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Wissenschaft & Blödsinn Der Hochbegabungswahn.

Wunderkinder haben es nicht immer leicht
Wunderkinder haben es nicht immer leicht - Foto: Aigner
Indigokinder, Kristallkinder und feinstoffliche Genies: Esoterische Wunderkinder sind in Mode.

Manche Kinder können sich nicht an Regeln halten. Sie sind rebellisch, dickköpfig und hyperaktiv. Sie schaffen es kaum, sich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, wollen immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und haben oft Probleme in der Schule. Früher hätte man gesagt, solche Kinder sind schwierig. Heute wissen wir es besser: Diese Kinder sind feinstofflich hochbegabt.

Die indigoblaue Aura

Die amerikanische Esoterik-Autorin Nancy Ann Tappe fand nämlich heraus, dass es sich bei diesen zappeligen Jungdespoten um „Indigo-Kinder“ handelt. Sie haben telepathische Fähigkeiten, können mit Feen reden und Engelsenergien empfangen. Wer die feinstoffliche Aura erkennen kann, die aus allen Lebewesen hervorleuchtet, der sieht die Aura dieser Kinder in wunderschönem Indigoblau erstrahlen. Dummerweise sind die meisten Lehrer ziemlich schlecht im Aurasehen. Daher erkennen sie nicht, dass der Zappelkasper in der zweiten Reihe, der schon wieder auf dem Sessel herumtanzt, in Wirklichkeit eine große kosmische Aufgabe zu erfüllen hat.

Indigo-Kinder sind nämlich auf die Erde geschickt worden, um eine spirituelle Revolution vorzubereiten. Die Welt steht vor einem evolutionären Sprung, wir nähern uns einer Zeit von Liebe und Frieden. Und Kevin in der zweiten Reihe, der ständig den anderen Kindern seine Buntstifte in die Nase rammt,  ist auserkoren, ein Botschafter dieses neuen Friedenszeitalters zu sein. Die Lehrer werden schön blöd schauen, wenn es dann so weit ist.

Für die Eltern ist das praktisch. Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob sie irgendetwas an ihrer Erziehungsstrategie ändern sollten, schließlich haben sie ja ein indigostrahlendes Wunderkind hervorgebracht – die Welt ist nur noch nicht ganz bereit dafür. Was macht man allerdings, wenn man ein eher schüchternes Kind mit Sprachstörungen hat? Keine Sorge, auch dafür hat die Esoterik eine Lösung: In diesem Fall handelt es sich nämlich um ein hypersensibles Kristallkind. Sprache ist für solche Kinder nicht so wichtig, weil sie lieber telepathisch mit Engeln kommunizieren. In der neuen Zeit nach der Indigo-Revolution werden sie wichtige Rollen einnehmen.

Begabung als Konkurrenzdruck

Die eigenen Kinder großartig zu finden, ist wohl ganz normal. Der Drang, sie von irgendjemandem als herausragend und ungewöhnlich zertifizieren zu lassen, ist allerdings eine bedenkliche Modeerscheinung. „98% der Kinder werden hochbegabt geboren“, erklären uns selbsternannte Bildungsexperten. Man braucht schon eine statistisch recht merkwürdige Definition von „Hochbegabung“, damit sich das argumentieren lässt. Aber irgendwie muss man mit den Konkurrenzeltern am Spielplatz offenbar mithalten, die ihren Nachwuchs mit unbarmherzig fördernder Hand vom frühkindlichen Chinesisch-Kurs zur Cellostunde schleifen. Und wenn die kleine Chantal-Chloé trotz ihrer zertifizierten musikalischen Ausnahmebegabung dann aus Frust ihr Cello im biologisch-dynamischen Komposthaufen hinterm Haus vergräbt, dann kann man das immer noch mit ihrer indigofarbenen Aura erklären. Kein Zweifel: Aus ihr wird später mal etwas Großes.

Moderne Eltern, die etwas auf sich halten, haben Ansprüche. Die Limonade nur mit frischer Bio-Minze, das Elektroauto nur in veganer Edelkunstleder-Ausführung und die Kinder nur mit luxuriös indigofarbener Aura. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und wenn das Kind ganz normal zu sein droht, dann geht man mit ihm einfach zu einem anderen Experten. Mit ausreichend großem Budget wird sich schon irgendeine Hochbegabung aus ihm herausprüfen lassen.

Es ist ein absurdes Phänomen: Gerade die alternativen Eltern, die sich gegen das Beurteilen und Kategorisieren von Kindern aussprechen, wollen ihrem Kind dann unbedingt einen offiziellen Besonderheits-Stempel aufdrücken. Man spricht sich gegen Klassendenken und Konkurrenzdruck aus und erfindet dann die Klasse der „Indigokinder“, um dadurch erst recht wieder in Konkurrenz mit anderen zu treten. Man schwärmt für Montessori-Pädagogik und Waldorfschulen, weil sich dort die Kinder angeblich so sorgenfrei und unbedrückt entfalten können, und dann hängt man ihnen erst recht wieder den zentnerschweren Rucksack elterlicher Erwartungen um, indem man ihnen stolz und hoffnungsfroh irgendeine ganz besondere Hochbegabung unterstellt.

Lass die Kinder doch mal ganz normal sein!

Modeerscheinungen wie Indigo- oder Kristallkinder sind wohl ein Symptom einer Zeit, in der es als Niederlage gilt, durchschnittlich zu sein. Besser wäre es wohl, man würde dazu stehen, dass man seine Kinder großartig finden darf, auch wenn sie nicht unbedingt die Vorboten eines neuen Weltzeitalters sind.

Vielleicht hat Kevin eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, die man behandeln muss. Für seine Eltern wird er trotzdem das allerbesonderste Kind auf der Welt bleiben. Das ist in Ordnung, auch wenn sich seine Intelligenz bloß in recht gewöhnlichen Größenordnungen bewegen sollte. Und wenn Chantal-Chloé ein Rhythmusgefühl hat wie ein Presslufthammer mit Wackelkontakt, dann wird sie keine weltbewegende Musikerin werden, aber das macht nichts. Man darf Kinder liebhaben, auch wenn sie keine Superstars sind. Und für die wirklichen Superstars von morgen ist es wohl auch besser, wenn sie ab und zu ganz normale Kinder sein dürfen. Seltsam wird man dann mit dem Alter ohnehin ganz von selbst.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 23.02.2016, 06:00

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