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Interview HTC: "Apple ist stark im Industrie-Design".

Foto: Screenshot
Der HTC-Chefdesigner Claude Zellweger im FUTUREZONE-Gespräch über Inspirationsquellen, den Rivalen Apple und das Handy der Zukunft.

Ich habe mal mit Notebook-Designern von Sony gesprochen, die meinten, sie lassen sich von Sportwägen inspirieren. Wo liegen Ihre Inspirationsquellen?
Ich glaube, es wäre ein Fehler, bei Autos abzuschauen. Autos sind von Rädern bestimmt, Handys vom Display. Das ist also eine ganz andere Philosophie. Meine Inspiration kommt vielmehr aus der Mode, von Uhren oder Instrumenten.

HTC ist unter anderem für den Knick des “Hero” und des “Legend” bekannt. Was ist seine Geschichte?
Ich wollte mit dem Knick auf sehr kleinen Raum ein Akzent setzen. Aber er hat auch praktische Gründe: Man schützt so das Display, weil das Gerät nicht ganz auf dem Tisch aufliegen kann und zerkratzt. Das Design hat auch eine Telefon-analogie, weil sich das Gerät so ums Gesicht schmiegt wie bei den alten Hörern.

Smartphones bestehen schließlich fast nur mehr aus einem Display. Haben Sie als Designer überhaupt noch Spielraum?
Erstaunlicherweise doch. Beim HTC Desire haben wir etwa einen kleinen Standfuß eingebaut, damit man besser Videos anschauen kann. Neben neuen Funktionen kann man auch bei der Bauweise kreativ sein: Das HTC Legend ist aus einem Stück Aluminium gefräst, da bin ich sehr stolz drauf.

Apples MacBooks sind auch aus einem Stück Aluminium gefräst, da haben Sie sich offensichtlich auch inspirieren lassen.
Apple ist stark im Industrie-Design. Bei neuen Produktionsprozessen sind große Investitionen notwendig. Wenn einer den nächsten Schritt macht, ist es für die anderen leichter. Aber für HTC ist es sehr wichtig, keine Apple-Nachahme zu sein, gerade im Telefonbereich. Als das iPhone herausgekommen ist, haben es Samsung und andere nachgebaut, mit einem großen Screen und einem kleinen Knopf darunter. HTC hat das nicht nachgemacht.

Apple hat mit “Antennagate” des iPhone 4 einen herben Rückschlag erleben müssen. Hätten Sie die Antenne in den Rahmen eingebaut?
Nie im Leben, das ist kompletter Wahnsinn! (lacht). Aber im Ernst: Die Antennen sind beim Design entscheidend. Denn während sie Metall hassen, lieben wir Designer Metall. Das ist ein echter Tanz mit dem Antennen-Team, damit jeder kriegt was er will. Apple wusste auch, wo dieser Kompromiss liegt, und es war ihnen klar, dass die Probleme auftreten werden.

Wird Apple wieder zum alten Design des iPhone 3GS zurückkehren?
Nein, die werden sicher nicht zurückrudern. Die schauen immer nach vorne, genauso wie wir.

Es kommen immer mehr Touchscreen-Handys auf den Markt. Wird die Tastatur diesen Trend überleben?
Wir wissen alle, dass es viel besser ist, auf einem richtigen Keyboard zu tippen. Es wird weiter ein Ziel vieler Hersteller bleiben, das Desktop-Erlebnis auf ein Handy zu übertragen. Langristig wird es eine Verschmelzung zwischen Tastatur und Bildschirm geben, die Übergänge, was sich hart und weich anfühlt, werden fließend sein.

Die japanische Firma C Group hat mit “Dragontail” ein extrem kratzfestes Display-Glas entwickelt. Werden Sie es in Ihre zukünftigen Modelle einbauen?
Mir sagt “Dragontail” persönlich nichts, aber ich habe ein ganzes Team, dass sich nur mit neuen Materalien beschäftigt. Wenn es das Design beeinflusst, informieren sie mich, etwa wenn man Glas auch krümmen kann.

Wäre es denn sinnvoll, das Display-Glas zu krümmen?
Sicher. Alle Handy-Designer streben ja das rahmenlose Display an, bei dem man nur Bild hat. Wenn das Material nicht zerbricht und sich biegen lässt, braucht man keinen Rahmen mehr.

Bleiben wir bei Displays: Das HTC Desire HD misst 4,3 Zoll und ist eines der größten Handys am Markt. Wo liegt die Obergrenze?
Die Antwort auf diese Frage ändert sich jedes Jahr. Zuerst dachten wir, dass 3,7 Zoll das Maximum wäre, dann wurden es 4,3 Zoll. Zwischen dem Handy und dem Tablet wird es fließende Übergänge geben.

Welche Idee steckt hinter dem gelben Interieur des HTC HD Mini, das man erst enteckt, wenn man die SIM-Karte wechselt?
Wir wollten eine neue Design-Sprache etablieren, die sich “innere Stärke” nennt. Unsere Ingenieure sind top, so wie es Sony vor 20 Jahren war. Das wollten wir zelebrieren und zeigen, dass das Innere des Handys genauso wichtig ist wie sein Äußeres.

Wenn Sie an die Zukunft des Handys denken, was wird auf uns zukommen?
Der ganze “Wearables”-Bereich wird kommen. Früher war das Handy Technologie und etwas das man lieber versteckt hat. Aber heute wollen wir diese Technologie herzeigen und sind stolz darauf. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass das Handy als Schmuck auf die Hand oder andere Körperteile wandert.

Welche Materialien sind künftig beim Handy-Bau möglich? In Japan gibt es etwa eines aus Holz.
Wir wollen an vorderster Front mitmischen, was Materialien betrifft. Wichtig ist allerdings, dass das Material nicht nur eine Verkleidung ist. Klar kann man einen Holzmantel um ein Smartphone bauen, aber das ist nicht sinnvoll, weil es dicker und schwerer wird. Ich glaube, dass vor allem umweltfreundliche Stoffe ein großes Thema werden.

Wenn das Handy dicht am Körper sitzt, wird es dann unsere Vitalfunktionen messen und auf unsere Emotionen rückschließen?
Auf jeden Fall. Es wird eine Art Lebensberater und für unser Wohlergehen sorgen. Aber auch in Entwicklungsländern werden diese kleinen Mini-Computer medizinische Daten an Krankenhäuser schicken.

HTC-Handys sind im Schnitt sehr teuer, für die Menschen in Entwicklungsländern niemals erschwinglich.
Es wird eine Vergrößerung des Preisspektrums geben. Wir werden mit den Flaggschiffmodellen im oberen Segment bleiben, aber in den nächsten zehn Jahren werden sich viele Menschen Smartphones leisten können.

Menschen in Billiglohnländern haben heute mit Smartphones nur in der Fabrik Kontakt - wenn sie sie zusammenbauen. Haben Sie als Designer Einfluss auf die Arbeitsbedingungen in den asiatischen Staaten?
Indirekt schon, weil wir immer mehr in den Herstellungsprozess eingebunden werden. Wenn in den Fabriken unnötig viel Handarbeit gemacht werde muss, überlegen wir uns, wie das mit einer Maschine gemacht werden kann. Klar kann man dann sagen, wir nehmen jemandem die Arbeit weg. Aber ehrlich gesagt ist unser Einfluss auf die Arbeitsbedingungen bescheiden. Klar sind die Fabrikshallen riesig, haben kein Tageslicht und die Arbeitsstunden sind extrem, aber sie sind auch Hightech, und man hat kein schlimmes Gefühl, wenn man hineingeht.

Wie sieht Ihr Traumhandy der Zukunft aus?
Es wäre überhaupt nicht da. Man müsste es gar nichts Physisches anfassen und man steuert es mit Gedanken. Die Ironie dabei ist, dass ich mir damit den eigenen Job wegnehme.

(futurezone) Erstellt am 17.02.2011, 16:00

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