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Untersuchung Mit Twitter die gute Laune messen.

Foto: Fotolia
Genetiker haben es ja schon immer gewusst: Trotz Unterschieden in der Hautfarbe, im Körperbau und in der kulturellen Identität haben wir alle mehr gemeinsam, als uns trennt. Das finden jetzt auch Sozialwissenschaftler heraus: Mit der Hilfe von Twitter.

Ob in China, Indonesien, Dänemark oder Mexiko: Überall strotzen die Menschen am Morgen vor Wohlbefinden. Damit hört es sich im Laufe des Tages auf. Die Stimmung wird immer schlechter, um sich am Abend wieder deutlich zu heben. „Jedem, dem wir davon erzählten, hat gesagt: Ist ja klar, - arbeiten verdirbt die Laune“, erklärt Michael Macy, Soziologe an der Cornell Unviversity im US-Staat New York. Doch so einfach ist die Sache nicht. „An den Wochenenden zeigt sich genau die gleiche Kurve, allerdings ein wenig flacher“. Die Übellaunigkeit setzt etwas später am Morgen ein – wahrscheinlich weil die Leute länger schlafen – und sie ist insgesamt weniger ausgeprägt. Michael Macy vermutet einen möglichen Zusammenhang mit Schlaf: Unter der Woche schrillt der Wecker und reißt die Leute gewaltsam aus dem Schlummer. Ein Arbeitstag beginnt also nicht ganz so entspannt wie ein Tag am Wochenende.

Millionen Tweets aus aller Welt
Womit Michael Macy und Scott Golder nicht gerechnet haben: Dieses Muster zeigt sich in jedem Land, in jeder Gesellschaft. Für ihre, in der aktuellen Ausgabe der Fachschrift  "Science" veröffentlichten, Studie analysierten die Soziologen 509 Millionen Tweets von 2.4 Millionen Leuten aus 84 Ländern zwischen Februar 2008 und Jänner 2010. Verwendet wurden ausschließlich öffentliche Profile.

Die Studie ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Sie ist eine der bisher größten, die Social-Media-Daten analyisiert. Und das in einem traditionell schwammigen Bereich: nämlich Stimmungsforschung.

Gute Laune
Die Welt in guter Laune. - Foto: Science/AAAS

Die Not mit den Daten
Üblicherweise greifen sich Soziologen oder Psychologen für solche Studien eine vergleichsweise kleine Gruppen aus der nächsten Umgebung: meist Studenten, die nur mit Nachsicht einiger Taxen als repräsentativ gelten. Eine andere Möglichkeit: Versuchpersonen führen Tagebuchaufzeichnungen über ihre Stimmungen und was die auslöst, doch diese sind naturgemäß subjektiv. „Will man die Befindlichkeit größerer Gruppen erheben, muss man sich einen Betrieb oder ein Dorf suchen, und mit einem ganzen Team den Leuten auf Schritt und Schritt folgen. Doch wer hat das schon gern“, meint Michael Macy.

Twitter-Daten stellen freilich auch keinen lupenreinen, repräsentativen Datensatz dar: Twitter User sind jünger und gebildeter als der Bevölkerungsdurchschnitt. Außerdem fehlen Detailinformationen wie Alter, Geschlecht oder Einkommensgruppe. Die Soziologen meinen, dieses Manko durch die schiere Menge von Leuten wettzumachen.

Schlechte Laune
Globus schlecht gelaunt. - Foto: Science/AAAS

Sozialforscher sind spät dran
Marketingexperten interessieren sich schon lange für die Profile der Online User und quetschen jedes Quentchen Information aus der Datenwurst. Wo sonst hat man vergleichsweise billigen Zugriff auf die Konsumpräferenzen von Millionen Menschen?

Wissenschaftler hinken da ein wenig hinterher. Verhalten großer Gruppen im Cyberspace wird erst seit wenigen Jahren beobachtet und analysiert. In einer der ersten Studien wollten Soziologen der Columbia University in New York wissen: Kann man Hits programmieren, indem man Gruppen beeinflusst oder siegt immer Qualität? Das Ergebnis des Musiclab-Experiments: Sehr gute Songs schnitten immer recht gut ab, und eindeutig Schlechte setzten sich nie durch. Alles zwischen den beiden Extremen ist eine Frage des Marketings und der Mundpropaganda.

Schlaraffenland Cyberspace
Leute kommunizieren über Twitter und Facebook mit ihren Freunden; auf Ebay wickeln sie Geschäftstransaktionen ab,“ so Scott Golder. An der Gemeinschaft der World of Warcraft-Gamer beobachten Forscher die Ausprägung von kompetitivem bzw. kooperativen Verhalten. „Wenn man Alltagsverhalten verstehen will, kommt man in den Sozialwissenschaften künftig um Social Media nicht mehr herum“.

Eine interaktive Auswertung der Twitter-Daten je nach Tätigkeit kann man auf timeu.se einsehen. Fisch zum Abendessen? –  Am häufigsten am Mittwoch und am Freitag um 18.00 Uhr. Rasenmähen? - Bevorzug am Samstag um zehn bzw. gegen 16.00 Uhr. Sex? – Am liebsten am Sonntag.

(futurezone/Madeleine Amberger) Erstellt am 29.09.2011, 20:00

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