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QR Codes Mit schwarz-weißen Quadraten auf Kundenfang.

Foto: Thomas Prenner
Die Lebensmittelketten Billa und Hofer verwenden sie ebenso wie Musik- und Filmunternehmen, Technologiefirmen und Verlage. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones und dem mobilen Internet erleben zweidimensionale Barcodes auch in Österreich einen kleinen Boom in Werbung und Marketing. Experten glauben jedoch nicht, dass die schwarz-weißen Quadrate eine große Zukunft haben.

"Wer scannt, hat mehr davon", heißt es seit kurzem bei Billa. Die zum deutschen Rewe-Konzern gehörende Lebensmittelkette hat nun auch QR Codes für sich entdeckt. Nach dem Einscannen der zweidimensionalen Barcodes, die sich in den Supermärkten, in den Broschüren und Anzeigen des Konzerns befinden, werden Billa-Kunden auf ihrem Smartphone zu Gewinnspielen, Kochrezepten oder der Billa-Facebook-Fanseite geleitet. "Unsere Kunden probieren die Codes gerne aus", sagt eine Rewe-Sprecherin: "Sie machen neugierig, was sich dahinter verbirgt." Ähnliche Erfahrungen macht auch der Lebensmitteldiskonter Hofer, der QR Codes - das Kürzel QR steht für quick response - seit Mai in Zeitungsanzeigen und auf den Preistafeln der Bio-Linie "Zurück zum Ursprung" zum Einsatz bringt. Kunden können mit ihren Handys über die schwarz-weißen Quadrate etwa Herkunft und ökologischen Fußabdruck der Bio-Produkte abfragen. Die Nutzung steige stetig, sagt ein Sprecher des Konzerns.

Wachstum mit Smartphones und mobilem Netz

Während mobile Tags Japan und anderen asiatischen Ländern seit Jahren aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind, hatten die zweidimensionalen Barcodes in Europa bisher ein Akzeptanzproblem und waren allenfalls ein Nischenangebot. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones und günstigem mobilen Internet kommen sie aber auch hierzulande verstärkt zum Einsatz. Sie sind auf zahlreichen Plakaten, in Zeitungsanzeigen und auch auf Verpackungen zu sehen. Neben Billa und Hofer buhlen etwa auch Autohersteller, Verlage, Technologieunternehmen und Musik- und Filmfirmen sowie Unterwäschehersteller mit den schwarz-weißen Quadraten um die Aufmerksamkeit der Smartphone-Nutzer.

Kodierte Informationen
Das Prinzip ist einfach. Die zweidimensionalen Codes, die meist verschlüsselte Links zu mobilen Websites enthalten,  werden mit der Kamera des Smartphones eingescannt. Nach dem Abfotografieren des Codes wird die Information von der Lese-Software entschlüsselt. Am Handy-Display wird dann eine Website oder die entschlüsselte Information angezeigt.

Im Gegensatz zu eindimensionalen Strichcodes können die 2D-Codes nicht nur Zahlen sondern auch Text verschlüsseln.  Rund 200 zweidimensionale Barcodetypen sind im Umlauf. Am häufigsten genutzt werden die 1994 von der japanischen Firma Denso Wave entwickelten QR Codes. Sie erlauben die Kodierung von fast 4300 alphanumerischen Zeichen. Gemeinsam mit dem bereits in den 1980er Jahren vom US-Unternehmen Acuity entwickelten DataMatrix Code wurden sie von der Open Mobile Alliance (OMA), einem Zusammenschluss internationaler Produkt- und Dienstleistungsanbieter im Mobilfunk, 2008 zum Standard erklärt. Führende japanische Mobilfunkanbieter einigten sich bereits Jahre zuvor auf QR Codes als Standard und installierten Lese-Software für die Codes auf Mobiltelefonen vor. Damit trugen sie wesentlich zur Verbreitung des mobilen Taggings bei.

Hemmschwelle gesunken
"Mit Smartphones und den weithin akzeptierten App Stores der Anbieter ist die Hemmschwelle zum Herunterladen von QR Code-Lesegeräten gesunken", meint der Münchner Bachelor of Engineering Säm Abdelkhalek, der in seiner Abschlussarbeit an der Münchner Hochschule für Druck und Medientechnik die Nutzung von QR Codes in Deutschland untersuchte. Auch der Bekanntheitsgrad der mobilen Tags habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen und liege in Deutschland mittlerweile bei 50 bis 60 Prozent, sagt Abdelkhalek: Die tatsächliche Nutzung von zweidimensionalen Barcodes liege aber deutlich darunter.

In den USA nutzen bereits rund sechs Prozent der Mobiltelefonnutzer oder 14 Millionen Personen QR Codes, fand eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Marktforschungsunternehmens Comscore heraus. Am häufigsten werden die mobilen Tags von Verpackungen oder Zeitungen zu Hause oder in Geschäften gescannt. Der Großteil der Nutzer (36,8 Prozent) ist zwischen 25 und 34 Jahre alt, wobei mit mehr als 60 Prozent der Anteil der Männer überwiegt.

Lese-Software
Zumeist kostenlose Lese-Software für die 2D-Codes gibt es zuhauf. Einige Unternehmen, wie etwa Billa, integrieren QR-Code-Reader auch in unternehmenseigene Applikationen. Als weltweit führende Lese-Software für QR Codes gilt i-nigma, die in Japan auf den Geräten der  Mobilfunkanbieter vorinstalliert und auch in allen gängigen App-Stores von Apple über Android bis hin zu BlackBerry vertreten ist. Häufig genutzt werden unter anderem auch Neoreader, Mobiletag, Quickmark oder ScanLife. Die Liste ließe sich fortsetzen. Neben QR Codes können die meisten Anwendungen auch DataMatrix Codes und ausgewählte weitere zweidimensionale Barcodetypen interpretieren.

Vielfältige Anwendungsmöglichkeiten
Der Einsatz der zweidimensionalen Codes beschränkt sich nicht nur auf Werbung und Marketing. Sie werden etwa in zahlreichen Zeitungen und Magazinen dazu verwendet, um weiterführende Informationen zu Artikeln im Netz zu verlinken und so eine Brücke zwischen Print und online zu schlagen. Daneben lassen sich auch Kontaktinformationen und virtuelle Visitenkarten leicht mit den mobilen Tags in Umlauf bringen.

"Hyperlink the world"
Zweidimensionale Codes können auch auf vielfältige Art zum Annotieren von Objekten verwendet werden. Die 2005 gestartete Semapedia verknüpfte etwa mithilfe von zweidimensionalen Barcodes unter dem Motto "Hyperlink your world", Orte und Objekte aus der realen Welt mit Einträgen in der Wikipedia. Mitte vergangenen Jahres wurde das Projekt nach einem Cyberangriff eingestellt.

"Wir hatten keine Lust das System neu aufzubauen", sagt der New Yorker Semapedia-Mitgründer und Technologieexperte Stan Michael Wiechers zur futurezone: "Es war nicht so, dass es keinen Bedarf gegeben hätte."  Die zweidimensionalen Codes konnten auf Semapedia nach Eingabe der gewünschten Wikipedia-URL erstellt werden und mussten danach nur ausgedruckt und an die Objekte angebracht werden. Immerhin rund 60.000 mobile Tags wurden von Semapedia-Nutzern weltweit in Umlauf gebracht.

Code-Generatoren
Solche Tools zum Erstellen von 2D-Barcodes werden von zahlreichen Anbietern bereitgestellt. Beispiele wären etwa der QR Code and 2D Code Generator oder der QR Generator . Eine umfangreiche Liste findet sich beim Fachblog 2d code.

Sempedia-Mitgründer Wiechers beschäftigt sich auch weiterhin mit den Möglichkeiten von QR Codes und denkt etwa über ein Vertriebssysem von Büchern und CDs nach, bei dem mithilfe von QR Codes das Stöbern im Laden mit dem Einkauf bei virtuellen Händlern verbunden wird.

"Umständlich und überholt"
Dass die Begeisterung für QR Codes von Dauer ist, glauben Experten nicht. "Die Technologie ist umständlich und überholt", meint Martin Ebner von der TU Graz. Mit Bilderkennungssoftware und Near Field Communication (NFC), die zunehmend auch auf Smartphones verfügbar wird, könnten viele Anwendungsbereiche  der QR Codes wie etwa das Einscannen von Visitenkarten oder das Verbinden von Orten und Objekten mit Daten besser und effektiver bewerkstelligt werden.

Eine Ansicht, die offenbar auch Google teilt. Im März stellte das Internet-Unternehmen die Unterstützung zweidimensionaler Codes in seinem Branchenverzeichnis Google Places ein. "Wir testen neue Möglichkeiten, um Kunden Informationen zu Geschäften am Mobiltelefon bereitzustellen", begründete damals ein Google-Sprecher die Entscheidung. Fast zeitgleich verstärkte Google seine Unterstützung für NFC, das Datenaustausch und Transaktionen mit Mobiltelefonen über kurze Distanzen ermöglicht.

Vor vier Jahren habe er mit einem Boom bei QR Codes gerechnet, sagt Ebner. Die Mobilfunkbetreiber hätten hierzulande aber den Trend verschlafen: "In Japan wurden Lesegeräte von den Mobilfunkbetreibern vorinstalliert worden und auch die eingebauten Kameras zum Scannen der Codes waren besser", so Ebner: "Dort wurden bereits 2005 fünf bis sechs Millionen Tags täglich eingelesen." QR Codes hätten sich zwar im Marketing etabliert, mit einem Boom rechnet Ebner aber nicht: "In zwei Jahren sind sie nicht mehr sexy, dann sind sie auch wieder weg."

(futurezone) Erstellt am 30.08.2011, 06:15

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