Peter Glaser: Zukunftsreich

Die Nuklearkraft des Netzes

„Im Maschinenzeitalter, das nun zur Neige geht, konnte man noch viele Schritte ohne zu große Besorgnis unternehmen“, schrieb Marshall McLuhan 1964 in seinem Buch „Die magischen Kanäle“. „Das langsame Tempo gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters.“ Der Mann hatte Weitsicht.

Der Wunsch nach Wahlfreiheit
Nie zuvor konnten die Menschen in den industrialisierten Gesellschaften ihr Leben und ihre Beziehungen in einem vergleichbaren Maß nach eigenen Ideen einrichten. Selbst die großen Dinge des Lebens - Liebe, Ehe, Familie - werden heute experimentell ausgelotet und immer neu ausgehandelt. Das Bedürfnis nach fester Lebensplanung nimmt ab. Der Wunsch nach Wahlfreiheit überträgt sich auch auf die Mediennutzung, dem kommt das Internet umfassend entgegen. Aus Texten, Bildern, Dateien, Ideen aller Art kann, soll, muß sich nun jeder seinen individuellen Medienmix zusammenstellen. Der kreative Anspruch ist manchmal erdrückend. Algorithmen sollen helfen, Aggregatoren, das freundlich Zugereichte aus Twitter, Facebook, Blogs und den Wikis der Welt. Die permanente Belieferung kann auch zu einer paradoxen Umkehr von Informiertheit führen. Wer eine Uhr hat, weiß immer wie spät es ist; wer viele Uhren hat, ist sich nie sicher.

Die digitale Welt wird nun magisch
Alles passiert sofort. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Die digitale Welt, ohnehin schon voller Wunder, wird nun magisch. Denn Zauberei bedeutet nichts anderes als dass alle Wünsche unverzüglich verwirklicht werden. Eine Gefahr auf diesen Wegen hat der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford beschrieben: ”Nichts kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme - nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten“, so Mumford,“kommt vor der Paarung die Werbung.”

Der Stoff, aus dem die Zukunft besteht
Es gehört mit zu den dramatischen Effekten, die der digitale Großkatalysator bewirkt, dass nun erst einmal die herkömmlichen kulturellen Bündelungen - die Molekülen ähneln - wieder in ihre Elemente zerlegt werden. Diese Schnipsel, Atome, Partikel sind der Stoff, aus dem die Zukunft besteht. Es gibt, genau wie in der Nuklearphysik, auch kulturelle Kernkräfte, die in jedem der scheinbar losen Fragmente wirksam sind. Nichts wollen diese Teile mehr, als wieder neue Moleküle werden.

Musiker gehörten zu den ersten, die diese kulturelle Kernspaltung zu spüren bekamen. Ihre klassische Bündelungsform, das Album, hat im Internet praktisch aufgehört zu existieren. Die User sind zu Rosinenpickern geworden und holen sich nur noch einzelne Tracks. Film- und Fernsehleute sehen es an langen Lichtspielen, die zu visuellem Kleinholz verarbeitet als Dreiminuten-Clips auf YouTube netztaugliche Form annehmen. Auch die Struktur, in der die Nachrichten der Weltereignisse bisher in einer gedruckten Zeitung vor uns ausgebreitet wurden, löst sich im Netz in Links auf einzelne Artikel auf. Vollends quantenphysikalisch, also voller Unbestimmtheiten, geht es in den sozialen Netzen zu – hier verwandeln sich Massenmedien gerade in Medienmassen.

„Organisch" und „organisieren" entstammen derselben Wurzel
Die Technik lässt uns gern vergessen, dass wir weit mehr sind als eine Spiegelung im Glanz des Neuen. Immer neuen Graden an Komplexität zu begegnen ist unser Schicksal. Lösungen des Informationsfortschritts sind in zunehmendem Maß ganzheitlich und organisch (nicht umsonst entstammen die Begriffe „organisch" und „organisieren" derselben Wurzel). Der erste große Informations-Ökologe war Charles Darwin. Er versuchte die Erde als ein in sich verwobenes, in jeder Hinsicht dynamisches Netzwerk in ihrer lebenden Ganzheit zu fassen. Was Darwins Gedanken so überzeugend machte, waren nicht seine Theorien, sondern seine einzigartige Fähigkeit, eine große Zahl von Beobachtungen verschiedenster Art zusammenzufassen und verständlich zu machen.

Die Revolution, die wir brauchen, verlangt eine Wandlung der mechanischen Ansicht der Welt – die oft einfach unter den Begriff des Digitalen geschlüpft ist – in eine organische, in deren Mittelpunkt der Mensch steht – „kühl und gefasst einer Million Welten gegenüber", wie es der Dichter Walt Whitman ausgedrückt hat.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

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