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Erkannt Gesichtserkennung führt zum Ende der Anonymität.

Foto: Screenshot
Anonymität im Alltag ist nicht mehr möglich, sobald es nur ein einziges namentlich benanntes Profilbild im Netz gibt. Amerikanischen Forschern ist es gelungen, unbekannte Personen zu identifizieren und Pseudonyme von Nutzern zu lüften – mit Standardsoftware.

Aus Science-Fiction-Filmen ist die Szene bekannt: Ein Agent trägt eine digitale Brille. Sie blendet ihm alle Daten zu seinem Gegenüber ein: Name, Alter, Wohnort, finanzieller Status und noch einiges mehr. So kann er sich rasch in fremden Umgebungen orientieren.

Was wie ein futuristisches Szenario für Geheimdienste wirkt, ist inzwischen jedem Menschen möglich, behaupten Forscher der Carnegie Mellon University. Alessandro Acquisti, Ralph Gross und Fred Stutzmann zeigten in mehreren Experimenten, dass es möglich ist, Menschen in Echtzeit zu identifizieren – dank Fotos, die im Internet frei verfügbar sind. Auf der Black-Hat-Sicherheitskonferenz in Las Vegas stellten sie jetzt ihre Ergebnisse vor.

Gesichtserkennung ist längst Standard
Gesichtserkennungssoftware ist bei großen Unternehmen längst im Einsatz: Google kaufte die Anbieter Neven Vision, Riya und PittPatt und implementierte die Gesichtserkennung in seinem Bilderdienst Picasa. Apple kaufte Poler Rose und baute die Funktion in iPhoto ein. Facebook lizenzierte den Dienst Face.com, um ein automatisiertes Tagging der Bilder zu ermöglichen. Allein Facebook verfügt über eine mächtige Bilderbasis: Im letzten Jahr luden Facebook-Nutzer jeden Monat 2,5 Milliarden Fotos hoch. Ihre eigenen Gesichter sind bereits identifiziert - über das Profilfoto, das mit dem Namen der Nutzer verknüpft ist.

Pseudonyme gelüftet
In einem Experiment zeigten die Forscher, dass sie jeden zehnten Nutzer einer Dating-Website, der seine Identität mit Pseudonymen schützen wollte, mit Hilfe von Googles Gesichtserkennungssoftware PittPatt anhand seines Facebook-Profilfotos identifizieren konnten.

Dabei berücksichtigten sie jeweils nur das erste Ergebnis des Bildabgleichs. Außerdem schränkten sie die das Experiment auf eine US-Stadt mit rund 330.000 Einwohnern ein.

Demokratisierung der Überwachungstechnik
In ihrem Vortrag wagen die Forscher eine besorgniserregende Prognose: „Da ein Angreifer mehr Fotos verwenden kann und mehr Abgleiche durchführen wird, wird sich die Trefferzahl dramatisch erhöhen“. Sie glauben daher an eine „Demokratisierung der Überwachungstechnik“. Jedem werde es schon bald möglich sein, per Smartphone x-beliebige Passanten auf der Straße zu identifizieren.

Ein Facebook-Profil genügt…
In einem weiteren Experiment testen die Forscher, wie schnell es gelingt, fremde Personen zu identifizieren. Dafür befragten sie 93 Studenten eines Colleges nach ihren Facebook-Gewohnheiten, während sie sie mit einer Webcam fotografierten. Eine Gesichtserkennungssoftware glich die Bilder mit öffentlich zugänglichen Fotos aus 25.000 Facebook-Profilen ab, die eine Verbindung zu dem College aufwiesen. Binnen 2,9 Sekunden konnte die Software die Teilnehmer einem Facebook-Foto zuordnen. Jeder dritte Teilnehmer konnte sich auf dem Bild wiedererkennen.

Schon vor zwei Jahren zeigten die Forscher, wie sich Personenprofile mit Kreditkarten und Sozialversicherungsnummern verknüpfen lassen. Mit Hilfe von Fotos konnten sie mit Hilfe von Datenbanken die Sozialversicherungsnummer erraten und den finanziellen Status herausfinden.

Nur noch wenige Barrieren bis zum Alltagseinsatz
Einige Einschränkungen für die Personenerkennung auf Straßen gibt es jedoch, räumen die Forscher ein: So sei es unwahrscheinlich, frontale Profilfotos von Personen zu erhalten, die nicht kooperieren. Außerdem werden die Suchergebnisse ungenauer, wenn die Bilder mit einer größeren Zahl potenzieller Ziele abgeglichen werden. So sei die Echtzeit-Personenidentifizierung noch nicht für jeden machbar, doch die gegenwärtige technische Entwicklung vorausgesetzt, sei das nur eine Frage der Zeit.

Die Entwicklung wird von verschiedenen günstigen Faktoren begünstigt: So gibt es heute zahlreiche Quellen für frei verfügbare Profilfotos. Dazu zählen nicht nur Facebook-Fotos, sondern alle Profil-Fotos aus Sozialen Netzwerken, die öffentlich zugänglich sind. Bekanntlich schränken nur wenige Nutzer den Zugriff von außen auf ihr Profil ein.

Unternehmen, die ihre Gesichtserkennungssoftware weiterentwickeln, kooperieren mit den Betreibern sozialer Netzwerke, um Milliarden von Bildern zu taggen. Jüngstes Beispiel: Facebook und Face.com. Hinzu kommt: Viele Nutzer taggen eigene Bilder sowie die Bilder anderer Personen etwa in Fotoplattformen wie Flickr. Diese Art von Identifizierung ist inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Auch wird die Software für Gesichtserkennung immer besser darin, auch Gesichtsprofile von der Seite zu erkennen.

Suche mit Bild
Auch Suchmaschinen werden die weitere Entwicklung maßgeblich gestalten: Google bietet seit kurzer Zeit eine Suche mit Hilfe von Bildern an: Zieht man Bilder in die Suchleiste, werden mit Hilfe der Bilder Suchergebnisse angezeigt. Künftig ließen sich also Profilfotos für eine Suche verwenden – und so zu vormals unbekannten Personen zahlreiche Hintergrundinformationen recherchieren. Google bietet eine solche Funktion bewusst erst einmal nicht an.

Die Forscher sind sich sicher: „Allein die Zahl der Silicon-Valley-Player, die in den letzten Monaten in diesen Bereich eingestiegen sind, zeigt, dass es an der Gesichtserkennung ein kommerzielles Interesse gibt.“ Ein möglicher Anwendungsbereich findet sich im Personalwesen: In den USA erlaubte die Regulierungsbehörde FTC kürzlich das Erstellen von Personen-Dossiers aufgrund von Social-Web-Daten. Verwendet werden diese von Arbeitgebern im Vorfeld von Personaleinstellungen.

Aber auch die mobilen Geräte werden immer schwerer wahrnehmbarer: Das, was heute mit Smartphones möglich ist, könnte zudem künftig mit Hilfe von Brillen möglich sein. So plant die brasilianische Polizei einen Einsatz solcher Gesichtserkennungsbrillen zur Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2014. Der Schritt zu digitalen Kontaktlinsen ist dann nicht mehr weit.

Das Ende der Anonymität
„Was heißt das für die Privatsphäre, wenn Fremde auf der Straße den eigenen Namen, die Interessen, die Sozialversicherungsnummer oder Kreditwürdigkeit erraten können“, fragen die Forscher. In Zeiten der „erweiterten Realität“, der „augmented reality“, in denen Online- und Offline-Daten in Echtzeit kombiniert werden können, könnte die Menschen dazu zwingen, die Bedeutung der Privatsphäre neu zu überdenken. Mit dem Ende der Anonymität werde sich auch das Verhalten der Menschen ändern, glauben die Forscher. Denn sie würden nicht mehr in menschlichen Interaktionen Vertrauen aufbauen, sondern sich auf die Daten verlassen, die ein Gerät ihnen übermittelt. Willkommen in der schönen neuen Welt.

(futurezone) Erstellt am 07.08.2011, 06:10

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