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KNOWHOW Wie man mehr aus NFC herausholt.

Foto: Georg Holzer
Sieht man von Apples iPhone ab, bieten die meisten aktuellen Smartphones NFC-Funk. Doch die allerwenigsten Nutzer machen etwas aus der Technik, in der enormes Potenzial steckt. Dabei kann jeder NFC-Chips beschreiben.

NFC steht für Near Field Communication und wurde in Österreich - bei NXP in Gratkorn bei Graz - entwickelt. Die Funktechnik ist nicht nur in vielen Kundenkarten (etwa Dauerkarten von öffentlichen Verkehrsmitteln) oder in allen heuer ausgegebenen Bankomatkarten integriert. Beinahe jedes neue Android- und Windows-Smartphone sowie einige Blackberries können damit umgehen. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia bietet eine Liste aller NFC-fähigen Smartphones und Tablets.

Durch die Kombination von NFC mit Software in Form von Apps entstehen viele neue Anwendungsmöglichkeiten, die weit über das Bezahlen oder die Zutrittssteuerung hinausgehen.

Jeder kann damit Bluetooth-Geräte ganz einfach verbinden oder Einstellungen durch Berührung am Smartphone ändern anstatt sich durch viele Untermenüs kämpfen zu müssen. Spezielle NFC-Visitenkarten können komplette Kontaktinformationen enthalten, die nur noch abgespeichert werden müssen. Das Einchecken an Orten via Foursquare wird ebenso erleichtert wie das einfache Aufrufen von Webseiten. Nachrichten oder Anrufe können ebenso "vorbereitet" wie Apps gestartet werden. All das geschieht durch eine einfache Berührung des Smartphones mit einem NFC-Tag.

NFC Tag
Foto: Georg Holzer

Sieht man von Bezahlvorgängen einmal ab, ist die Technik hinter NFC erstaunlich simpel gestrickt und gerade deswegen so mächtig. Ein passiver NFC-Tag besteht aus einem winzigen Chip von der Größe eines gröberen Sandkorns (etwa 1 x 1 mm, im Bild über dem inneren Kreis) und einer vergleichsweise riesigen Antenne drumherum.

Kommt ein NFC-fähiges Smartphone bis auf wenige Millimeter an den NFC-Tag heran, weckt die vom Handy abgegebene Energie den Chip, der darauf die in ihm gespeicherten Informationen preisgibt.

Die meist nur wenige Byte lange Information darauf kann Kontaktinformationen, Adressen von Webseiten, Geräteeinstellungen, kurze Texte oder ähnliches enthalten. Verfügt ein Handy über einen NFC-Empfänger, kann dessen Betriebssystem automatisch mit einer ganzen Reihe dieser Mikroformate umgehen.

Das Beste: Diese NFC-Tags kann man nicht nur mithilfe eines Smartphones auslesen, sondern mit Apps auch ganz einfach selbst beschreiben, wieder löschen und dann erneut befüllen. Bis zu 10.000 Schreibzyklen sollen die Chips aushalten.

Dass NFC noch keine breite Masse erreicht hat, liegt an einem Problem: Vom aktuellen und potenziellen Nutzen hat der Anwender nichts, solange er nicht auch NFC-Tags hat. Bis auf ganz wenige Ausnahmen legen die Hersteller ihren Geräten keine Tags bei, mit denen man experimentieren könnte und wenn, werden diese von vielen als Pickerln verwechselt und weggeworfen. In Elektromärkten sucht man ebenso verzweifelt danach wie in den meisten Handyshops.

Bleiben Amazon oder spezialisierte Großhändler. Für rund zehn Euro bekommt man eine Handvoll Tags, die sich mehrfach wiederbeschreiben lassen. Ihre Kapazität variiert von 46 bis 1024 Byte - für viele einfache Anwendungen reichen günstige Tags mit wenigen Bytes völlig. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Formen - vom Sticker über Chipkarten bis zum Schlüsselanhänger. Als Aufkleber sind zwei Varianten gebräuchlich: Normale Tags und "On-Metal-Tags", die auf der Rückseite speziell abgeschirmt sind und daher auch auf Metalloberflächen angebracht werden können.

Und noch eine Unterscheidung ist wichtig - mehrere Chiptypen sind weit verbreitet: Wer nach "NTAG203" sucht, ist auf der sicheren Seite.

Verschiedenste NFC-Tags
Foto: Georg Holzer

Ob das Smartphone den NFC-Funk überhaupt eingebaut hat, verrät das Menü. Im Drahtlos-Menü muss Nah-Funken erst aktiviert werden.

NFC aktivieren
Foto: GH

Die Position des Menüpunktes variiert je nach Hersteller leicht - irgendwo in den Netzwerkeinstellungen unter "Mehr ..." sollte man aber fündig werden. Steht dort nirgends etwas von NFC, ist das Smartphone oder Tablet damit wohl nicht ausgerüstet.

Ein aktives NFC-Gerät ist das Smartphone allerdings nur dann, wenn es eingeschalten ist. Im Standby-Modus, also mit gesperrtem oder ausgeschaltetem Bildschirm, ist die NFC-Antenne nicht aktiv.

Das soll den Stromverbrauch senken, der im Übrigen weniger wild ist, als dargestellt. Laut einigen Beiträgen im Android-Forum XDA-Developer liegt der Stromverbrauch um einem Prozent in 24 Stunden.

Ist NFC einmal aktiviert, läuft die Kommunikation zwischen dem aktiven NFC-Empfänger vom Smartphone und dem passiven NFC-Tag denkbar einfach ab: Dazuhalten, fertig. Hat der Kontakt mit dem Chip funktioniert, werden die darauf gespeicherten Informationen übertragen und das Betriebssystem weiß in aller Regel damit umzugehen. URLs werden im Browser geöffnet, Einstellungen vorgenommen, Kontakte gespeichert usw.

Ein NFC-Tag und ein Smartphone
Foto: Georg Holzer

Es gibt leichte Unterschiede beim Empfang zwischen Smartphones. Geräte mit Metall-Hinterteil sind weniger empfänglich als Geräte mit Plastik-Cover - man muss den Chip ganz nahe an die NFC-Antenne heranführen. Besonders gut war etwa der NFC-Teil beim HTC One X, dem selbst dicke Glasscheiben zwischen Gerät und Tag nichts ausmachten. Beim Nachfolger, dem HTC One, muss man dagegen durch hin- und herfahren mit dem Tag die Antenne suchen, die sich rund um die Kamera befindet.

Will man einen beliebigen NFC-Tag näher untersuchen, ohne dass sich dessen Inhalt automatisch öffnet, bemüht man eine kostenlose Android-App namens NXP Tag Info. Sie zeigt alle technischen Daten zum jeweiligen Tag an.

NXP Tag Info
Foto: GH

Wer jetzt übrigens hofft, man könne damit NFC-fähige Schikarten kopieren ... das geht nicht so einfach.

Android Beam
Foto: GH

Google nutzt NFC auch, um Informationen von einem Android-Gerät zum anderen weiterzugeben. Hat man eine Website, ein Foto oder YouTube-Video, einen Kontakt oder Kalendereintrag geöffnet, braucht man einfach nur zwei Smartphones "Rücken an Rücken zusammenhalten" und beim sendenden Gerät den Eintrag berühren. Schon werden diese Inhalte übertragen. Wobei: Übertragen stimmt nicht bei allen Inhalten. NFC startet von Bildern lediglich die Übertragung, die dann über das Wlan oder Handnetz erfolgt.

Will man eine App einem Freund empfehlen, öffnet man diese einfach und hält die beiden Handys wieder zusammen. Am anderen Gerät wird dann der Play Store mit der jeweiligen App geöffnet.

Google bietet für Android Beam (ab Version 4.1) eine eigene Programmierschnittstelle (NFC) an, von der aber derzeit erst wenige Entwickler Gebrauch machen.

Microsoft bietet für Windows Phone mit Tap + Senden übrigens eine fast idente Funktion zum Teilen von Apps, Musik, Fotos, Videos und dergleichen.

Für und Windows Phone gibt es einige Apps, die NFC-Tags beschreiben können. Empfehlenswert ist Nokias NFC Writer ebenso wie der österreichische NFC interactor (Store/Website).

Für Android (somit auch neuere Blackberries) gibt es noch mehr Apps. Stellvertretend seien der TagWriter von NXP sowie der NFC Writer und NFC Aufgaben Launcher von Tagstand genannt.

Das Beschreiben ist denkbar einfach: Erst wählt man die Art des Tags aus und gibt dann dessen Inhalt ein - in diesem Fall eine URL. Nach einem Tapser auf "Write Tag" kann man noch festlegen, ob der Tag read-only gemacht werden soll. Im letzten Schritt hält man einfach einen nicht schreibgeschützten NFC-Tag ans Hinterteil.

Tagstand Writer
Foto: GH

Nach der akustischen Erfolgsmeldung ist der Tag beschrieben. Hält man einen weiteren Tag dazu, wird eine zweite Kopie angefertigt. Bereits beschriebene Tags werden - so sie keinen Schreibschutz verpasst bekamen - einfach überschrieben.

Neben Webadressen kann man mit dem Tagstand Writer auch Foursquare-Check-ins automatisieren oder Kontaktdaten auf Visitenkarten mit integriertem NFC-Chip schreiben. Unter "Additional Tag Types" lassen sich zudem Texte speichern oder Anrufe und E-Mails "vorbereiten". Scannt ein Nutzer etwa einen Tag mit einem vorgefertigten E-Mail braucht dieser nur noch auf "Senden" drücken und schon geht das Mail an den vorkonfigurierten Empfänger.

Weitere Tag-Arten
Foto: GH

Bluetooth-Geräte miteinander zu verbinden, könnte tatsächlich einfacher sein. Auch wenn wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, Codes und dergleichen einzutippen ... benutzerfreundlich ist das nicht.

Nokia stellte in letzter Zeit einige Bluetooth-Geräte vor, die sich durch einfaches Berühren mithilfe von NFC verbinden.

Bluetooth-Kopplung per NFC von Nokia
Foto: Nokia

Sowas kann man mit jedem NFC-fähigen Gerät aber auch selbst basteln. Zum Einsatz kommt dafür der TagWriter von NXP. Um die Koppel-Informationen auf einem Tag speichern zu können, muss das jeweilige Bluetooth-Gerät bereits mit dem Android-Smartphone gekoppelt sein.

Bluetooth-Kopplung per NFC
Foto: GH

Ist das der Fall, wählt man im TagWriter "Bluetooth" und anschließend das zu koppelnde Gerät aus.

Daneben beherrscht der TagWriter noch das Vorfertigen von SMS-Nachrichten, die der Nutzer nur noch absenden braucht, sowie den Start von Apps. Unter "File URI" lassen sich Dateien aus einem lokalen Netz verbreiten (file://abc/xyz.doc).

Ein "URI" (Uniform Resource Identifier) identifiziert eine bestimmte Ressource. Der bekannteste URI ist eine URL, also eine Webadresse wie http://futurezone.at/xyz.htm, der die Website xyz.htm auf dem Webserver der Futurezone aufruft. Ein URI kann aber noch viel mehr sein. Im vorangestellten Beispiel verweist die URI "file://abc/xyz.doc) auf eine Word-Datei auf einer Dateifreigabe abc. URIs können auch Aktionen auslösen. So könnte ein Entwickler auch Funktionen seiner App durch andere Entwickler ansteuerbar machen. Beispiel: das semi-automatisierte Check-in bei Foursquare.

Foursquare-Check in via NFC
Foto: GH

Der URI dafür lautet m.foursquare.com/venue/asdf... Ist die Foursquare-App installiert, öffnet Android diese. Andernfalls wird man in den mobilen Browser umgeleitet und braucht (so die Anmeldung bereits erfolgte), nur noch einmal drücken, um einzuchecken.

Ein anderes Beispiel für eine URI: "geo:46.624,14.307" würde Google Maps aufmachen und die Karte genau bei diesen Breiten- und Längengraden zentrieren.

Mit dem NXP TagWriter kann man somit alle möglichen Aktionen auslösen - man muss "nur" URIs kennen. Fortgeschrittene Nutzer können damit beliebige Aktionen in vielen Anwendungen auslösen.

Für Otto-Normal-User gibt es eine einfachere Variante: den kostenlosen NFC Aufgaben Launcher für Android. Damit kann man NFC-Tags beschreiben, die alles Mögliche machen. Man kann damit Einstellungen verändern (Bluetooth ein/aus, Wlan ein/aus, GPS ein/aus, Lautsprecher stummschalten oder die Displayhelligkeit regeln).

Ein Anwendungsfall dafür wäre etwa ein NFC-Tag im Auto, der beim Wegfahren automatisch Wlan aus- und Bluetooth einschaltet sowie Google Maps startet. Dazu startet man eine neue Aufgabe und fügt durch das "+" oben beliebige Tasks hinzu.

Tagstand NFC Aufgaben Launcher
Foto: GH

Hat man "Aufgabe 1" benannt und beschrieben, drückt man auf den Pfeil oben, um den NFC-Tag zu beschreiben.

Alternativ dazu kann man noch einen sogenannten "Schalter" einrichten, indem man gegenteilige Tasks unter "Aufgabe 2" auswählt. Also in diesem Beispiel: Wlan wieder ein- und Bluetooth ausschaltet. Berührt man mit dem Smartphone einen so beschriebenen, wird beim ersten Mal das Auto-Setting gewählt und bei der zweiten Berührung wieder die Home- oder Office-Umgebung aktiviert.

Platziert man so einen NFC-Tag auf der Rückseite der Handy-Halterung, spart man sich jede Menge Zeit, um in Menüs gewisse Funktionen ein- und auszuschalten.

Man kann mit solchen Tags Gäste in ein Wlan einladen, ihnen damit auch das WiFi-Passwort mitgeben und dafür ein Foursquare-Checkin abringen.

Tagstand NFC Aufgaben Launcher
Foto: GH

Nachteil an der Sache: Der Nutzer des so beschriebenen NFC-Tags muss auch den NFC-Aufgaben Launcher installiert haben. Ist dies nicht der Fall, wird er in den Play Store umgeleitet, was eher suboptimal ist.

Noch etwas: Befinden sich NFC-Tags im öffentlichen oder halböffentlichen Raum, sollten diese unbedingt mit einem Schreibschutz versehen sein. Spaßvögel könnten die Tags mit unliebsamen Inhalten oder Links überschreiben.

Wie bereits erwähnt, kann man mithilfe von NFC die Nutzung (mobiler) Websites deutlich einfacher gestalten. Der Anwender braucht nur sein Handy zum Tag halten und schon öffnet sich die Website am Gerät. Mühsames Eingeben von Webadressen oder das Abfotografieren von QR-Codes entfällt.

Wer eine Website betreibt, könnte eine URL-Umleitung bemühen, um NFC-Tags stets auf eine andere URL umgeleitet wird. Für WordPress gibt es dazu eine Reihe, einfach zu nutzender und kostenloser Plugins - ein Beispiel dafür ist PrettyLink Lite.

So hat man stets die volle Kontrolle darüber, was der Besitzer eines NFC-Tags zu sehen bekommt.

PrettyLink für WordPress
Foto: GH

Mit NFC lässt sich noch jede Menge anderes Zeug anstellen. Ein guter Einstiegspunkt ist das XDA-Forum NFC Hacking.

All diese Möglichkeiten zeigen eines: NFC bringt einen Mehrwert und will einfach nur einmal ausprobiert werden - nicht nur beim Bezahlen mit der Bankomatkarte sondern mit jeder Menge anderer Anwendungen.

In der Breiten Masse dürfte das aber erst dann ankommen, wenn auch Apple aufspringt - dies ist (meiner Meinung nach) lediglich eine Frage der Zeit. Und wenn iPhones und iPads NFC-Unterstützung erhalten, dann bleibt nur ein frommer Wunsch noch offen: Apple möge sich doch an Standards halten.

NFC-Tags: winziger Chip mit Riesen-Antenne

Die Henne und das Ei: NFC-Tags sind schwer erhältlich

Aktivieren und Stromverbrauch

Infos vom NFC-Chip auslesen

Android-Beam: Daten schnell übergeben

Einfache NFC-Tags beschreiben

Verbindungsaufnahme: Automatisch mit Bluetooth koppeln

Per NFC Aktionen auslösen

Aufgaben automatisieren

Tauschhandel: Wlan gegen Foursquare-Check-in

URL-Management: Mobile Web on Steroids

Zum Schluss: Bitte Apple! Mach das auch!

(futurezone) Erstellt am 13.07.2013, 06:00

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