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Peter Glaser: Zukunftsreich Die Verselbstung.

Das berühmte Oscar-Selfie stellte sich im Nachhinein als bezahlte Werbung heraus
Das berühmte Oscar-Selfie stellte sich im Nachhinein als bezahlte Werbung heraus - Foto: John Shearer/Invision/AP
Der Drang zum Exhibitionismus wird unterschätzt. Es gibt eine erstaunliche, massenhafte Lust, sich in digitale Medien hinein zu entblößen.

Ich las ein Katzenblog. Meine Katze saß neben dem MacBook und überlegte, ob sie den Mauspfeil fangen sollte. Ich stellte mir vor, wie er zwischen ihren Zähnen surrte wie eine erwischte Fliege. Neben der Katze saß mein Besuch und betrachtete sich selbst auf dem Display seines iPhones.

„Schlecht rasiert“, sagte er und zog an einem übersehenen Barthaar.

Jemand in dem Katzenblog hatte entdeckt, dass es in iOS9 jetzt einen eigenen Selfies-Ordner gibt und das System da automatisch Fotos unterbringt, die man von sich selbst gemacht hat. Nun hatte er allerdings gerade entdeckt, dass da auch Fotos seiner Katze waren. Nicht Fotos von ihm und seiner Katze. Nur von der Katze. „Mein iPhone erkennt jetzt offenbar meine Katze als mich“, schrieb er. „Ich bin nicht sicher, wie ich das finden soll.“

Apple greift ins soziale Geschehen ein

Hatte die Katze über Nacht endlich den seit Jahrtausenden erwarteten entscheidenden Evolutionsschritt vollzogen und war zum werkzeugverwendenden Wesen geworden? „Es heißt immer, Soziale Medien können sie nicht bei Apple“, warf mein Besuch ein. „Aber sie greifen auf ganz andere Art in das soziale Geschehen ein“.

Die Katze legte sich auf die warme Tastatur. Eine rasch länger werdende Schlange aus kleinen s raste über das Weiß eines offenen Textfensters. „Ssss!“, sagte mein Besuch, „Genau: Sssselfie! Es ist die Kulturrevolution der Verselbstung, die Apple mit dem iPhone vom Zaun gebrochen hat.“

„Wieso bricht man eigentlich Dinge vom Zaun?“ Ich versuchte mir eine an einem Zaun angebrachte Kulturrevolution vorzustellen. Die Katze aalte sich und ich sagte zu ihr: „Tastaturrevolution!“ und stupste sie an.

„Die Katze hat auf deinen letzten Anstupser noch nicht reagiert“, sagte die Katze. 

Narzissmus auf dem Mars

„Als der Curiosity-Rover auf dem Mars gelandet ist, was hat er als erstes gemacht?“, fragte mein Besuch wie in einer Quizsendung – „Ein Selfie!“ Die kollektiv-narzisstische Manie habe, vom iPhone ausgehend, nun Mensch und Maschine - den Rover - erfasst und vollziehe sich jetzt also auch im interplanetarischen Maßstab. „Die Verselbstung des Planeten Erde schreitet unaufhaltsam voran“, sagte der Besuch.

In iTunes gibt es seit letztem Jahr eine eigene Abteilung für Selfie-Apps. Es gibt auch Apps, die ein Überhandnehmen des Selfie-Wahns verhindern sollen. Russische Entwickler haben eine Anti-Selfie-App programmiert, die per Gesichtserkennung die eigene Visage erfasst, um sie anschließend auf verschiedene lustige Arten zu verhunzen. In Amerika haben Selfies schon zwei Tablet-Diebe verpfiffen. Nachdem sie ein Auto aufgeknackt hatten, haben sie sich mit den erbeuteten Tablets fotografiert. Allerdings wanderten die Bilder unbemerkt in die iCloud des Beklauten, der sie auf Reddit veröffentlichte, und dort hat jemand die beiden identifiziert. 

„Absolut lächerlich“

Es gibt sogar einen Selfie-fähigen Toaster, zu dem man eine nach einem entsprechenden Foto gefertigte Schablone bekommt. „Wobei Toastbrot nicht gerade der ideale Untergrund für hochauflösende Bilder ist“, sagte ich.

„Karl Lagerfeld mag schon gar nicht mehr rausgehen“, mein Besuch emulierte einen Lagerfeld-Seufzer. „Er fühlt sich von Leuten mit iPhones verfolgt. – ‘Jeder ist hinter mir her, es ist absolut lächerlich. Jeder will ein Selfie. Aber ich habe keine Lust, auf Fotos mit Leuten zu sein, die ich nicht kenne‘."

„Und es geht ja nicht nur um Modemacher, sondern auch um Menschen ganz ohne Mode, die sich, also, ähem, ohne Hosen fotografieren und posten. Der Drang zum Exhibitionismus wird ziemlich unterschätzt. Es gibt eine erstaunliche, massenhafte Lust, sich in ein digitales Medium hinein zu entblößen. Vielleicht eine Art Vorwärtsstrategie gegen die ganzen Überwachungsalpträume, Motto: Ich habe nicht nur nichts zu verbergen. Ich habe auch keine Hosen an.

Ohne Hosen

„Da gab‘s doch mal einen Film“, sagte ich. „Tote tragen keine Hosen.“

„Keine Karos.“

„Wie, Karos?“

„Tote tragen keine Karos.“

„Wieso das denn?“

„So hieß der Film.“

„In Finnland sind Donald-Duck-Comics angeblich mal verboten gewesen, weil Donald keine Hose anhat.“

„Und was hat das jetzt mit Selfies und mit Apple zu tun?“

„Naja, Donalds Matrosenjacke hat mit dem iPhone gemeinsam, dass beide immer weniger Knöpfe haben. Die Jacke hatte erst vier, dann zwei und dann gar keinen Knopf mehr. Das kostete zu viel Zeit und Geld, wenn beim Trickfilmzeichnen 24 Mal pro Sekunde vier Knöpfe gezeichnet werden mussten. Und am iPhone 7 soll ja angeblich sogar der Home-Button verschwinden.“

Die Katze guckte genervt. Sie wollte schlafen.

„Tote schlafen keine Hosen“, sagte ich zu der Katze.

„Das war jetzt aber Kunst“, sagte mein Besuch, „also: unverständlich.“

Dann machte er ein Foto von seinem zufriedenen Gesicht und schickte es in die Welt.

(futurezone) Erstellt am 23.01.2016, 06:00

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