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Interview Wordpress: "Bloggen ist lebendiger denn je".

Foto: Jakob Steinschaden
Matt Mullenweg, Chef von Automattic, also jener Firma, die hinter der populären Blogging-Software Wordpress steckt, war Stargast des Pioneers Festival. Im futurezone-Interview spricht er über immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen im Internet, den Einfluss von Social Media auf Blogs und ein neues Anonymisierungs-Tool, das gemeinsam mit dem Tor Project gebaut wird und Bloggen in autoritären Staaten sicherer machen soll.

Wie steht es ums Bloggen in Zeiten von Facebook, Twitter und Co? Ist es noch relevant?
Blogging ist lebendiger denn je. Es gibt mehr Blogs als jemals zuvor. Das Interessante ist, dass Facebook die Leute damit vertraut macht, etwas online zu veröffentlichen. Das regt ihren Appetit an. Viele beginnen mit Facebook, Tumblr oder Twitter, aber wenn sie bemerken, dass sie mehr zu sagen haben, dann kommen sie zu Wordpress.

Social Media treibt das Bloggen also an?
Die beiden Phänomene ergänzen sich. Wenn man sich eine Twitter-Timeline ansieht, wird man feststellen, dass die Hälfte der Links dort zu Blogs führen.

Einige Leute meinen, dass Twitter mit seinen 140 Zeichen das Bloggen ruiniert hat. Wie sehen Sie das?
Nein, es gibt heute mehr lange Blog-Einträge als in der Zeit vor Twitter. Man kommt nicht immer mit 140 Zeichen aus, manchmal braucht man mehr, um etwas zu sagen. Ich glaube aber, dass die Aufmerksamkeitsspannen der Menschen immer kürzer werden. Das sorgt mich, die Welt lenkt uns immer mehr ab. Orwell schreibt in “1984”, dass die Leute von “Big Brother” kontrolliert werden, in “Brave New World” werden die Menschen durch ihre eigene Droge kontrolliert, sie geben sich die ganze Zeit der Unterhaltung hin. Heute sind wird durch viele süße Dinge, durch die Flut der Informationen, dauernd abgelenkt.

“Brave New World” ist also mehr Realität geworden als “1984”?
Ja, absolut. “Brave New World” lag richtig, “1984” nicht, zumindest was die westliche Welt angeht.

Wie stehen Sie zum Thema “Anonymität im Internet”? Facebook, verschiedene Online-Medien und Politiker würden die ja gerne abschaffen.
Ich glaube, dass Anonymität ein wichtiges Tool ist, vor allem in unterdrückten Gesellschaften. Die ersten Pamphlete der Amerikanischen Revolution wurden anonym veröffentlicht. Das kehrt in der Geschichte der Menschheit immer wieder. In freien Gesellschaften ist Anonymität nicht so wichtig, aber wer weiß, wie sie sich entwickeln werden.

Wordpress Matt Mullenweg
Foto: Jakob Steinschaden

In autoritären Staaten wie China, Syrien oder Iran werden Blogs gerne von Regimegegnern genutzt. Welche Möglichkeiten zum Schutz der eigenen Identität bietet ihnen Wordpress?
Das kann ich jetzt noch nicht verlautbaren, aber wir arbeiten an etwas Neuem. Wir sind in Kontakt mit den Entwicklern vom Tor Project (Anonymisierungs-Dienst, Anm.) und schauen, was wir tun können, dass diese Menschen sicherer ihre Stimme erheben können und nicht riskieren, dafür eingesperrt oder getötet zu werden. Es gibt technologische Mittel, dabei zu helfen, aber am Ende des Tages braucht es politischen und sozialen Wandel. Man kann etwas im Internet veröffentlichen, aber wenn es niemand anderer im Land lesen kann, dann hilft das nicht weiter.

Das heißt, Sie arbeiten mit Jacob Applebaum und anderen an einem neuen Anonymisierungs-Tool?
Jacob ist übrigens ein guter Freund. Ich kann noch nicht abschätzen, wann wir es fertig haben.

Wordpress hat die SOPA-Proteste mit einem Blackout Anfang 2012 unterstützt. War das ein einmaliges Ereignis, oder wird es solche Online-Proteste wieder geben?
Ja, wenn die bösen Jungs es wieder versuchen. Es gibt diese sehr kleine Film- und Musikindustrie, die versucht, das spannendste Medium, das die Welt jemals gesehen hat, zu zerstören. Es klingt blöd, das zu sagen, aber das Internet hat alles verändert. Jedes Mal, wenn die Freiheit dieses Netzes bedroht ist, wird es Widerstand geben.

Wordpress wird also im Falle des Falles wieder aktiv werden?
Wordpress wird immer die freie Meinungsäußerung im Internet unterstützen.

Vor einigen Wochen wurden 1,5 Millionen Blogs von Edublogs.org auf einen Schlag wegen einer Urheberrechtsverletzung offline genommen. Zentralisierte Plattformen können offensichtlich sehr leicht abgedreht werden. Ist das nicht auch ein Problem für Wordpress.com?
Ich glaube nicht. Auch dezentralisierte Webseiten können sehr leicht und schnell abgedreht werden. Wir haben auf Wordpress.com sehr viel mehr Blogs als Edublogs und sind noch nie abgeschaltet worden. Man sollte schauen, eine gute Beziehung zu seinem Service Provider zu haben, damit der nicht deinen Server abdreht.

Wordpress Matt Mullenweg
Foto: Jakob Steinschaden

Wordpress hat vor einiger Zeit das Online-Anzeigen-Tool WordAds eingeführt. Ist das als Konkurrenz-Produkt zu AdSense von Google gedacht?
In der Theorie ja. Aber um ehrlich zu sein, ist das nur für die allerbesten Publisher gedacht, während AdSense jeder nutzen kann. WordAds soll die besten Blogger und die besten Werber vereinen, und außerdem ist es nur ein Experiment.

Können unabhängige Blogger von der Werbung leben?
Ja klar, viele tun das. Aber die grundlegende Frage ist, ob man das Nutzungserlebnis seines Blogs durch Werbung stören will. Das ist eine sehr persönliche Enscheidung. Das Extrageld, das ich mit Werbung in meinem Blog machen könnte, wäre es mir nicht wert.

Die Social-Media-Plattform Tumblr wächst derzeit sehr stark und wird auch zum Bloggen genutzt. Was halten Sie von Tumblr?
Ich mag Tumblr sehr gerne. Ich finde, sie haben ein cooles Interface und haben einige spannende Dinge getan. Der größte Teil des Contents sind Bilder, und die Leute schreiben nicht so viel dort. Für Wordpress ist Tumbr eine weitere Distributions-Plattform, so wie Twitter oder Facebook. Man kann seine Blog-Einträge einfach an seine Follower bei Tumblr schicken. Tausende Wordpress-Nutzer machen das täglich. Eine Eigenheit von Tumblr ist, dass deren Dashboard sehr wichtig ist. Die große Mehrheit der Follower dort werden die eigentliche Seite niemals sehen, weil sie die neuesten Postings in den Stream des Dashboards bekommen.

Wie verändern Smartphones und Tablets das Bloggen?
Mobiltelefone machen das Bloggen viel einfacher. Man hat immer eine Kamera mit dabei, man kann seine Position feststellen, man ist immer mit dem Internet verbunden. Wir arbeiten derzeit intensiv an der Verbesserung der mobilen Wordpress-Dienste und der Wordpress-Apps.

Wordpress Matt Mullenweg
Foto: Jakob Steinschaden

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Wordpress.com hostet derzeit 57,5 Mio. Blogs, die monatlich von 384 Mio. Usern besucht werden. Täglich kommen mehr als 100.000 neue Blogs dazu. Nutzer produzieren pro Monat rund 31,7 Mio. Blog-Posts und 39,7 Mio. neue Kommentare. Auch große News-Seiten wie NBC, CNN oder Techcrunch setzen auf die Blog-Software. Englisch ist mit 66 Prozent der Blogs die wichtigste Sprache, 1,8 Prozent des Wordpress-Content ist Deutsch. Google zufolge ist Worpress seit 2007 die meistgesuchte Blog-Plattform der Welt.

(futurezone) Erstellt am 20.11.2012, 06:00

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