Peter Glaser: Zukunftsreich
Ein Augenblick der Gleichheit
Die Kommunikationsmaschinen bringen uns einander näher – ob wir wollen oder nicht.
Als ich mal von Griechenland zurück in den Norden fuhr, setzte ich erst mit dem Schiff nach Italien über und fuhr dann von Brindisi ganz unten am Stiefel mit der Bahn weiter hoch. Abgesehen davon, dass in meinem Rucksack eine Flasche Retsina auslief und auf einen unter dem Gepäcknetz sitzenden Carabiniere pladderte, war es eine wunderbare Fahrt. All das viele Italienisch, das rund um mich gesprochen wurde, war wie Musik. Ich verstand nichts, und aus dem Unverständnis erhob sich das wohltuende Gefühl, die Menschen hätten sich hier, ähnlich wie in der Oper, lauter klangvolle Dinge zu sagen.
Ehe das Internet über uns hergefallen ist, war es insgesamt ein bißchen wie auf dieser Reise. Zwar hatten sich zuvor schon immer mehr Maschinen zwischen die naturbelassen miteinander kommunizierenden Menschen gedrängt, Fernseher, Telefone, Fernkopierer (wie die Faxgeräte anfangs genannt wurden), etc. Aber noch vermochte der Mensch sein Selbstgefühl in der Textstille von Büchern und der Unmittelbarkeit von Gesprächen zu finden. Mit dem Internet und der Mobilkommunikation wurde eine Quasselversion der Büchse der Pandora geöffnet.
Machen immer mehr Mitteilungen alles belangloser?
„Wenn iPhones, Webseiten und soziale Medien in Real- und Jetztzeit alles dokumentieren, wird all dies immer belangloser”, gibt die Erziehungswissenschaftlerin Astrid von Friesen zu bedenken. Sie sieht eine Wechselwirkung zwischen dem „logorrhoeischen Verhalten in den Medien” und den Kommunikationsmustern vieler Menschen, die sich davon beeinflussen lassen. Sie sieht Entwicklungsstörungen bei Kindern, verstörte Männer (da Frauen mehr reden), und Frauen, die in diesem Redefluss sich und die anderen verlieren. Das ist die kulturpessimistische Variante.
Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.
Aber es ist auch ein großer Fortschritt, dass so viel geredet wird – und dass so viel geschrieben und gelesen wird. Der Fortschritt besteht darin, dass soziale Schranken aufgehoben werden. Das war schon bei der Verbreitung des Radios so. Anfang 1920 gab es in den USA eine Handvoll Radiostationen. Zwei Jahre später, nachdem „drahtlose Konzerte” das neue Medium populär gemacht hatten, waren es bereits an die 600. Das Radio überschritt Grenzen - ethnische, geographische, soziale. Es brachte Menschen in Kontakt mit Orten, Klängen und Lebensgefühlen, die sie sonst niemals kennengelernt hätten.
Online gibt es eine neue Gemeinsamkeit
Heute findet diese Vermischung der Lebenswelten noch viel eingehender und weitreichender statt. Das proletarisch Ungehemmte an manchem öffentlich geführten Mobiltelefonat mag am Anstandsempfinden bürgerlicher Gemüter rühren. Aber es begegnen sich dabei die Milieus in einer Detailtiefe, die man zuvor gern vermieden hat. Im Netz spielen herkömliche Signale der direkten Kommunikation wie Aussehen, Mimik oder Status keine Rolle mehr. Es gibt online so etwas wie einen Augenblick der Gleichheit und Gemeinsamkeit.
Über Sprachgebrauch, Interessen usw. werden danach wieder die Unterschiede ermittelt, keine Frage. Kultureller Fortschritt bedeutet immer auch eine Zunahme von Unterschieden. Aber die Kommunikationsmaschinen bringen uns erst einmal einander näher, ob wir wollen oder nicht.
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