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Peter Glaser: Zukunftsreich Das digitale Eigentor.

Auch im Internet kann man sich Eigentore schießen
Auch im Internet kann man sich Eigentore schießen - Foto: REUTERS/TONY GENTILE
Ein paar Anmerkungen zum Streisand-Effekt und seinen verästelten Folgen.

1994 wollte ein Hundefutterhersteller den Onlinedienst America Online verklagen. Ein AOL-Teilnehmer hatte die Produkte des Herstellers herb kritisiert. Die Firma verlangte von AOL, die entsprechende Nachricht zu entfernen. Eine solche Zensur aber hätte schon damals eine Revolte unter den Teilnehmern ausgelöst. AOL-Vizepräsidentin Ellen Kirsh fand eine salomonische Lösung. Sie schenkte der Firma eine Teilnehmerkennung und lud sie ein „sich einzuloggen und sich selbst zu verteidigen, in beliebiger Länge.“ Der Hersteller sah von einer Klage ab.

Ein teures Stück Küste

Dass das gar nicht so dumm war, wurde ein knappes Jahrzehnt später definitiv klar. 2003 arbeitete der Fotograf Kenneth Adelman an einer aufwendigen Dokumentation der kalifornischen Küste für das California Coastal Records Project. Rund 12.000 Fotos, die auf der - 2012 außer Betrieb gestellten - Website pictopia.com veröffentlicht wurden, sollten die Erosion von Stränden und Klippen der Küste anschaulich machen. Auf einem der Fotos, am Strand von Malibu, erkannte die Sängerin und Entertainerin Barbra Streisand ihr Anwesen wieder, ein feudaler Villenkomplex mit einem Swimmingpool in Form eines riesigen Säbels.

Streisand verklagte Adelman und die Website auf 50 Millionen Dollar – erfolglos. Stattdessen erschuf Streisand mit ihrem Vorgehen eine dem Internet-Zeitalter angemessene Version dessen, was bei einer fehlgegangenen Attacke „Der Schuss geht nach hinten los“ heißt. Erst durch die Klage wurde die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, wem das Haus auf der Abbildung gehört. Das Foto verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet. Innerhalb eines Monats besuchten 420.000 Neugierige die Seite mit dem Adelman-Foto. Mit ihrer Aktion erreichte Streisand nicht nur das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollte. Das Phänomen trägt inzwischen auch ihren Namen: Streisand-Effekt.

Die Landesverräter

Erst jüngst war eine spektakuläre deutsche Aufführung dieser neuen Art von Eigentor zu bestaunen: Die „Landesverrats“-Affäre um die beiden Journalisten Markus Beckedahl und Andre Meister und das von ihnen betriebene Blog Netzpolitik.org. Bereits im Frühjahr hatte Netzpolitik.org Auszüge aus einem vertraulichen Bericht des deutschen Verfassungsschutzes für den Haushaltsausschuss des Bundestages veröffentlicht. Darin geht es um den Aufbau einer neuen Einheit zur Überwachung des Internets, speziell der sozialen Netzwerke wie Facebook. Die Veröffentlichung wurde fast nur in Fachkreisen zur Kenntnis genommen.

Am 30. Juni wurde bekannt, dass der Generalbundesanwalt Harald Range Ermittlungen gegen die Blogbetreiber aufgenommen hat – wegen des gravierenden Verdachts auf Landesverrat. Der Fall löste einen Proteststurm aus, sogar das Kanzleramt und der Justizminister äußerten sich kritisch. Forderungen nach einem Rücktritt des Generalbundesanwalts - dem man andererseits viel zu zahmes Verhalten in der NSA-Affäre um abgehörte Politiker-Handys vorwarf - wurden laut. Als der Justizminister die Affäre zu entschärfen versuchte, warft ihm Range einen „unerträglichen Eingriff“ in die Unabhängigkeit der Justiz vor; noch am gleichen Tag wurde er entlassen. Der auf Netzpolitik.org veröffentlichte Bericht des Verfassungsschutzes, um dessen Geheimhaltung der Generalbundesanwalt so besorgt war, wurde seiner Initiative zu danken inzwischen vieltausendfach gelesen.

Falsche Diamanten

Während sich ein frühpensionierter Beamter durch so etwas vielleicht in seinem Stolz getroffen fühlt, kann der Streisand-Effekt für eine Firma deutlich dramatischere Konsequenzen haben. Ende 2008 produzierten Spaßvögel eine Fake-Version einer zukünftigen New York Times, die ein paar Tage lang Aufmerksamkeit im Netz erregte; dann war der Online-Schwarm auch schon weitergezogen. Nur die Rechtsabteilung des Diamanthändlers De Beers blieb noch da: Man hatte festgestellt, dass die Fake-Zeitung unter anderem eine Fake-Werbeanzeige von De Beers enthielt.

Statt das Ganze als Parodie abzuhaken, schickte De Beers seine Anwälte an die Front. Und die drohten weder den Urhebern des Scherzes, noch dem Webhoster, bei dem die Online-Präsenz beheimatet war, sondern dem Domain Name Registrar – der Organisation, die sich um die Verwaltung von Internet-Domainnamen kümmert (und die für Inhalte auf den Domains nicht verantwortlich sind). Der Registrar sollte die Website vom Netz nehmen oder es würde eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung gegen ihn ergehen. Ergebnis: Die Aufmerksamkeit der Netzöffentlichkeit richtete sich gebündelt wie ein Laser auf die falsche De Beers-Anzeige.

Ein aufmerksamkeitsglitzernder Kometenschweif

Als ein italienischer Blogger 2011 zwei kritische Artikel über Homöopathie und den Homöopathie-Konzern Boiron veröffentlichte, wurden sie kaum beachtet. Das änderte sich, als das Unternehmen den Blog-Provider aufforderte, die Beiträge zu löschen. Internationale Blogs und sogar das renommierte British Medical Journal berichteten nun und Tausende wollten die Texte lesen.

Wie ein aufmerksamkeitsglitzernder Kometenschweif zieht sich der Streisand-Effekt durch die digitale Welt. Das Glück, das vor zwei Jahrzehnten der Hundefutterhersteller mit der diplomatischen AOL-Managerin hatte, ist leider nicht jedem hold. Und der Effekt der unerwünschten und forcierten Verbreitung kann auch fatale Folgen haben.

Zeigen, was man nicht zeigen will

Im Juli tauchte auf der Google-Plattform MyMaps, auf der man eigene interaktive Karten erstellen kann, eine Deutschlandkarte auf, auf der die Standorte sämtlicher Flüchtlingsheime und Asylunterkünfte markiert waren. Das ganze Land bedeckt von alarmroten Google-Markierungsblasen – sie überwuchern uns, sie überrennen uns, so die Botschaft. Eine wortlose visuelle Hetze. Am 17.7. berichtet die Tagesschau nicht nur in aller Ausführlichkeit, sondern auch mit suggestiven Bildern über die Karte. Eine Hakenkreuzschmiererei wird übermalt, der ausgebrannte Dachstuhl einer noch nicht bezogenen Flüchtlingsunterkunft in Sachsen-Anhalt wird gezeigt, Aber „die Tagesschau kann sich nicht so richtig entscheiden“, schreibt Sofia Taxidis in einem Blogkommentar. „Einerseits misstraut sie ihren Gebührenzahlern und unterstellt rassistische Gesinnung. Andererseits breitet sie genau das, was sie nicht zeigen will, in aller Schönheit aus.“

Nach zahlreichen Nutzerbeschwerden, die das als geistige Brandstiftung ansahen, sperrte Google noch am selben Tag den Zugang zu der Karte. Man habe es sich nach eigenen Angaben nicht leicht gemacht, „schließlich erachtet Google den Zugang zu Informationen als außerordentlich wichtig.”

(futurezone) Erstellt am 29.08.2015, 06:00

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