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Wearables Versicherungen überwachen Kunden per Fitnesstracker.

Zwischen Überwachung und gesundheitsbewusstem Verhalten
Zwischen Überwachung und gesundheitsbewusstem Verhalten - Foto: BodyMedia
Künftig könnten Krankenversicherungsbeiträge an die Fitness der Versicherten gekoppelt werden. Wearables könnten damit unser Sozialsystem umkrempeln.

Trendy, modisch und nützlich – so präsentieren sich die Wearables. Egal ob Uhren, Brillen, Kleidungsstücke oder Armbänder – alles soll smart und intelligent werden. Doch die Daten, die dabei produziert werden, stellen in Sachen Privatsphäre alles Bisherige in den Schatten. 

Fitness-Tracker – ein vielversprechendes Zugpferd unter den Wearables, das sich zumindest am US-Markt bereits durchgesetzt hat – zeichnen die gesamte Aktivität des Trägers auf: Sie listen auf, welche Distanzen man zu Fuß zurückgelegt hat, geben Auskunft über die Schlafphasen und würden sogar Rückschlüsse auf etwaige Seitensprünge zulassen.

Die von den Trackern erhobenen Daten können mit anderen, ähnlichen Fitness-Apps verbunden werden. Auf diese Weise entsteht ein florierendes Ökosystem aus Fitness-Apps, die sich gegenseitig mit Daten füttern und ergänzen: Von GPS-basierten Rout-Trackern für Fahrradfahrer oder Läufer, über Workout- und Food-Logging bis hin zu smarten Personenwaagen und Apps, die aus all den vorhandenen Daten einen Health Score berechnen. 

Workplace Wellness

Überwachung oder Fitnessvergnügen

Beworben mit Schönheitsidealen im klassischen Fitness-Lifestyle mit Aussicht auf finanzielle Belohnung, erfreuen sich derzeit die so genannten Workplace-Wellness-Programme in den USA großer Beliebtheit.

Ziel dieser Programme ist es, Mitarbeiter sowie ihre Familienmitglieder dazu zu ermutigen, einen gesunden Lebensstil zu führen. Wer die Gesundheits- bzw. Fitnessziele erreicht, erhält vom Arbeitgeber bestimmte Prämien. Der Arbeitgeber wiederum spart sich Krankenversicherungsbeiträge und kann davon ausgehen, dass gesunde Mitarbeiter produktiver und weniger oft krank sind. Nicht zuletzt aufgrund der Reformen im US-Gesundheitssystem versuchen immer mehr Unternehmen derartige Programme zu initiieren. 

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Selbst im Schlaf könnte Ihnen er Chef über die Schulter schauen - Foto: BodyMedia

James Park, der CEO von Fitbit – einem der Marktführer im Fitness-Wearables-Segment – rechnet aufgrund der Workplace-Wellness-Programme mit steigenden Umsätzen. “Da die finanziellen Mittel, die Unternehmen für Wellness-Programme ausgeben, steigen, glaube ich, dass wir davon profitieren werden”, sagte Park zum US-Nachrichtensender CNBC während der CES in Las Vegas.

Denn um das Erreichen der Fitness-Ziele messen zu können und den Wettbewerb unter den Mitarbeiter so richtig anzufeuern, werden die Wellness-Programm-Teilnehmer immer häufiger mit den smarten Fitness-Trackern ausgestattet. So lassen sich untereinander konkurrierende Teams bilden und je nach Privacy-Einstellungen haben Mitarbeiter bzw. Vorgesetzte Einblick in die Aktivitäten der Teilnehmer.

Wie Fitbit gegenüber der futurezone beteuert, wird bei diesen Wellness-Programmen selbstverständlich auf den Schutz der Privatssphäre geachtet: “Der Arbeitgeber hat Zugriff auf das Dashboard, das die durchschnittlich zurückgelegten Schritte und Distanzen pro Tag aufschlüsselt. Außerdem ist es möglich, Untergruppen für Firmenabteilungen anzulegen. Alle Daten sind anonym und nicht personenbezogen sichtbar.”

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Das Online-Dashboard von Fitbit - Foto: Screenshot

Datenschutz

Intransparent und dubios

“Der größte Widerspruch an der ganzen Sache ist, dass diese Tools und Gadgets sehr nützlich sein können: Zu wissen, wie viele Kalorien man verbrennt ist nicht uninteressant. Oder auch bei chronischen Krankheiten können diese Apps und Tracker sehr hilfreich sein. Aber solange man diesen Diensten nicht voll und ganz vertrauen kann, sind sie nutzlos”, sagt Wolfie Christl, Netzaktivist und Spielentwickler vom kritisch, didaktischen Onlinespiel Datadealer

Obwohl es keine konkreten Hinweise gebe, könne man davon ausgehen, dass Datenhändler alles dransetzen, an Daten aus dem Ökosystem der Fitness-Apps zu kommen, schätzt Christl. Denn für die so genannten Data Broker seien derartig private und personenbezogene Details Goldes wert. 

Die allermeisten dieser Dienste und Tools versichern in ihren AGBs zwar einen vertrauensvollen Umgang mit den Daten, aber bei der Vielzahl an Apps, über die man die Daten verteilt, kann der Überblick schon mal verloren gehen. Außerdem würde ein kleines Datenleck reichen, um ein umfassendes, zum Teil personenbezogenes Archiv von Gesundheits- und Aktivitätsdaten feilbieten zu können. 

Generell haben die meisten dieser Anbieter ihren Sitz in den USA, sodass sie den dortigen Datenschutzrichtlinien unterliegen und sich der wesentlich strengeren europäischen Rechtslage entziehen, erklärt Christl: “Es ist höchst fragwürdig und intransparent, was mit den Daten wirklich passiert.” Auch wenn keine eindeutigen Beweise vorhanden sind, gibt es Indizien, dass private Gesundheitsversicherungen derartige Daten in ihre Risikobewertung einbeziehen, wie ein Bericht des US-Senats über Datenhandel zeigt.

Versicherungen

Anreizsysteme

Ein Anreizsystem, ähnlich den Workplace-Wellness-Programmen wird von der österreichischen Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) seit knapp drei Jahren angeboten: Wer die vereinbarten Gesundheitsziele erreicht, spart sich 50 Prozent des Selbstbehaltes. "Obwohl das Projekt zunächst von vielen Seiten skeptisch betrachtet wurde, gibt uns der Erfolg recht. Es ist uns gelungen, die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen innerhalb eines Jahres um insgesamt 40 Prozent zu steigern. Das ist beachtlich", zeigt sich Peter McDonald, Obmann-Stv. der SVA, gegenüber der futurezone erfreut. 

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Laufend Versicherungskosten sparen - Foto: Fitbit

Die SVA weist zwar darauf hin, dass Fitness-Tracker, Schrittzähler oder bestimmte Apps zur Verbesserung der Fitness hilfreich sein können. Ob die SVA einen Schritt weiter gehen wird und künftig derartige technische Hilfsmittel in ihr Versicherungsprogramm integriert, war nicht in Erfahrung zu bringen. Diesen einen Schritt weiter ist die deutsche Allgemeine Ortskrankenkasse "AOK Nordost" bereits vor eineinhalb Jahren gegangen.

Pilotprojekt

Im Rahmen des Pilotprojekts "AOK mobil vital" wird den Versicherten der AOK Nordost kostenloser Zugang zur Gesundheits- und Fitnessplattform dacadoo ermöglicht. "Ziel dieses Pilotprogrammes ist es, herauszufinden, inwieweit ein technisch basiertes Angebot den Gesundheitszustand gerade jüngerer Versicherter positiv beeinflussen kann", heißt es von der AOK Nordost. 

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Das Online-Dashboard von BodyMedia - Foto: Screenshot

Dazu kann dacadoo mit Daten aus der hauseigenen Tracker-App, digitalen Personenwaagen, Blutdruck- und Zuckermessgeräten, Herzfrequenzmessbändern sowie Fitness-Trackern gefüttert werden. Daraus berechnet dacadoo in Echtzeit einen persönlichen Health Score, der den allgemeinen Gesundheitszustand abbilden soll. 

Wie von der AOK Nordost zu erfahren war, weiß die Versicherung nur, wer eine entsprechende Teilnahmeerklärung abgegeben hat, kann aber nicht einsehen, wer sich tatsächlich auf der dacadoo-Plattform angemeldet hat. 

"Dacadoo stellt der AOK Nordost für die Beurteilung der Zielerreichung weder den individuellen Health Score eines einzelnen Teilnehmers zur Verfügung noch andere personenbezogene Daten", so die AOK Nordost zur futurezone. Demnach erhält die Gesundheitskasse lediglich die Veränderung des Health Scores der Teilnehmer insgesamt und kann so feststellen, ob sich das Angebot positiv auf das gesundheitsbewusste Verhalten der Versicherten ausgewirkt hat. 

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Ohne Sport kein Bonus - Foto: Fitbit

"Die All-You-Can-Eat-Kultur ist vorbei"

Versicherungen geben derzeit noch keine Vergünstigungen. Die Stoßrichtung aber ist klar: wer seinen Gesundheitszustand pro-aktiv verbessert, könnte in Zukunft mit einem Bonus belohnt werden und dadurch weniger an Versicherungsbeiträgen leisten müssen. Dieser Meinung ist auch Manuel Heuer, COO von dacadoo: "Die All-You-Can-Eat-Kultur im Gesundheitswesen ist vorbei. Mittel- bis Langfristig wird sich ein derartiges Bonus-System durchsetzen." Obwohl es derzeit in dieser Richtung noch keine verlässlichen Outcome-Studien gibt, rechnet Heuer mit einem riesigen Potenzial, wobei die Einführung solcher Anreiz-Systeme von der länderspezifischen Beschaffenheit der Sozialsysteme abhänge.

Vorsorgeuntersuchungen und verschiedene präventive Maßnahmen gebe es schon lang, aber der Versuch, die Menschen über einen bestimmten Lifestyle zu mehr Gesundheitsbewusstsein zu motivieren, sei vielversprechend, so Heuer: "Mit ständig steigenden Gesundheitskosten auf der einen Seite und der Möglichkeit mobile Tools, Gamification, positiven Gruppendruck aus sozialen Netzwerken und Big Data zu kombinieren auf der anderen Seite, wird an derartigen Bonus-Systemen vermutlich kein Weg vorbeiführen."

(futurezone) Erstellt am 06.02.2014, 06:00

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