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Österreich Tablets statt Schulbücher: Verlage skeptisch.

Foto: Hauptschule Jennersdorf
Apps mit multimedialen Inhalten spielen im Schulalltag eine immer größere Rolle. Laut Ansicht von Experten lassen sich damit durch interaktive Eigenschaften komplexe Inhalte begreifbar machen, die sonst nicht so einfach zu erklären sind. Ungeachtet der aktuellen Ankündigung Apples noch stärker in dem Bereich aktiv zu werden, zeigen sich österreichische Schulbuchverlage abwartend, was den Ersatz des klassischen Schulbuchs durch digitale Inhalte betrifft.

In der zweiten Klasse der Hauptschule Jennersdorf im Burgenland gibt es keinen gedruckten Schulatlas mehr. Es gibt dort auch keine Bibel und kein Deutsch- und Englischwörterbuch, denn die benötigten Informationen werden digital mit dem iPad von Apple abgerufen. "Beim digitalen Wörterbuch bekommen die Kinder das Wort `beautiful` von einem Native Speaker vorgelesen und hören dadurch sofort, wie das Wort richtig ausgesprochen wird", erklärt Direktor Hannes Thomas die Vorteile. In Geografie setzt man auf Google Maps und auf zusätzliche Apps, mit denen man beispielsweise Erdbeben interaktiv simulieren kann. "Das kann mir ein Buch nicht bieten", so der Tablet-Verfechter, der in den Touch-Geräten die Zukunft des Lernens sieht, zur futurezone.

Ähnlich überzeugt gibt sich auch die Klassenlehrerin der iPad-Klasse in der Volksschule Breitenlee, Barbara Zuliani. "Gerade Themen, die für Kinder nicht wirklich begreifbar sind, können mit dem Einsatz von digitalen Medien verdeutlicht werden", meint Zuliani. Als Beispiel führt die Lehrerin einen Vulkanausbruch an. Dieser könne durch Videos visualisiert, durch Sachtexte beschrieben und durch Apps erlebbar gemacht werden, in dem man simulierte Erschütterungen misst und die Ergebnisse in einer Präsentation mit den Mitschülern teilt.

Beide Schulen könnten künftig von den Ankündigungen, die Apple bei seinem gestrigen Bildungsevent in New York gemacht hat, profitieren.

Foto: Hauptschule Jennersdorf

"Suche nach Inhalten ist sehr zeitintensiv"
Laut Thomas ist es jedoch derzeit noch äußerst schwierig, entsprechende pädagogisch wertvolle Inhalte zu finden. "Es steckt oft nächtelange Kleinstarbeit dahinter, die Suche nach geeigneten Inhalten ist sehr zeitintensiv". Auch Michael Steiner, Religionslehrer am BRG Laabergstraße, der im Tablet-Einsatz an Schulen eine große Chance sieht, konnte nicht viele sinnvolle deutschsprachige Apps, die für den Einsatz im Unterricht geeignet sind, entdecken. Seine Schüler würden allerdings bereits häufig eine Smartphone-App dazu verwenden, um damit Stellen aus der Bibel zu analysieren.

Der E-Learning-Experte Martin Ebner von der TU Graz bastelt im Rahmen der Lehrveranstaltung "iPhone-Development" mit seinen Studierenden an kostenlosen Apps für den Bildungsbereich, wie etwa einem "1 x 1 Rechner" oder an anderen interaktiven Schulspielen. "Mit Apps alleine kann man keinen Schulunterricht gestalten, denn sie behandeln immer nur ein Problem. Es lassen sich auch keine komplexen Anwendungen bauen, weil das überfordert wiederum die Nutzer", erklärt Ebner, der Apps vorwiegend dafür geeignet sieht, auf konkrete Fragestellungen einzugehen.

Digitale Inhalte und Apps werden von den heimischen Lehrern daher großteils als eine "gute Ergänzung" zu Schulbüchern gesehen. "Einen generellen Umstieg auf ausschließlich digitale Inhalte halte ich in der Volksschule für nicht wirklich sinnvoll", erklärt die Lehrerin der iPad-Klasse.

Digitale Zusatzinhalte seit 2003/2004
Aus Sicht der Schulbuchverlage sind Schulbücher nach wie vor das Leitmedium im Unterrichtsalltag. Digitale Zusatzinhalte werden in Österreich seit dem Schuljahr 2003/2004 im Rahmen von "Schulbuch Extra" (SBX) von den meisten Schulbuch-Verlagen angeboten. "Die zusätzlichen Online-Inhalte werden von Eltern und Schülern am freien Markt zunehmend angenommen", erzählt Michael Kernstock, Obmann des Fachverbands der Buch- und Medienwirtschaft.

Foto: Hauptschule Jennersdorf

"Die Schulbuchverlage sind, sowohl was die Inhalte als auch was die mediale Aufbereitung betrifft sehr offen", fügt Kernstock hinzu. Man befasse sich bereits seit 2002 sehr intensiv mit der Entwicklung von E-Contents im Bildungsbereich, doch die Nachfrage sei derzeit noch recht unterschiedlich je nach Region, Schultyp und Unterrichtsfach. "Wenn man den freien Buchmarkt heranzieht, so liegt der Umsatz mit E-Books zur Zeit bei 0,1 Prozent", fügt Kernstock hinzu.

"Digitale Medien zeigen keinen Vorteil"
Im Gegensatz zu technologieaffinen Lehrern sind die österreichischen Schulbuchverlage zudem noch nicht davon überzeugt, dass digitale Inhalte wirklich einen Nutzen mit sich bringen. "Es gibt hier sehr divergierende Aussagen. Cyberhomeworks sind bei den Kids sehr beliebt, aber für die Prüfungsvorbereitung wird dann meistens das Vokabelheft herangezogen", so Kernstock. Der Verlagsleiter des Schulbuchverlags Hölzel, Lukas Birsak, sieht dies ähnlich: "Es gibt ernst zu nehmende Vorbehalte, die zumindest keinen Vorteil digitaler Medien für das Lernen zeigen, eher Verlust von zusammenhängendem Erfassen, genauem Arbeiten, Kommunikationsfähigkeit und dem kritischen Überprüfen von Informationen."

Solange Lehrer, Schüler und Eltern sich dafür entscheiden, werde das Schulbuch das Leitmedium bleiben, meint der Obmann des Fachverbands. Derzeit sehe man noch keinen großen Wunsch, daran etwas zu ändern. Freilich spielen hier neben der Finanzierung auch Faktoren wie die Infrastruktur (WLAN an Schulen) und Standards (offene oder geschlossene Systeme) und Geräte (welche Tablets, Smartphones oder Netbooks) eine große Rolle. "Im Moment sehe ich noch keinen flächendeckenden Standard am Markt. Wenn man die Inhalte daher nicht mindestens auch im Print-Format anbieten würde, würde man zahlreiche Kinder von der Bildung abschneiden", so Jens Kapitzky, Geschäftsführer des ÖBV (Österreichischer Bundesverlag Schulbuch).

"Geschlossenes Ökosystem ist ein Problem"
Christoph Derndorfer von OLPC Austria beäugt den Einsatz von iPads in den heimischen Klassenzimmern kritisch. "Abgesehen von dem Versuch, junge Menschen für Apple-Produkte zu ködern, sehe ich darin ein viel größeres Problem. Apples Ökosystem ist geschlossen. Somit hat eine einzige Firma, und nicht etwa die Bildungsministerien in den jeweiligen Ländern, unglaublich viel Kontrolle über die Lernwerkzeuge und die konkreten Lerninhalte." Gerade im Bildungsbereich sei es wichtig, offene Technologien, Plattformen, Software und Inhalte zu entwickeln. Ebner von der TU Graz sieht dies weniger problematisch: "Apple ist ein Stakeholder auf diesem Sektor. Dadurch wird eine Welle ausgelöst und es werden bald Angebote anderer Hersteller folgen."

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Veranstaltung
In Graz gibt es in den nächsten Monaten eine Diskussionsveranstaltungsreihe namens "L3t`s talk", die sich mit der Zukunft von digitalen Lerninhalten befasst. Die Vorträge können auch online mitverfolgt werden.

 

 

(futurezone) Erstellt am 20.01.2012, 06:05

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