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Peter Glaser: Zukunftsreich Die Entordnungsmaschine.

"Das Internet macht uns wirr und glücklich"
"Das Internet macht uns wirr und glücklich" - Foto: Bela Szandelszky, ap
Das Netz macht vielen Menschen Angst, weil es auflöst, woran sie sich bisher festgehalten haben – und es läßt die Jugend nicht mehr erwachsen werden.

Das Internet macht uns wirr und glücklich. Das heißt, es löst die alten Ordnungen auf und stiftet aber erst einmal keine neuen. Diesen Übergangszustand empfinden wir als Wirrnis. Es ist zugleich (um zu zeigen, was man alles machen kann, wenn man einen Buchstaben wegnimmt) eine Wirnis. Ein Ort, an dem es immer schwerer fällt, allein zu sein. Ständig ist man in irgendein Wir involviert, auf Facebook, auf Twitter, sonstwo. Angesichts dieser beständigen Gemeinschaftlichkeit im Netz, die man nun kaum noch loswird, wünsche ich mir manchmal förmlich die Vereinsamung, die vor noch nicht allzu langer Zeit als die große Internet-Gefahr an die Wand gemalt wurde.

Die ultimative Riesenwohngemeinschaft

Was früher die Wohngemeinschaft war, Nestwärme auf dem Weg ins Erwachsenenleben, ist heute das Smartphone in der Jackentasche, das iPad, irgendein leichtes Ding, das immer mit dabei ist. Es enthält die ultimtive Riesenwohngemeinschaft, die Crowd, die Timeline, die Community. Alle Freunde sind jetzt immer da. Man merkt das daran, dass auf Facebook niemand mehr Grüß Gott oder Aufwiedersehen sagt. Es gibt nur noch die weich über den Bildschirm fließende Gegenwart. Wir sind Gefangene dieser Gegenwart, und das Schlimme ist: Es ist nicht schlimm. Es ist ein Luxusgefängnis, in dem es uns geht wie mexikanischen Drogenbaronen. Wir können alles haben, was es auch draußen gibt. Aber wir können nicht raus.

Diese neue Wohngemeinschaft geht immer mit uns mit, wo wir auch hingehen. Für junge Menschen wird es dadurch zunehmend schwieriger, erwachsen zu werden. Einfach für sich zu sein und Entscheidungen zu treffen. Ich aber bin ein alter Hase und kenne ein paar Tricks. Ich weiß, wie man wieder aus dem Internet rauskommt. Es ist wie mit den geheimen Abkürzungen bei Ikea, wenn man nicht erst durch die gesamte Ausstellungsfläche durchmäandern will.

Abermillionen Katzenfanatiker infiltrieren das Netz

So saß ich da, außerhalb des Internet, mit einem alten Freund, und wir schauten der Katze zu. Neben der Katze lief ein Lied und die Katze versuchte es einzufangen.

         „See me, feel me, touch me“, sagte das Lied.

         „Von wem?“

         „The Who.“

         „Of whom, heißt das.“

         „Die Band heißt The Who.“

         „Die Wer?“

         „The Who.“

         „Sag ich doch.“

         „Miau“, sagte die Katze.

So ging das immer weiter. Das Durcheinander hat längst aus dem Internet auf die richtige, echte Welt hier heraussen übergegriffen. Sogar an der Katze merkt man es. Seit Abermillionen Katzenfanatiker das Netz infiltriert haben, gibt es die Katze gar nicht mehr wirklich, so eingebildet ist sie inzwischen.

Yottiliarden an Information

Das Internet sorgt nicht für Ordnung, es ist eine unglaubliche Entordnungsmaschine. Milliarden Fotos werden auf Flickr & Co ausgebreitet, Yottiliarden Videos auf Youtube, und keiner kümmert sich mehr um einen Index. Jeder taggt und schreibt die Schlagworte dazu, die ihm gerade einfallen. Ordnung gibt es immer nur noch ein paar Sekunden lang, wenn Google wieder eine Ergbnisliste zu einer Anfrage ausgeworfen hat. Das ist die neue Weltordnung.

Ohnehin ist das Problem nicht, dass man im Internet zu wenig findet. Das Problem ist auch nicht, dass es im Internet zu viel Müll gibt, wie Kulturpessimisten immer gern behaupten. Das Problem ist, dass es im Internet viel zu viel gutes Material gibt und zu wenig Zeit da ist. Die Zeit ist der Engpaß. Manchmal ist es geradezu zum Verzweifeln, dass nicht mit diesem immensen Online-Geschenk an Kultur und Unterhaltung (und sogar das, wofür man bezahlt, ist durch den nun unglaublich einfachen Zugang ein Geschenk im übertragenen Sinn) zugleich auch die menschliche Lebenszeit auf 500 Jahre erweitert werden kann, um all die großartigen Bücher in Ruhe zu Ende lesen zu können. Wo sind die Biotechniker, wenn man sie einmal wirklich braucht?

Mein alter Freund nahm noch Rotwein. Ich blickte behaglich in eine komplett ungeordnete Zukunft und stieß mit ihm an, und die Katze schmiegte sich zärtlich an das Chaos, wie bei dem Dichter Gottfried Benn die Häuser gelehnt sind an Rosen.

(futurezone) Erstellt am 18.01.2014, 06:00

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