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Drugs 2.0 Wie das Internet den Drogenhandel verändert.

Foto: Katja Lenz, dapd
Der britische Journalist Mike Power hat mit "Drugs 2.0" eine Parallelgeschichte der Drogenkultur und des Internets geschrieben. Im Interview mit der futurezone erzählt er, wie das Netz Drogenkultur und Drogenhandel verändert hat und warum der Kampf gegen Drogen zum Informationskrieg geworden ist.

Lange bevor auf Amazon Bücher und auf eBay alte Uhren zum Kauf angeboten wurden, fand im Internet schon elektronischer Handel statt. Die erste E-Commerce-Transaktion war ein Drogen-Deal. Studenten des Artificial Intellegence Laboratory an der Universität Stanford einigten sich mit ihren Kollegen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Jahr 1971 oder 1972 über das damalige ARPA-Net über den Verkauf einer nicht mehr näher eruierbaren Menge von Marihuana. Drogenkultur und Internet sind seither eng verbunden.

Wie das Internet den Drogehandel und die Drogenkultur verändert hat, zeichnet der britische Journalist Mike Power in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Drugs 2.0" nach. Vom Austausch über psychoaktive Substanzen in den frühen Newsgroups bis hin zum Milliardengeschäft mit Designerdrogen und sogenannten "Legal Highs", vom Drogenrecht noch nicht erfasste psychoaktive Substanzen, die in chinesischen Laboren hergestellt und weltweit im Netz und auf der Straße vekauft werden. Die futurezone hat mit Power über Verbindungslinien zwischen dem Internet und der Drogenkultur, Designerdrogen aus dem Netz und den aussichtslosen Wettlauf der Behörden mit Herstellern und Händlern gesprochen.

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Foto: Screenshot, Portobello Books

futurezone: Die erste E-Commerce-Transaktion war ein Drogen-Deal. Welche Auswirkungen hatte das Internet auf Drogenhandel und Drogenkultur?
Mike Power: Das Internet und die Drogenkultur waren schon immer miteinander verbunden. Das Internet war ein sehr radikales System, das von Leuten entwickelt wurde, die vorausschauend und progressiv waren. Oft sind es ja kreative Leute, die sich den Normen der Gesellschaft widersetzen. Es ist ja auch Teil der Gefahr von illegalen Märkten, dass sie Leute in Schwierigkeiten bringen, die sehr kreativ und innovativ sind. Das gilt sicherlich nicht für alle Leute, die Drogen nehmen, aber es muss gesagt werden, auch wenn es manche Leute nicht so gerne hören. Wenn Sie sich die Geschichte der Gegenkultur, aus der viele dieser Leute kamen, und des Internet ansehen, dann war es eigentlich unvermeidlich, dass das Netz eine wesentliche Triebfeder für Drogenkonsum und -handel wurde.  

Zum Beispiel?
Nehmen Sie etwa den Computerwissenschaftler John Gilmore, der die Electronic Frontier Foundation (EFF) mitbegründet hat und der auch die alt.-Hierarchie im Usenet durchgesetzt hat,  wo über frei gewählte Themen - und eben auch Drogen, etwa auf alt.drugs oder alt.drugs.psychedelic- diskutiert werden konnte, weil er sich gegen die Einschränkungen der freien Meinungsäußerung zur Wehr setzen wollte. Leute, die mit chemischen Substanzen experimentierten und sie auch synthetisierten konnten also Newsgroups über diese Prozesse diskutieren. Sie haben sich auch über Effekte und Kombinationen ausgetauscht. Auf diese Art wurde auch Wissen über diese Drogen verbreitet. Dadurch wurden sie auch bekannter. Das Internet hat die Drogenkultur also zu allererst dadurch verändert, dass es Leuten über geografische Grenzen hinweg die Kommunikation über Drogen ermöglicht hat. Das war in den frühen 90er Jahren.

Um welche Substanzen ging es?
Damals ging es um psychoaktive Substanzen, die vom Chemiker Alexander Shulgin zu Forschungszwecken erfunden wurden und deren Synthese in seinen Büchern PiHKAL und TiHKAL beschrieben wird. PiHKAL und TiHKAL waren die heiligen Texte der frühen Internet-Drogenkultur. Shulgin entwickelte hunderte, möglicherweise sogar tausende solcher Verbindungen. Er hat sie auch selbst ausprobiert und seine Erfahrungen damit aufgezeichnet. Es war ein sehr wissenschaftliches Modell an dem sich auch die frühe Szene im Netz orientierte. Es war alles sehr experimentell. Es wurde hauptsächlich mit Substanzen experimentiert, die sich in ihrer Wirkung an Ecstasy (MDMA) und LSD orientierten, die ja von den Regierungen als gefährlich eingestuft und deshalb verboten wurden.

Die Szene war damals nicht sehr groß?
Es war sehr Community-orientiert. Es ging um den Austausch von Erfahrungen. Die Leute haben sich gegenseitig erzählt, welche Wirkungen diese Drogen haben, auch um sich gegenseitig vor Schäden zu bewahren. Was sich seither getan hat, unterscheidet sich grundlegend davon. Die Szene hat sich weiterentwickelt und ist exponentiell gewachsen. Das Internet hat Nutzer und Dealer auf eine Art und Weise zusammengebracht, die niemand für möglich gehalten hätte.

Wie ist diese Entwicklung verlaufen?
2009 ist die Versorgung mit Ecstasy stark zurückgegangen. Ecstasy war die unter Jugendlichen populärste Droge, die von Millionen Leuten jedes Wochenende genommen wurde. Der Grund für den Engpass war eine Aktion der UNO, bei der 33 Tonnen Safrol, ein wesentlicher Bestandteil von MDMA in Kambodscha konfisziert wurden. Die Leute suchten also nach Ersatz und plötzlich tauchte Mephedron auf. Mephedron ist Ecstasy sehr ähnlich und wirkt für kurze Zeit stimulierend und euphorisierend. Mephedron war den Drogenbehörden vollkommen unbekannt. Sie konnten damit nichts anfangen. Deshalb war es kurze Zeit überall auf der Welt völlig legal erhältlich. Es wurde zunächst im Internet und später an jeder Straßenecke verkauft. Viele Leute haben damit ein Vermögen gemacht. Bald kam auch die organisierte Kriminalität ins Spiel. Die Herstellung wurde bei chinesischen Laboren beauftragt, die die Substanz in 40-Kilogramm-Fässern ausgeliefert haben. Genauso wie bei elektronischen Geräten wurde die Produktion outgesourct. Mephedron hat den Drogenmarkt grundlegend verändert, es war ein "Gamechanger".

Das ist auch die Situation, die wir heute haben?
Ja. Die Herstellung neuer psychoaktiver Substanzen wird in China oder anderen Ländern in Auftrag gegeben. Die Designerdrogen werden dort synthetisiert und kommen dann innerhalb weniger Wochen auf den Markt. Diese Entwicklung spiegelt in gewisser Weise auch die Entwicklung des Internets wider. Das Netz war zu seiner Anfangszeit soetwas wie eine Feuerstelle, an der man sich getroffen und ausgetauscht hat. Heute ist es ein riesiges Einkaufszentrum.

Ecstasy-Tabletten
Foto: Katja Lenz, dapd

Die Anzahl synthetischer Drogen und sogenannter "Legal Highs", die noch nicht vom Drogenrecht erfasst sind, ist in den vergangenen Jahren explodiert. Die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) weist in ihrem jüngsten Bericht für das vergangene Jahr mehr als 70 solcher Substanzen aus.
Es gibt viel mehr chemische Kombinationen als vom Gesetz erfasst und verboten werden können. Das Gesetz kann da nicht mithalten. Das eröffnet eine Grauzone für den Verkauf unbekannter psychoaktiver Substanzen. Sie werden dann mit dem Vermerk "nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt" etwa als Badesalz verkauft. Es werden aber auch keine Informationen darüber gegeben, in welchen Dosierungen diese Substanzen genommen werden sollen oder welche Wirkungen sie haben. Sie wurden auch nicht getestet. Informationen dazu finden sich nur in Foren und sozialen Medien im Internet.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass der Kampf gegen Drogen längst zum Informationskrieg geworden ist.
Vor kurzem wurde etwa in Russland die Website Erowid verboten. Erowid ist eine Art Online-Bibliothek, die Informationen über psychoaktive Substanzen sammelt und leistet gute Arbeit bei der Schadensminderung. Leute können dort Informationen recherchieren, eigene Erfahrungen weitergeben und Erfahrungsberichte anderer Leute nachlesen. Die russische Regierung hat also in völliger Abwesenheit eigener Initiativen zur Aufklärung über Drogen eine Website geschlossen, die zur Schadensminderung beiträgt, und ihr unterstellt zum Konsum von Drogen anzuregen. Das ist nur ein Beispiel. Dieser Informationskrieg könnte sich angesichts des derzeitigen politischen und kulturellen Klimas rund um Datenschutz und Technologie noch verschärfen. Demnächst werden wohl auch Internet-Nutzer, die ihre Kommunikation verschlüsseln, ins Visier der Behörden geräten. Es wird wohl bald versucht werden, die Nutzung des Tor-Browser und PGP (Pretty Good Privacy, Anm.) zu vebieten, weil auch Terroristen und Drogen-Dealer davon Gebrauch machen.

Sie sprechen sich gegen Verbote von Drogen aus. Was empfehlen Sie der Politik?
Wir müssen wohl wieder ganz von vorne beginnen und alle Vorurteile beiseite schieben. Die erste Frage sollte sein, was der Zweck eines Gesetzes ist. Im Zusammenhang mit Drogenpolitik kann der Zweck nur der sein, dass Leute gesund und sicher sind. Die Grundlage der Drogenpolitik sollte also sein, Schaden von Leuten fernzuhalten. Mehr als 40 Jahre prohibitiver Politik haben nichts gebracht, der Markt ist außer Kontrolle geraten. In Belfast sind im vergangenen Monat zehn Leute gestorben, weil sie Ecstasy genommen haben. Das ist statistisch gesehen äußerst unwahrscheinlich. Der Grund dafür lag darin, dass die Pillen PMA versetzt waren, einer Substanz, die auch bereits davor in einigen Pillen auftauchte. Es gab aber keine Qualitätskontrolle. Es wäre aber notwendig eine solche Kontrolle auf informeller Ebene anzubieten. Das ist etwa in den Niederlanden der Fall, wo Nutzer ihre Pillen auf Inhaltsstoffe überprüfen lassen können. Drogenkonsum findet auch nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum statt. Anstatt Nutzer zu bestrafen, sollte Drogensucht als gesundheitliches Problem betrachtet werden.

Ecstasy-Tableten
Foto: stringer, reuters

In ihrem Buch sprechen sie auch davon, dass Drogen durch das Internet die Aura des Mystischen verlieren. Können Sie das erläutern?
Wegen der Verbote haben Drogen die Aura des Geheimnisvollen. Betrachtet man sie aus einer rationalen Perspektive, haben wir Pflanzen oder ein kristallines weißes Pulver, das aus Chemikalien gemacht wurde. Und genau das sind sie auch. Wir müssen aufhören, sie als verbotene Früchte zu betrachten, sondern als etwas Banales und vielleicht sogar Langweiliges. Ich glaube, dass das Internet dazu beiträgt, unsere Sichtweise auf Drogen in diese Richtung zu verändern. Ich habe Informationen über bestimmte Drogen und kann selbst entscheiden, ob ich das Risiko, sie zu nehmen eingehe oder nicht. Ich hoffe auch, dass ich mit meinem Buch dazu beitragen kann, dass Leute für sich selbst entscheiden, anstatt eine hysterische politische Debatte zu führen.

Mehr zum Thema

Zum Buch
"Drugs 2.0: The Web Revolution That`s Changing How the World Gets High" ist im Mai beim britischen Verlag Portobello Books erschienen.

Zur Person
Mike Power schreibt unter anderem für den britischen "Guardian" über aktuelle Entwicklungen im Drogenhandel und der Drogenkultur. Auf Twitter ist er unter @mrmichaelpower zu finden.

Europäischer Drogenbericht
Der im Mai veröffentlichte Europäische Drogenbericht 2013 (PDF) der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) wies 73 neue Drogen aus, die im vergangenen Jahr in Europa auf den Markt kamen. Der Markt sei komplexer und dynamischer geworden, heißt es in dem Bericht: "Wichtige Triebkräfte hierbei sind die Globalisierung und die Weiterentwicklung der Informationstechnologie."

(futurezone) Erstellt am 29.07.2013, 00:00

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