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Peter Glaser: Zukunftsreich Die allgewaltige Ablenkungsmaschine.

Foto: Fotolia/Akasha
In der digitalen Welt fällt die Orientierung schwer – es geht nicht mehr nach vorne, sondern überallhin. Es gibt auch keine Mitte mehr, sondern ein neues Nichtzentrum. Und die ganze Richtungsverwirrung ist äußerst lustbetont: Was gibt es schöneres als Ablenkung?

Twitter ist die erste Zeitung, die nur aus dem Inhaltsverzeichnis besteht - aber was für eins! Augenzeugen, Experten, Bekannte, die auf bemerkenswerte Artikel, Bilder, Videos hinweisen, das alles in einer fließenden Zeitleiste ("Timeline”) am Bildschirm, die allerdings trotz Vernetzung und Verlinkung nach wie vor linear abläuft. Bei manchen führen diese neuartigen Vorgänge gelegentlich zu etwas wie einer wütenden Sehnsucht nach Nichtlinearität. Kaum wird in einer der zahllosen individualisierten Dimensionen – oder Schäume aus Interessensblasen –, aus denen Twitter besteht, zu lange über zu deutsche Bundespräsidenten parliert, beschweren sich schon welche, in Syrien würden Menschen sterben, etc. Das leuchtende Schwert der Aufmerksamkeit möge seine Spitze auf das Zentrum des Geschehens richten. Aber es gibt kein Zentrum mehr.

Hauptsache ist, was am Bildschirm zu sehen ist
In der digitalen Welt heißt es auch nicht mehr "Der Weg ist das Ziel”, sondern "Die Ränder sind die Mitte”. Wir lernen eine Sache kennen, wenn wir uns in ihr befinden - wenn wir sie von innen sehen. Heute sammeln wir Informationen nicht nur, sondern hüllen uns in sie ein. Information strahlt immer stärker jenen Anspruch aus, den Religion und Politik seit Jahrhunderten erheben: den der zentralen Wahrheit. An Wahrheiten gibt es aber noch viele andere, gleich bedeutende, und der Computer mit seinem leuchtenden Altarfenster erklärt nun im Stillen alles, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, zu Hauptsachen. Er ist jetzt das Wesentliche. Dieses neue Nichtzentrum aber liegt nicht mehr in der Mitte.

Das Feuer im Zentrum der Aufmerksamkeit
In der Dämmerung sieht das menschliche Auge seit jeher Dinge, die von außen in den Rand des Blickfelds geraten, in einer rätselhaften Schärfe – eine Überlebensfähigkeit aus ferner, stammesgeschichtlicher Vergangenheit. Heute finden so Intuitionen ihren Weg ins Bewußtsein. Während die Aufmerksamkeit auf etwas anderes fokussiert und abgelenkt ist, kann sich fast beiläufig Neues einschleichen, können sich Lösungen andeuten.

Verwirrung Wegweiser
Foto: Fotolia/Akasha

Der Computer ist die mächtigste Ablenkungsmaschine der Geschichte – für die einen ein Schrecknis, für die anderen ein Potential voller Schöpfungskraft. Wenn das Feuer im digitalen Zentrum der Aufmerksamkeit manchmal für einen Moment nachläßt, erkennen wir staunend, dass wir nun immer öfter hochinteressante Dinge finden, die wir gar nicht gesucht haben. Eine typische Form der Neugierde im Internet-Zeitalter, wenn man in der Suchmaschinenmetropole, in die sich die Welt verwandelt hat, in unbekannte Seitengassen und Nebenrouten abbiegt. Anders als im Deutschen gibt es im Englischen auch schon einen Begriff für diese neue Art des Aufmerksamkeitsverlaufs: Serendipity.

Das Zeitalter der Angst
Für die einen bedeutet das Serendipisieren unproduktive, vertrödelte Zeit. Für andere ist es  ein Kraftschöpfen. Wenn man ein Haus baut, kann man anhand der verbauten Ziegel die Produktivität messen. Wir leben inzwischen aber in einer Wissensökonomie, in der sich erbrachte Qualität nicht mehr nach Wortanzahl oder Tastaturanschlägen pro Minute messen läßt. Es geht nicht mehr um die Zeit, die für etwas aufgewendet wird, sondern um die Qualität, die erreicht wird.

"Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur mehr ein Dorf”, schrieb Marshall McLuhan bereits 1964. "Die elektrische Geschwindigkeit, mit der alle sozialen und politischen Funktionen in einer plötzlichen Implosion koordiniert werden, hat die Verantwortung des Menschen in erhöhtem Maß bewußt werden lassen. ... Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf `Standpunkte` zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt."

Überinformation als Grundbedingung einer  Informationsgesellschaft
Frank Schirrmacher spricht von den "jede Aufmerksamkeitskraft überfordernden apokalyptischen Echtzeittickern" – womit wir auch wieder bei Twitter angelangt wären – und übersieht dabei, dass Überinformation nicht die Folge einer Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft ist, sondern ihre Grundbedingung. Friedrich Nietzsche fand schon 1878: "Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Kultur, ist so groß geworden, dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist.”

Nine to Five war gestern, jetzt ist Immer
Sämtliche Medien, allen voran das Netz, sind inzwischen auf einen Zustand der Ständigkeit ausgerichtet – Permanenz. Der digitale Medienfluß ist dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln. Etwas, das überall und immer da ist. Früher öffnete sich einmal pro Abend mit der Zeit im Bild das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Auskunftsströme unausgesetzt und vielarmig. Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Nine to Five war gestern, jetzt ist Immer.

"Im übrigen”, schrieb der Kulturphilosoph Lewis Mumford 1967, "ist der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschneiden, nicht erst unserer Zeit entsprungen und auch nicht an die ausschließliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden. Die alte Bezeichnung für diese Form zentralisierter Kontrollmacht ist Bücherverbrennung."

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

(futurezone/Peter Glaser) Erstellt am 25.02.2012, 06:00

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