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Wissenschaft & Blödsinn Die Cargo-Kult-Falle.

Aura-Chirurgie: Ohne Blut und ohne Wirkung
Aura-Chirurgie: Ohne Blut und ohne Wirkung - Foto: Florian Aigner
Wollen Sie Ihre Aura operieren lassen? Oft verschwendet man Zeit mit nutzlosen Handlungen, weil sie auf den ersten Blick wichtig und überzeugend erscheinen.

Silbriges Operationsbesteck liegt am Tisch bereit. Der Patient sitzt konzentriert daneben, unbetäubt, mit geschlossenen Augen. Der Chirurg nimmt das Skalpell und setzt mit sicherer Hand einen gezielten Schnitt, direkt bei der Nase, in der Luft. Niemals berührt das Skalpell die Haut, es handelt sich nämlich um Aura-Chirurgie. Hier wird nicht der Körper des Patienten behandelt, sondern seine feinstoffliche Energieausstrahlung, die aus dem Körper hinausragt.

Die Aura muss vor dem Gesicht aufgeschnitten werden, erklärt der Heiler. Danach wird sie nach links und rechts weggeklappt, aus dem Inneren der Aura wird mit der Pinzette eine energetische Blockade herausgezogen und abgeschnitten. Mit vertrauenserweckend professioneller Überzeugung hantiert der Operateur, immer bleiben die Instrumente eine Handbreit vom Körper des Patienten entfernt.

Die Religion des Flugzeugs

Auf der anderen Seite des Erdballs, auf einer Insel  im Pazifik, steht ein Flugzeug im tropischen Regenwald. Während des zweiten Weltkriegs kamen dort viele Flugzeuge an, doch das ist lange her. Amerikanische Soldaten brachten damals wundersame Dinge nach Papua Neuguinea, die man dort vorher noch nie gesehen hatte. Sie kamen mit Zelten, Konservennahrung und Waffen. Für das soziale Leben auf den Inseln hatte das fatale Folgen, aber die unbekannten Produkte, die mit diesen unerklärlichen lärmenden Flugmaschinen erschienen faszinierend und wertvoll.

Nach dem Krieg blieben die Flugzeuge aus, keine neuen Waren wurden mehr geliefert. Und daher versuchten die Inselbewohner, genau die Handlungen zu wiederholen, mit denen die amerikanischen Soldaten früher die Flugzeuge angelockt hatten: Sie errichteten Funkhäuschen mit Antennenattrappen aus Bambus und schnitzten Kopfhörer aus Holz. Sie stellten sich auf die Landebahn und malten mit großen Gesten Zeichen in die Luft. Sogar Flugzeuge aus Stroh wurden gebaut und neben die Landebahn gestellt. Alles sah beinahe aus wie früher, doch die echten Flugzeuge kamen nicht zurück.

Sieht hübsch aus, nützt aber nichts

Der Aura-Chirurg, der in Mitteleuropa die Luft mit dem Skalpell seziert, kann keine körperlichen Schäden heilen. Mit dem potemkinschen Aura-Schneiden kann man sicher mächtige Placebo-Effekte hervorrufen, doch am Ende heilt die Aura-Chirurgie genauso wenig wie des Kaisers unsichtbare neue Kleider im Winter wärmen. Trotzdem bezahlen hoffnungsvolle Patienten eine Menge Geld dafür.

Auch die Handlungen der tropischen Flugzeugfunker mit ihren wirkungslosen Bambusantennen blieben ohne den Nutzen, den man sich erhofft hatte. Trotzdem gibt es diesen sogenannten „Cargo-Kult“ bis heute. Aus den Versuchen, die Flugzeuge und ihre luxuriöse Fracht wieder anzulocken entwickelte sich gemeinsam mit christlichen Einflüssen und traditioneller Ahnenverehrung eine ganze Familie an religiösen Riten.

Imitieren ist gut, ignorieren ist dumm

Aura-Chirurgie ist eine Cargo-Kult-Medizin. Was der Aura-Heiler macht, sieht ähnlich aus wie echte Medizin, hat aber keinen Effekt. Genau wie im Cargo-Kult werden Handlungen ausgeführt, die in einem anderen Kontext nützlich und sinnvoll waren, genau aus diesem Sinn ihre Legitimation beziehen, aber nun in einem neuen Zusammenhang jede praktische Bedeutung verloren haben und dadurch ein wenig traurig erscheinen - so wie jemand, der immer noch jede Woche Hundefutter kauft, obwohl sein Hund längst tot ist, oder wie ein alter Clown, der seine Witze abends der Waschmaschine erzählt, weil niemand mehr über sie lachen will.

Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Aura-Chirurgie und Cargo-Kult: Die Idee, Flugzeuge mit Bambus-Funkgeräten anzulocken, ist streng genommen völlig rational. Wenn man einen Effekt beobachtet hat und ihn noch einmal hervorrufen möchte, dann wird man möglichst dieselben Rahmenbedingungen wiederherstellen wie vorher. Für jemanden, der weiß, wie Kopfhörer, Funkantennen und Flugzeuge tatsächlich funktionieren, erscheint die simple Imitation nutzlos. Aber so lange man ihre Funktion nicht erklären kann, ist Imitation der logische erste Schritt zur Erkenntnis.

Genau dieses Argument kann der Aura-Chirurg nicht für sich in Anspruch nehmen. Er kennt die grundsätzliche Logik der Medizin, entschließt sich aber bewusst dafür, sie zu ignorieren. Das ist kein erster Schritt zur Erkenntnis, das ist der letzte Schritt, mit dem man dem rationalen Denken endgültig davonhüpft.

Die Cargo-Kult-Falle

Aura-Chirurgie mag ein besonders drastisches Beispiel sein, doch in manche Cargo-Kult-Fallen tappen wir ganz leicht. Wenn Leute Eindruck schinden wollen, indem sie einfache Sätze mit exzeptionell inopportunen Fremdwörtern adornieren, dann begehen sie einen Cargo-Kult-Fehler. In komplizierten Fachgebieten, egal ob in der Quantenphysik, der Mikrobiologie oder der Linguistik, braucht man passende Fachbegriffe, sonst kann man gewisse Dinge gar nicht präzise ausdrücken. Wer diese sprachliche Komplexität zu imitieren versucht, indem er aus ganz einfachen Aussagen Komplexitäts-Attrappen bastelt, der ist nicht gebildet, sondern eher lächerlich.

Ärgerlich sind auch Cargo-Kult-Sitzungen, die es fast in jedem Büro gibt: Man trifft keine Entscheidungen, man erfährt nichts wirklich Neues, aber der Chef findet es wichtig, mit ernster Miene das ganze Team zusammenzutrommeln, damit alle gemeinsam stundenlang um einen Tisch sitzen, und so tun, als würden sie etwas Wichtiges ausverhandeln. Für das ungeübte Auge sieht es aus wie richtige Arbeit, in Wirklichkeit ist es genauso produktiv wie der Versuch, mit Bambusstöcken Flugzeuge anzulocken oder die Luft mit Skalpellen zu schneiden um eine Krankheit zu heilen.

Man startet Cargo-Kult-Stellenausschreibungsverfahren, obwohl von Anfang an feststeht, wer den Job bekommt, man setzt Cargo-Kult-Reformen durch, bei denen sich nicht wirklich etwas ändert, man lädt zu politischen Cargo-Kult-Pressekonferenzen, bei denen es nichts Neues zu berichten gibt. Überall, wo bloß noch die äußere Form einer ursprünglich sinnvollen Handlung übrigbleibt, müssen wir darauf achten, nicht in die Cargo-Kult-Falle zu tappen.

Und sollten Sie aus irgendwelchen Gründen eines Tages doch an einen Aura-Chirurgen geraten, dann versuchen Sie doch, ihn mit kleinen bunten Papierstreifen zu bezahlen. Das erfüllt zwar nicht die Funktion von Geld, sieht aber ganz ähnlich aus. Wer weiß, vielleicht freut er sich ja.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 07.04.2015, 06:00

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