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Predictive Policing Polizei sieht mit Datenbanken Verbrechen voraus.

Foto: apa
Autos die automatisch mit Kameras durch die Stadt verfolgt werden, Echtzeit-Anzeigen von Gefahren und Analysen, die vorhersagen, wann und wo die nächsten Verbrechen passieren. Was wie Visionen aus Filmen wie „Minority Report" wirkt, ist zum Teil in New York, London und Wien Realität. Die Systeme dafür kommen von Microsoft, IBM - oder sind, wie im Fall von Österreich, Eigenentwicklungen.

Seit einer Woche ist in New York das „Domain Awareness System" aktiv, das Microsoft zusammen mit der New Yorker Polizei entwickelt hat. Hinter den zahlreichen Bildschirmen, die Landkarten und Diagramme zeigen, steckt ein Datensammler. Das System führt Videos der 3000 Überwachungskameras auf New Yorks Straßen mit Informationen von 600 Strahlungs-Messstationen sowie über 100 Kennzeichen-Lesegeräte auf Polizeiwagen und bei Brücken, zusammen. Bombenanschläge sollen verhindert werden, indem das System automatisch Alarm schlägt, wenn etwa ein verdächtiges Paket vor dem Eingang eines Gebäudes zurückgelassen wird.

Zusätzlich werden Echtzeit-Berichte von eingehenden Notrufen und dem Polizeifunk eingespeist. Das alles kann auf einer digitalen Karte angezeigt und mit vergangenen Verbrechen abgeglichen werden, um Muster erkennbar zu machen. Neben der Verbrechensbekämpfung könnte New York auch in anderer Weise profitieren: Sie dient als Musterstadt. Wenn Microsoft das System an andere Behörden verkauft, erhält sie 30 Prozent der Einnahmen.

Die Datenschützer sind von den vernetzten Kameras und Sensoren wenig begeistert. Zwar wird auf eine Gesichtserkennung verzichtet, aber Videos werden 30 Tage gespeichert und Kennzeichen sogar fünf Jahre. Sie befürchten, dass die Polizei so ohne die bisher nötige Erlaubnis Bürgern nachspionieren kann, die mit dem Auto unterwegs sind. „Die Chronik der Plätze, zu denen wir mit unserem Auto fahren, ist privat. Solche Aufzeichnungen können intime Fakten über die Religion, politische Zugehörigkeit, Sexualität und Gesundheit der Fahrer enthüllen."

Domain Awareness System der New Yorker Polizei - Foto: apa

Wenn Daten Verbrechen vorhersagen
Neben der totalen Überwachung setzen andere Städte auf die Prävention durch Vorhersage. „Predictive Policing", also die vorausschauende Polizeiarbeit, wird seit mehreren Jahren erprobt. Dabei werden Daten von bereits begangenen Verbrechen analysiert und mit verschiedenen Faktoren kombiniert. Das Ergebnis ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung für zukünftig auftretende Verbrechen an bestimmten Orten.

IBM ist einer der Anbieter solcher Systeme: „Als klassischer Datenverarbeiter bieten wir natürlich auch Predictive Analytics an und auch bei der modernen Verbrechungsbekämpfung entstehen immer mehr Daten", sagt Michael Schramm, von IBMs Smart Cities-Abteilung. In die Vorhersagen fließt ua. der Wetterbericht und die Jahreszeit mit ein. Die Systeme von IBM sind in mehreren Städten in den USA, Kanada, in London und in Polen im Einsatz. Die größten Erfolge vermeldete bisher die US-Stadt Memphis: Seit der Einführung des Systems sind schwere Verbrechen laut den Behörden um 30 Prozent zurückgegangen, Gewaltverbrechen um 15 Prozent. In einer erweiterten Version soll das System bei der WM 2014 in Brasilien verwendet werden, um Einsatzkräfte gezielter koordinieren zu können.

Keine Wunderwaffe
So gut das auch klingt, ein Orakel, das im Stil des Films „Minority Report" genau erkennt, wann und wo ein Mord stattfinden wird, ist es nicht. „Das Programm wurde entwickelt, um die Einsatzpläne zu optimieren. Arbeitet die Polizei an einem Tag etwa mit reduzierter Mannschaft, schickt man die Beamten in der Gegend auf Streife, in der Aufgrund der Berechnungen die Wahrscheinlichkeit für ein Verbrechen am höchsten sind", sagt Schramm.

Auch kann nicht jede Art von Verbrechen vorhergesagt werden. Eigentumsdelikte, wie Einbrüche und Diebstähle können sehr gut vorhergesagt werden, bei Morden ist es kaum möglich. Die Anwendungsgebiete sind ebenfalls beschränkt. Die Systeme sind für Städte und dicht besiedelte Regionen ausgelegt, für das ländliche Gebiet sind Prognosen weniger genau.

Österreichs Polizei mit Eigenentwicklung
„Mit solchen Wunschvorstellungen der präzisen Vorhersage muss man sehr vorsichtig sein", sagt Paul Marouschek, Abteilungsleiter der Kriminalanalyse im Kriminalamt: „Viele der Programme sind auch für den angloamerikanischen Raum ausgelegt – und was für die USA gilt, gilt nicht für Europa." Anstatt deshalb auf solche Systeme zu verzichten, wurden eigene entwickelt.

Zwei wurden bereits umgesetzt, an einem neuen Projekt wird gerade bearbeitet. In Zusammenarbeit mit Joanneum Research Graz hat die Polizei ein Programm entwickelt, das die Trends bei Delikten für die nächsten drei bis vier Monate berechnet. So ist es möglich anzeigen zu lassen, in welchem Gebiet die Einbrüche um eine bestimmte Anzahl steigen oder das Taschendiebstähle in einem anderen Gebiet um drei Prozent sinken werden. Die Daten für die Berechnungen kommen vom österreichischen Sicherheitsmonitor, dem zentralen Datenanalyse- und Speicherungssystem der Polizei und sind dadurch immer aktuell. Auch hier fließen, ähnlich wie beim IBM-System, saisonale Faktoren mit ein, wie Feiertage oder die Ferienzeit.

Das Grazer Tatzeitmodell zeigt auf einer Karte Einbrüche, die innerhalb einer gewissen Uhrzeit passiert sind. So lassen sich Verbrechens-Hotspots, etwa hier in Kagran, für bestimmte Tageszeiten erkennen. - Foto: Bundeskriminalamt

Kriminogene Faktoren
In einem aktuell laufenden Projekt wird das Modell um weitere „Kriminogene Faktoren" erweitert, um die Prognosen präziser zu machen. Dazu gehören nicht nur Klassiker wie die Arbeitslosigkeit, sondern auch die Infrastruktur. Wird etwa ein Einkaufszentrum errichtet, steigt die Chance auf Taschendiebstähle. Hat es eine Tiefgarage, werden auch die Autoeinbrüche ansteigen. Bekommt es eine Autobahnabfahrt, könnten in der Umgebung Haus- und Wohnungseinbrüche zunehmen: „Die Einbrecher wollen ja nach der Tat möglichst schnell weg", sagt Marouschek.

Ein bereits umgesetztes Projekt ist das „Grazer Tatzeitmodell". Anhand von Daten vergangener Einbrüche kann berechnet werden, zu welche Uhrzeit die Täter bevorzugt zuschlagen. Auch die visuelle Darstellung der beliebten Einbruchsgebiete auf einer Karte ist möglich. Auf Basis dieses Modells können Streifen gezielter eingesetzt werden. Wie sich die Einführung des Modells ausgewirkt hat, ist nicht bekannt: „Man kann nicht sagen, wie viele Verbrechen durch Polizeipräsenz verhindert wurden", so Marouschek. Denn ein Verbrechen, das nicht passiert ist, können die Systeme nicht erfassen.

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(futurezone) Erstellt am 13.08.2012, 00:01

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