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Lecturize WU Wien streitet mit Start-up Studify um Urheberrechte.

Das Studenten-Netzwerk Studify finanziert sich zum Großteil über die Einnahmen der Lernplattform Lecturize
Das Studenten-Netzwerk Studify finanziert sich zum Großteil über die Einnahmen der Lernplattform Lecturize - Foto: Screenshot/Studify
Studify soll Inhalte der Wirtschaftsuniversität Wien kopiert haben. Um eine Unterlassungserklärung ist nun ein Streit entbrannt.

Das bessere Facebook für Studenten: Mit diesem Anspruch ist das Wiener Start-up Studify 2012 an den Start gegangen - mit Erfolg. Obwohl man nur an zwei Wiener Universitäten - der Technischen Universität sowie der Wirtschaftsuniversität - verfügbar ist, zählt der Dienst bereits 15.000 Nutzer. Doch das Jahr 2016 begann mit einem ordentlichen Dämpfer. Die Wirtschaftsuniversität wirft den Gründern vor, Lernunterlagen kopiert und in kostenpflichtigen Online-Kursen verwendet zu haben. Nun steht laut den Gründern der Fortbestand der Plattform auf dem Spiel.

Die Vorwürfe richten sich nicht direkt gegen Studify, sondern die dazugehörige Online-Lernplattform Lecturize. Diese bietet gegen eine geringe Gebühr - zwischen 18 und 38 Euro pro Monat - Online-Kurse für Studenten der WU und TU Wien an. Mit Videos und Online-Fragebögen sollen die WU-Studenten dort auf die Prüfungen in den Kursen “Accounting & Management Control” sowie “Volkswirtschaftslehre” vorbereitet werden. Die Inhalte werden von Nachhilfelehrern gestaltet, die auch für Fragen zur Verfügung stehen. Doch dabei soll man sich bei den offiziellen Lernunterlagen der Universität bedient haben, so der Vorwurf der WU Wien.

Warten auf Beispiele

“Eines vorweg, wir haben nichts gegen Start-ups”, sagt WU-Vizerektor Michael Lang gegenüber der futurezone. Die Wirtschaftsuniversität unterstütze unter anderem mit einem Gründungszentrum gezielt Jungunternehmer. “Es ist aber nicht in Ordnung, an öffentlichen Leistungen zu verdienen und ein Geschäftsmodell daraus zu machen.” WU-Mitarbeitern sei die Ähnlichkeit zwischen den Inhalten aufgefallen, woraufhin das Rektorat informiert wurde. Nach einer Prüfung durch Experten sei man zu dem Schluss gekommen, dass das Start-up die Urheberrechte der Universität und Lektoren verletze. Laut Lang würde es sich “zu einem guten Teil um jene Beispiele handeln, die wir Studenten zur Verfügung stellen”.

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Studify-Gründer Andreas Aigner und Alexander Pöllmann - Foto: Studify
Andreas Aigner, einer der beiden Gründer der Plattform, bestreitet diese Vorwürfe jedoch gegenüber der futurezone. Bei einer Prüfung der eigenen Unterlagen habe man “ein, zwei Beispiele entdeckt, bei denen man vielleicht argumentieren kann”. Diese seien aber laut Aigner grundlegende Beispiele, wie man sie in vielen anderen Lehrbüchern auch finden kann, beispielsweise zur Erklärung der Barwertberechnung.

Lecturize: Betrieb soll eingestellt werden

Nun ließ die WU dem Start-up einen Anwaltsbrief zukommen.  Über den Inhalt sind sich die beiden Parteien nicht einig. Laut WU fordert man darin lediglich das Start-up dazu auf, die Inhalte so rasch wie möglich zu entfernen und ähnliches Verhalten zu unterlassen. Ansonsten erwäge man weitere rechtliche Schritte. Für Lang sei die Angelegenheit dann erledigt. “Wir hoffen, dass die Einsicht, sowohl aus rechtlichen als auch aus moralischen Gründen, letztendlich siegt”, so Lang.

WU Wien
An der WU Wien studieren derzeit knapp 22.000 Studenten - Foto: KURIER/Christandl Jürg
Laut den Gründern des Start-ups fallen die Forderungen aber deutlich weitreichender aus. „Es wurde Einsicht in die Bücher, das Übernehmen der Anwaltskosten sowie im Grunde genommen das Einstellen des Geschäftsbetriebs gefordert“, so Aigner. Dieser Darstellung widerspricht die WU jedoch, es gehe lediglich um „lächerlich geringe Kosten“ für das Aufsetzen des Anwaltsbriefes. Die Einstellung des Geschäftsbetriebes habe man nie verlangt. Den strittigen Brief wollten aber weder das Start-up noch die WU vorlegen.

Teilen von Unterlagen üblich

Das Start-up kann das Vorgehen der WU nicht verstehen. “Unsere Leistung ist ja nicht das Verbreiten von Unterlagen, sondern das Erklären von Zusammenhängen”, erklärt Aigner gegenüber der futurezone. Dass man Inhalte der Universität kostenpflichtig verbreitet oder gar Beispiele kopiert habe, schließt er aus. “Wir haben bislang nur sehr positives Feedback bekommen, jeder unserer Kunden hat die Prüfung noch geschafft.” Man wolle mit Lecturize eine Alternative zu den Intensivkursen der ÖH bieten, die zeitweise wegen des hohen Andranges über keine Plätze mehr verfügen.

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Foto: futurezone
Besonders ärgerlich sei der Umstand, dass das Teilen von Skripten, Lernunterlagen und Büchern an vielen Universitäten mittlerweile zum Alltag gehört und geduldet wird. Auf Facebook, Dropbox oder auch in ÖH-Foren werde meist das Teilen von urheberrechtlich geschützten Inhalte geduldet. Die deutsche Plattform Studydrive, die rund 100.000 registrierte Mitglieder zählt, belohnt ihre Nutzer für das Teilen von Unterlagen sogar mit Prämien wie iPads und Amazon-Gutscheinen.

Schwierige Gespräche

Ein Geschäftsmodell, das für Aigner außer Frage steht. Die Inhalte auf Studify werden von den mehr als 15.000 Nutzern selbst kuratiert, urheberrechtlich geschützte Inhalte werden sofort gelöscht. Auf Lecturize werden die Lernunterlagen wiederum von den Kursleitern bereitgestellt. Die “primäre Einnahmequelle” der Jungunternehmer sei derzeit Lecturize, Studify steht bislang noch nicht auf eigenen Beinen. In Zukunft will man auch durch Kooperationen mit Unternehmen, die Studenten Gewinnspiele, Deals und Events anbieten, Einnahmen generieren.

Die Situation zwischen dem Start-up und der Universität schien bis zuletzt verfahren. Sowohl die WU als auch das Start-up verwiesen mehrmals darauf, dass der jeweils andere nicht gesprächsbereit sei. Doch am Donnerstag schien sich die Situation zu bessern. "Derzeit sind beide Seiten an einer raschen Klärung interessiert", ließ Aigner die futurezone in einer schriftlichen Stellungnahme wissen.

"Wir sind in dieser Sache entspannt, nicht zuletzt, weil wir uns als Partner der Universitäten und Dienstleister für die Studenten verstehen. Selbstverständlich entwickeln wir unser Angebot innerhalb der gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen. Dass es dabei manchmal Bedarf an einer genaueren fachlichen Klärung bedarf, ist für uns klar und auch erwartet." Er erwarte "in Kürze eine gütliche Lösung, womit die Sache dann auch schon wieder vom Tisch sein wird".

(futurezone) Erstellt am 28.01.2016, 06:00

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