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Interview "Mehr Vernetzung führt zu mehr Einsamkeit".

Foto: Fotolia/nuvolanevicata
Die bekannte US-Soziologin Sherry Turkle beklagt in ihrem Buch "Verloren unter 100 Freunden", dass wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. Im Interview mit der futurezone spricht die MIT-Professorin über Einsamkeit, falsche Freunde auf Facebook, den Stress der ständigen Verfügbarkeit und die Rückkehr zum Uni-Tasking.

Wenn Eltern während des Frühstücks ihre eMails abarbeiten, Trauergäste beim Begräbnis SMS verschicken, Studenten in Seminaren online-shoppen, Schüler täglich stundenlang Kurznachrichten absondern und Telefongespräche vielen Jugendlichen zu intim sind – dann läuft etwas falsch, findet zumindest Sherry Turkle.

Die US-Soziologin ist nicht irgendwer: Als sie vor mehr als 30 Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) anheuerte, um herauszufinden, wie der Computer Menschen verändert, zerbrachen sich andere gerade den Kopf darüber, wozu man Heimcomputer nutzen könnte. Mittlerweile durchdringt das Digitale alle realen Lebensbereiche.

Auf Grundlage umfangreicher Studien beschreibt Turkle in ihrem neuen Buch „Verloren unter 100 Freunden“ wie die Internet-Kommunikation und der Einsatz sozialer Roboter Geist, Gefühlsleben und Beziehungen der Menschen in den vergangen 15 Jahren gewandelt haben. Und gelangt zum alarmierenden Schluss: Beziehungen zu pflegen, Freundschaften in Gesprächen zu vertiefen und Liebe durch Fürsorge zu geben, erscheint Menschen heute oft zu kompliziert. Allein zu sein ist für die meisten aber mindestens genauso unerträglich. Und so kommunizieren sie rund um die Uhr im Netz und werden zunehmend unfähig, echte Gespräche zu führen. Sie haben zahlreiche Facebook-Freunde – und sind einsam.

futurezone: Ihr Buch kreist um die Frage, wie Computernutzung Menschen verändert. Ja wie?
Sherry Turkle:
Wir sind längst abhängig von der Technologie. Wir betrachten das Alleinsein als ein Problem, das gelöst werden muss. Das ständige Verbundensein im Netz, verändert die Art wie Menschen von sich selbst denken. Durch die Technik teilen wir heute unsere Gedanken und Gefühle in der Sekunde in der wir sie haben, mit anderen – und definieren uns darüber. Früher hieß es: „Ich habe ein Gefühl, ich will es jemanden am Telefon mitteilen. Heute sagt man: „Ich möchte etwas spüren, ich muss eine SMS absetzen.“ Wenn wir nicht online sind, spüren wir uns nicht. Wir vernetzen uns also immer mehr – und werden immer einsamer. Denn anstelle uns ausführlich mit einem Gegenüber auszutauschen, schicken wir einfach eine Nachricht. Wir verwechseln unser Bedürfnis, Gefühle mitzuteilen, mit dem Bedürfnis, Informationen auszutauschen.

Sherry Turkle
Sherry Turkle, ausgebildete klinische Psychologin und Professorin für Wissenschaftssoziologie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist Amerikas führende Expertin für den Einfluss von Computern auf Menschen. - Foto: MIT

Viele klagen mittlerweile über den Stress, den eMails, SMS, Facebook, Twitter auslösen.
Natürlich! Das ständig Verfügbarsein ist anstrengend. Die Leute schreiben SMS in Sitzungen, tauschen sich während des Unterrichts auf Facebook aus und erzählen mir von einer neuen, überaus wichtigen Fähigkeit: SMSen und dabei Augenkontakt mit dem Gesprächspartner halten. Das sei hart, aber machbar...

Eltern schreiben während des Essens eMails – und ihre Kinder beklagen sich darüber, dass sie nie deren volle Aufmerksamkeit haben. Gleichzeitig enthalten die Kinder einander ihre volle Aufmerksamkeit aber auch vor. Warum ist das wichtig?
Weil das Probleme macht – in Beziehungen, aber auch in unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion. Wir haben uns daran gewöhnt, zusammen allein zu sein. Wir wollen zwar beisammen sein, aber bitte nicht zu nahe. Und gleichzeitig wollen wir ganz woanders sein.

Und Multitasking hilft da nicht, sondern ist ein Mythos?
Ja, darin ist sich die Wissenschaft sicher. Unsere Leistungen werden mit jeder Aufgabe, die wir zusätzlich tun wollen, schlechter. Und wir geraten in einen Teufelskreis: Wir bilden uns nämlich ein, immer besser zu werden. Auf neurochemischer Ebene werden wir im Gehirn jedes Mal belohnt, wenn wir einen Suchprozess im Netz starten oder eine neue Website finden; ebenso wenn wir zusätzliche Aufgaben dank Multitasking erledigen. Wir bräuchten ein Unterrichtsfach „Uni-tasking“. Unsere Studenten kommen nämlich als große Multitasker zu uns. Was sie aber überhaupt nicht können, ist, sich in  ein  komplexes Thema hineinzufühlen und es bis zu Ende zu denken.

Stimmt es, dass Menschen heute mehr kommunizieren, aber immer weniger miteinander reden?
Ich wurde einmal gefragt: „Summieren sich all diese kleinen Tweets, Nachrichten und Kommunikationsschnipsel nicht zu einem einzigen, großen Gespräch?“ Nein, tun sie nicht. Was eine richtige Unterhaltung von einer bloßen Verbindung unterscheidet, ist das Geben und Nehmen zwischen den Gesprächspartnern. Sich miteinander zu verbinden, ist wunderbar. Es taugt jedoch nicht dazu, andere Menschen besser kennen zu lernen oder ein differenziertes Bild von sich abzugeben.

In meinem Buch berichte ich über einen 18-Jährigen, der fast ausschließlich via SMS kommuniziert und zu mir sagte: „Irgendwann, aber sicher nicht jetzt, möchte ich lernen, wie man ein Konversation führt.“ Ich fragte, was falsch an einer Konversation sei. „Ich sage ihnen, was falsch daran ist: Es findet in Echtzeit statt und man hat keine Kontrolle darüber, was man sagt.“ Das ist der springende Punkt: SMS, eMail und Postings erlauben uns das Selbst von uns zu präsentieren, das wir sein wollen. Menschliche Beziehungen sind reich, verwirrend und fordernd. Wir bringen sie mit Hilfe von Technologie in Ordnung.

Wollen wir heute Beziehungen ohne Risiko?
Definitiv, vom Sozialen Netzwerk bis zum Sozialen Roboter: Wir entwickeln Technologien, die uns die Illusion von Gesellschaft geben – ohne die Anforderungen von Freundschaften. Diese Telefone in unseren Taschen verändern unsere Hirne und Herzen, weil sie drei Fantasien befriedigen: 1. Dass wir unsere Aufmerksamkeit überall hinlenken können, wo wir sein wollen. 2. Dass wir immer angehört werden. Und 3., dass wir nie allein sind. Der dritte Punkt verändert unsere Psyche nachhaltig, denn wenn Leute dann doch alleine sind – und sei es nur für zwei Sekunden – bekommen sie Angst. Wenn wir unseren Kindern das Alleinsein nicht beibringen, werden sie nur lernen, einsam zu sein.

In sozialen Netzwerken wie Facebook dreht sich vieles um Selbstdarstellung. Wie verändert uns das?
Wir gewöhnen uns an ein Leben als Selbstdarsteller. Und bilden uns irgendwann ein, dass das Selbst, das wir dort darstellen unser wahres Selbst ist. Und von den anderen denken wir dasselbe.

Nörgeln vorwiegend Ältere über die digitalen Kommunikation, oder ist auch das ein Mythos?
Junge Leute entwickeln gerade ein Gespür dafür, dass etwas verkehrt ist. Wir nähern uns einem Wendepunkt. Der Druck, immer „auf Sendung“ sein zu müssen, wird vor allem jenen, die als „Digital Natives“ aufgewachsen sind, zunehmend bewusst. Die nörgelnden Alten sind nur ein Mythos.

Was finden Sie an der digitalen Welt gut?
Sie kann uns zusammenbringen, damit wir in der realen Welt glücklicher und erfolgreicher sind. Sie eröffnet uns neue Möglichkeiten bei Bildung, Freundschaften, im Berufsleben. Der Punkt ist einfach, dass wir Technik benützen, um ins wirkliche Leben zurückzukommen.

Gibt es eine Checkliste für den richtigen Umgang mit der digitalen Welt?
Ich glaube nicht, dass Abstinenz die Lösung ist. Besser wären eine digitale Diät, digitale Ruhepausen oder ein Gespür für den gesunden Umgang mit der digitalen Welt. Man könnte „heilige Orte für die Konversation“ definieren – die Küche, das Esszimmer. Am wichtigsten aber: Wir sollten einander wieder zuhören, sogar wenn es langweilig wird und plötzlich alle in Schweigen verfallen. Denn das sind die Momente, in denen wir uns gegenseitig offenbaren.

 

 

Sherry Turkles Sachbuch „Alone Together - Why We Expect More from Technology and Less from Each Other"“ erscheint nächste Woche auf Deutsch im Riemann Verlag (20,60 Euro).

Der deutsche Titel: "Verloren unter 100 Freunden – Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern"

(futurezone/Susanne Mauthner-Weber) Erstellt am 16.03.2012, 06:00

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