kartendienstes Open Street Map eine Karte von Kibera, das davor lediglich eine Leerstelle auf der Landkarte war, und konnten so politische Forderungen geltend machen.

map kibera
Map Kibera - Foto: Screenshot, map kibera
Vernetzte Städte sollten es ihren Bewohnern ermöglichen, gemeinsame Wissen zu generieren, sagte Greenfield: "Wir brauchen technische Systeme, die auf einem Verständnis des Alltags der Bürger basieren." Die Smart City sei veraltet und dumm. "Wir können es besser."

"Keine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen"

Der Fokus bei Smart-City-Konzepten liege auf den Möglichkeiten der Technik und nicht auf den Problemen, die es zu lösen gilt, sagte auch Christoph Laimer, Obmann des Wiener Vereins für Stadtforschung, derive, und Gründer und Chefredakteur der gleichnamigen Zeitschrift. "Es geht nicht um die die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen, sondern darum, Technik zu verkaufen."

Von der Politik sollte man sich eigentlich andere Perspektiven erwarten, meinte Laimer. Diese Erwartungen würden jedoch nicht erfüllt. Die Städte ließen sich, gelockt durch Fördergelder der EU, in einen Wettkampf um Smart Cities drängen. Die Partizipation der Bürger sei dabei nicht mehr als ein hohles Schlagwort. Als Beispiel führte er an, dass in den Smart-City-Beratungsgremien der EU zwar Konzerne in großer Zahl vertreten sind, zivilgesellschaftliche Initiativen hingegen keinen Platz finden.

Laimer machte sich in Anlehnung an den französischen Philosophen Henri Lefebvre für ein "Recht auf Stadt" stark. "Utopien werden durch die urbane Praxis erarbeitet", sagte der Politikwissenschaftler. Entsprechende Initiativen gebe es, trotz mangelnder Unterstützung durch die Politik, auch in Österreich, etwa unter rechtaufstadt.at.

"Transparenz, Vertrauen, Gegenseitigkeit"

Marleen Stikker, Gründerin der in Amsterdam ansässigen Waag Society, die kreative Nutzungen von Technologien untersucht, und aus der unter anderem das Fairphone hervorging, sprach sich für die stärkere Einbindung der Bürger bei Smart-City-Konzepten aus. Zentral dafür seien Transparenz, Vertrauen und Gegenseitigkeit, so die Niederländerin, die in den 90er Jahren auch für das Projekt Digitale Stadt Amsterdam verantwortlich war.

Technologie bestimme unsere Gesellschaft. Sie sei aber nicht neutral. Wichtig sei es, darauf zu achten, dass Systeme offen seien und den Bürgern die Möglichkeit der Mitgestaltung und Mitbestimmung geben.

Fair Meter
Fair Meter: Die Einzelteile eines intelligenten Stromzählers - Foto: Fair Meter Initiative, Waag Society
Ein Beispiel, wie dies bewerkstelligt werden könne, sei etwa die Öffnung der Smart Meter, die bis 2020 EU-weit in fast allen Haushalten eingeführt werden sollen. Die Waag Society startet dazu das Projekt Fair Meter, das nicht nur sicher stellen will, dass die intelligenten Stromzähler nach fairen Kriterien produziert werden, sondern dass die Bürger auch die volle Kontrolle über ihre Daten behalten. "Warum sollen meine Daten in komplexe Systeme gespeist werden, denen ich nicht vertraue?", fragte Stikker.

Als weiteres Beispiel nannte sie das in Barcelona entwickelte Smart Citizen Kit, das es unter anderem Bürgern mit Sensoren ermöglicht, Umweltdaten zu sammeln und miteinander zu teilen.

"Frustriert"

In der abschließenden Diskussion kam auch eine Vertreterin der Stadt Wien zu Wort. Was sie bei der Konferenz gehört habe, werde den Wiener Smart-City-Bemühungen nicht gerecht und habe sie frustriert, sagte Ina Homeier von der in Wien für die Stadtplanung zuständigen MA 18. Die Wiener Smart City Rahmenstrategie soll noch im Juni im Gemeinderat beschlossen werden. Damit solle die Lebensqualität der Bürger gesteigert werden, sagte Homeier. Themen seien Energieeffizienz und Mobilität. Dass solche Konzepte "industriegesteuert" seien, räumte die Magistratsbeamtin ein. In Wien habe man sich aber bemüht möglichst viele Gruppen miteinzubeziehen, auch die Bürger.

Auf eine Frage aus dem Publikum, welche der Smart-City-Ideen in Wien bereits funktionieren würden, fiel Homeier der soziale Wohnbau ein. "Sozialer Wohnbau ist wichtig und wünschenswert", meinte Smart-City-Kritiker Greenfield: "Er hat aber nichts mit dem zu tun, was uns die Smart-City-Vertreter an Wertvorstellungen verkaufen wollen."

(futurezone) Erstellt am 13.06.2014, 13:19

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