Zur mobilen Ansicht wechseln »

Wissenschaft & Blödsinn Feng Shui - Geisterglaube fürs Wohnzimmer.

Buddha und Bambus in einer deutschen Feng-Shui-Hundepension.
Buddha und Bambus in einer deutschen Feng-Shui-Hundepension. - Foto: Carmen Jaspersen, dpa
Esoterische Völkerverständigung: Alle Menschen werden blöder, wo dein sanfter Flügel weilt.

Feng Shui ist eine großartige Sache. Es verknüpft Irrwege der fernöstlichen Philosophie mit Dummheiten der westlichen New-Age-Bewegung. Manchmal kann Unfug wunderbar völkerverbindend sein.

Die Grundlagen des Feng Shui kommen aus China. Dort überlegte man sich Regeln, nach denen Grabstätten und Wohnbauten angelegt werden, um die Geister des Wassers und der Luft zufriedenzustellen. Zum Glück stellt sich heraus, dass diese Geister ziemlich dumm sind. Es fällt ihnen beispielsweise schwer, über eine hohe Türschwelle zu gelangen, das haben Geister mit Rollstuhlfahrern und älteren Menschen gemeinsam. Behindertengerechte Wohnungen, bei denen man auf einer Ebene durch die Tür rollen kann, sind aus Feng-Shui-Gründen offenbar problematisch, damit müssen wir uns wohl abfinden. Was ist Ihnen lieber – der Kampf gegen böse Geister oder der Besuch von Oma? Eben!

Außerdem können die Geister nicht so leicht die Richtung ändern. Sie bewegen sich hauptsächlich in geraden Linien fort. Deshalb sind ostasiatische Brücken oft nicht gerade, sondern geknickt. Die meisten Menschen kommen trotzdem problemlos über den Teich, die Geister hingegen fallen hinein. Und Oma wird sich schon melden, wenn der Rollstuhl die Kurve nicht schafft. Oma? Hallo? Bist du noch da?

Möge das Qi mit dir sein

Eine wichtige Rolle spielen im Feng Shui auch die fünf fernöstlichen Elemente Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde. Damit verfügt Feng Shui immerhin über fünfundzwanzig Prozent mehr Elemente als die griechische Antike, in der man mit nur vier Elementen auskommen musste – ein beeindruckender Vorsprung. Entscheidend ist aber, dass in einer Wohnung mit gutem Feng Shui das sogenannte Qi frei und ungestört fließen kann. Jeder Badezimmerinstallateur wird bestätigen, dass ungestörtes Abfließen wichtig ist. Nur was das Qi sein soll, das kann niemand so genau erklären. Es handelt sich jedenfalls um eine mystische Lebensenergie, die uns alle miteinander verbindet.

Das erinnert ein bisschen an die Macht aus Star Wars: Meister Yodas Wohnhöhle auf dem Planeten Dagobah hat sicher auch ganz tollen Qi-Fluss. Darth Vaders Todesstern hingegen hatte vermutlich eher schlechtes Feng Shui. Ein paar Räucherstäbchen oder Goldfischbecken hätten dort wohl geholfen.

Vermeiden sollte man Straßen, die direkt vom Haus wegführen. Das führt nämlich dazu, dass das Geld abfließt, und die Bewohner verarmen. Aus demselben Grund sollte man sein Haus nicht am Hang  bauen – das finanzielle Glück rutscht nach unten und ist unwiederbringlich verloren. Das Geld scheint also der Schwerkraft zu folgen. Vielleicht sollte man dann sein Haus ganz unten im Tal bauen, wo sich das finanzielle Glück der anderen Leute dann ansammelt? Ist das der Grund, warum die tiefgelegenen Niederlande ein recht wohlhabendes Land sind? Vor Investitionen in der Schweiz ist so betrachtet jedenfalls zu warnen.

Das beste Feng Shui hat ein Gebäude, wenn man nach vorne auf ein ruhiges Gewässer blicken kann, und sich hinter dem Haus ein Berg erhebt. Tatsächlich – das klingt nach einer Traumlage für ein Ferienhaus. Und daran sieht man auch bereits den Kern der Feng-Shui-Lehre: Sie greift einfach fröhliche Binsenweisheiten auf, die uns allen immer schon klar gewesen sind und packt sie in ein scheinwissenschaftliches, geheimnisvolles Weltbild. Ja, es stimmt: Ruhige Gewässer sind etwas Schönes. Mit dem Rücken zur offenen Tür sitzen ist uns oft unangenehm. Wenn ein Besucher schon an der Haustüre bis in die hintersten Winkel unserer Wohnung schauen kann, stört uns das. Das sind durchaus sinnvolle Erkenntnisse, und daher kann Feng Shui durchaus brauchbare Ratschläge liefern. Aber dafür brauchen wir bloß ein bisschen Hausverstand. Auf Qi, altchinesische Zahlenmystik und Elementenlehre können wir dabei getrost verzichten.

Kaufen, kaufen, kaufen!

Heute allerdings stürzt sich die westliche New-Age-Szene auf die alten Feng-Shui-Lehren und macht aus dem freundlich-nutzlosen Aberglauben aus China ein unwissenschaftlich-esoterisches Geschäftsmodell. Während es in China eher um die architektonische Struktur von Bauwerken ging, verlegen sich westliche Feng-Shui-Berater eher auf Inneneinrichtung und verkaufen Energiefluss-Spiegel, sie installieren Qi-leitende Kristalle und plätschernde Aquarien an Wohnzimmerecken, in denen sie unerfreulichen Energiefluss gespürt haben. Überprüfbar positive Auswirkungen hat das natürlich nicht, abgesehen von einem mächtigen Placeboeffekt. Feng-Shui-Berater erzeugen damit in erster Linie einen mächtigen Geldfluss auf ihr eigenes Konto – ganz unabhängig davon, ob sie ihr eigenes Haus in Hanglage oder im Tal gebaut haben.

In China findet man mit einem Kompass und alten, verwirrenden Regeln heraus, welche Bereiche im Gebäude wofür geeignet sind. Im Westen sieht man das pragmatischer: Wozu komplizierte Regeln, wenn man ohnehin jedes beliebige Endergebnis um gutes Geld verkaufen kann? So wurde etwa das simple „drei Türen Bagua“ entwickelt: Man zeichnet einfach ein Rechteck um den Wohnungsgrundriss und teilt es in drei mal drei Felder, die dann unterschiedliche Bedeutung haben. 

Bei meiner Wohnung stellt sich heraus: Mein Klo befindet sich in der Karrieren-Bagua-Zone. Das bedeutet ganz übles Feng Shui für meine beruflichen Aufstiegschancen. Dafür steht mein Bett genau im Liebes- und Beziehungs-Bagua-Bereich, das klingt vielversprechend. Und der Schreibtisch, an dem ich meine Texte schreibe, ist genau an der Grenze zwischen den Bagua-Zonen für Reichtum und Ruhm. Da kann eigentlich nichts schiefgehen – ich bleibe sitzen und schreibe weiter.

Der Autor

Florian Aigner

florianaigner.jpg
Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 12.01.2016, 06:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Dein Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!