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Studie Trolle sind Meinungsmacher im Netz.

Foto: AP
Sie fehlen kaum unter einem Online-Artikel oder einem Blog-Beitrag: Ungehobelte Kommentare, rüde Beschimpfungen. Sie sind mehr als lästig und alles andere als harmlos. Denn laut einer US-Studie wirken sie meinungsbildend.

Wer sich mit Grobianen im Internet anlegt, kommt nicht ungeschoren davon. Das hat Dominique Brossard, Expertin für Wissenschaftskommunikation an der University of Wisconsin, am eigenen Leib erlebt. Sie hat es nämlich gewagt, eine Studie, ob bzw. auf welche Art und Weise negative Online-Kommentare zu Artikeln die Meinung von Lesern beeinflussen, durchzuführen. Das verübelten ihr einige online-Leser einer Regionalzeitung sehr: „Sie haben mich als Reptil beschimpft, als bösartiges Reptil“, erzählt die Kommunikationswissenschaftlerin und lacht darüber sehr herzlich.

Ausnahmelos jeder wird beeinflusst
Der einzelne Kommentar mag ja amüsant sein. Doch in der Gesamheit ist das Phänomen nicht zum Lachen. Kommentare, Facebook-Likes, Tweets sind so sehr Teil der Informationsaufnahme geworden, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie sich eine Medienwelt ohne Instant-Bewertung einmal angefühlt hat.

„Man kommt sich vor wie auf einem Marktplatz, und jeder schreit einem ins Ohr, was man denken soll“, sagt Dietram Scheufele, ein Mitautor der in der Fachschrift  Journal of Computer-Mediated Communication veröffentlichten Studie. Freilich redet sich jeder ein, er sei immun gegen die Kakophonie. Wankelmütig seien immer nur die andern.  Doch das ist Selbsttäuschung und hat in der Medienwissenschaft auch einen eigenen Namen: Third-Person-Effect. „Tatsache ist: Jeder wird beeinflusst. Ich auch.“ Doch wie die Beeinflussung zustande kommt, was mehr und was weniger wiegt, darüber tappen die Wissenschaftler im Dunkeln.

Risken und Nutzen der Nanotechnologie
Irgendwo muss man also anfangen, die Sache auseinanderzupuzzeln. Die Forscher an der University of Wisconsin machten daher folgendes: Sie ließen einen sachlichen, ausgewogenen Artikel zu einem sperrigen Thema verfassen: zu Nanotechnologie. „Sie ist wichtig, jeder hört darüber, aber wenige kennen sich aus“, begründet Scheufele. Genauer gesagt ging es um das Pro und Kontra zu Nanosilber. Silber in Nanopartikelgröße ist keimtötend und steckt in vielen Produkten, - von Kosmetika bis Sportbekleidung. Einer der Kritikpunkte dabei: Bakterien könnten gegen Silber resistent werden, wodurch der Medizin eine Waffe gegen Krankheitskeime abhanden käme.  

Im nächsten Schritt lasen 2300 repräsentative US-Bürger diesen Artikel am Computer. Eine Gruppe sah im Anschluss höflich, sachliche Kommentare; die zweite Gruppe bekam Schimpftiraden zu lesen. Ein typischer Satz: „Wer die Vorteile von Nanotechnologie-Produkten nicht kapiert, ist ein Idiot“. In einer anschließenden Befragung zur Einschätzung der Technologie stellte sich heraus: Das Geschimpfe wirkt deutlich polarisierend. „Wer vorher schon skeptisch war, wurde durch die negativen Kommentare noch ablehnender“, erzählt Dominique Brossard. „Und die tendenziellen Befürworter wurden in ihrer Haltung noch weiter bestärkt.“  Dieser Effekt war unabhängig von Alter, Bildung oder wieviel Zeitung man liest, ob man viel oder wenig im Internet surft.

Das Ergebnis zeigt für Dietram Scheufele noch etwas anderes auf: „Als Journalist hat man ja eine Absicht, wenn man einen Artikel schreibt. In diesem Fall war es das Abwägen von Pro und Kontra zu einem wissenschaftlichen Thema, das alle betrifft.“ Doch negative Kommentare verhindern, dass die Botschaft auch so beim Leser ankomme.

Kommentieren oder nicht kommentieren lassen?
Was aber nun tun gegen das Geschimpfe? Wie verhindern, dass das Diskurs-Niveau auf die Ebene der untersten Schublade abrutscht? In einem sind sich die Kommunikationsforscher einig: Die Kommentarfunktion lässt sich weder abdrehen noch sei das wünschenswert. Das Zauberwort, so Scheufele, lautet: Filtern. „Die Frage ist bloß, - wer soll das machen? Ein Gremium von Redakteuren? – Lieber nicht.“

Wer zu weit geht sowie die Konsequenzen dafür könne man ja auch durch Crowdsourcen bestimmen lassen. "Und Zeitungen experimentieren auch schon erfolgreich damit", meint Scheufele. Leser bewerten also nicht nur die Artikel, sondern auch die Kommentare. Und wenn die Online-Gemeinschaft meint, also das war jetzt zu grob, zu fies, zu beleidigend, - dann wird der Kommentar eben entfernt.

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(Madeleine Amberger) Erstellt am 28.03.2013, 06:00

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