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Wissenschaft & Blödsinn Gesund und reich durch Quantenheilung.

Foto: Florian Aigner
Mit Quanten können Sie Ihre Aura reinigen oder mit Engeln reden. Am besten ist, Sie denken sich selbst eine esoterische Quanten-Idee aus und werden damit reich.

Was Quanten eigentlich sind, ist völlig egal. Entscheidend ist, dass man sie für alles verantwortlich machen kann: Warum sagen Horoskope die Zukunft voraus? Das muss an den Quanten liegen! Warum sollten Sie um teures Geld geheimnisvoll energetisiertes Wasser kaufen? Na weil es besonders tolle Quanten enthält! Warum brauchen Sie dringend eine Auramassage, wenn Sie krank sind? Ganz klar: Damit Ihre Quanten wieder in Ordnung gebracht werden.

Quanten als Allzweck-Mittel

Quanten sind das perfekte Argument für so ziemlich alles. Weil sich fast niemand damit so richtig auskennt, wird nur selten jemand widersprechen. Ich wundere mich ja, dass die Politik darauf noch nicht aufmerksam geworden ist: „Frau Ministerin, wollen Sie zu den Steuerhinterziehungsvorwürfen nicht endlich Stellung nehmen?“ – „Tut mir leid, das wäre quantenenergetisch heute höchst ungünstig.“ Auch vor Gericht wäre das praktisch: „Aber Sie können nicht in London gewesen sein, wenn Sie zur selben Zeit in Madrid waren!“ - „Doch, euer Ehren, glauben Sie mir, nach den Gesetzen der Quantenphysik ...“

Kein Wunder also, dass die Esoterik-Industrie voll auf die Macht der Quanten setzt. Man kann Bücher über heilende Quanten-Engel kaufen, man kann mit Quanten die Seele reinigen oder die Wohnung mit Quanten-Feng-Shui einrichten. Nie schreibt jemand ein Buch über die Seelenheilung durch Materialchemie, über Handauflegen mit klassischer Elektrodynamik oder über Astrologie elliptischer Integrale. Schade, das wäre viel lustiger.

Dass gerade die Quantentheorie immer für esoterischen Unfug herhalten muss, ist ja durchaus verständlich: Die Welt der Quantenteilchen hält immer wieder merkwürdige Überraschungen für uns bereit. Sie ist für komische Esoterik-Ideen gut einsetzbar, weil sie uns eben selbst oft ein bisschen ungewöhnlich und seltsam erscheint - allerdings nur, wenn man den Fehler macht, sie mit unseren gewohnten Alltagsvorstellungen im Kopf zu betrachten, die sich nun mal evolutionär nicht an die Quantenphysik angepasst haben. Die meisten Quanteneffekte werden dort sichtbar, wo sich unser Alltagsleben niemals hinverirrt: Bei winzig kleinen Distanzen, auf unvorstellbar kurzen Zeitskalen. Dass in diesen Bereichen Dinge geschehen, die sich mit unserer Alltagsintuition nicht gut vertragen, ist eigentlich völlig klar.

Begründungen und Gleichnisse

Eine esoterische Theorie wissenschaftlicher erscheinen zu lassen, indem man sie mit Quantenphysik  verziert, ist ähnlich wie der Versuch, einem Delphin die Mähne eines Löwen aufzukleben. Der Delphin wird damit nicht zur Raubkatze, und dem Löwen tut die Sache auch nicht gut.

Oft wird in der Quanten-Esoterik eine physikalisch durchaus sinnvolle Aussage ohne weitere Argumentation ins Philosophische oder ins Abstruse verzerrt. „In der Quantenphysik legt erst die Messung fest, in welchem Zustand ein Quantenteilchen ist. Also legen wir durch unser Beobachten den Zustand der Welt und auch unseren eigenen Gesundheitszustand fest.“ - Ein Sprung von der Physik direkt ins Mystische, ohne logische Verbindung. „In der Quantenphysik können weit voneinander entfernte Teilchen physikalisch verbunden bleiben. Also sind wir alle miteinander verbunden, und können telepathisch mit intergalaktischen Quanten-Energiewesen kommunizieren.“ Fein. Ich wäre schon beeindruckt, wenn mir mal jemand quanten-telepathisch eine Pizza bestellen könnte.

Die Quantentheorie auf diese Weise für esoterische Psycho-Theorien oder Heilungszauber zu verwenden ist genauso unsinnig als würde man sagen: Ich erkläre Ihnen jetzt, wie ein Auto funktioniert – da drehen sich die Räder, und im Atom dreht sich das Elektron um den Atomkern, und deshalb fährt das Auto. Das ist keine Erklärung, das ist höchstens ein Gleichnis. Man könnte natürlich versuchen, eine logische Brücke zu bauen, von den Atomen und den Materialeigenschaften, die sich aus ihnen ergeben, über die Verbrennungsreaktion und den Druck am Zylinderkopf bis zur Bewegung der Räder. Doch über solche Argumentationsketten wird in der Quantenesoterik gar nicht nachgedacht. Man gibt sich mit vagen Vergleichen zufrieden.

Ein bloßes Gleichnis ist wissenschaftlich bedeutungslos. Strömender Regen sagt uns nichts über elektrischen Strom, und aus einem strahlenden Lächeln können wir nichts über die Strahlkraft der Sonne lernen. Wer mit Gleichnissen arbeitet, mag ein Poet sein – neue wissenschaftliche Erkenntnis bringen sie nicht.

Anleitung zum Reichwerden

Wenn Sie nun mit Quantenphysik reich werden wollen, dann müssen Sie keinen Nobelpreis gewinnen. Sie suchen sich einfach eine  Theorie mit einem gewissen Wohlfühlfaktor aus: „Durch Handauflegen kann man heilen“ zum Beispiel. Oder: „Alles was man sich wünscht, geht in Erfüllung, wenn man sich täglich mittags in die Nase zwickt.“ Oder: „Dieser patentierte Himbeersirup bewahrt Sie davor, im nächsten Leben als Nacktmull wiedergeboren zu werden.“

Und dann streuen Sie eine Prise Quantenphysik über Ihre Behauptung: Verwenden Sie Begriffe wie „Quanten-Matrix“, „Quanten-Energie“ oder „Quanten-Polarisation“. Das Handauflegen wird Quanten-Massage, das Nasenzwicken wird Quanten-Reflexzonen-Akupressur und der Himbeersirup wird Quanten-Transzendenz-Polarisations-Elixier.

Sagen Sie Sätze wie: „Alles ist bloß Schwingung“, „Alles ist mit allem verbunden“, oder „Alles ist relativ“. (Der letzte gehört zwar zur Relativitätstheorie, aber auch das ist doch irgendwie relativ.) Suchen Sie missverständliche Zitate von berühmten Physikern, und behaupten Sie, diese Physiker seien auch irgendwie Esoteriker gewesen. Wenn Sie keine passenden Zitate kennen, dann erfinden Sie welche. Sollte Ihnen jemand widersprechen, dann antworten Sie: „Wer behauptet, er habe die Quantenphysik verstanden, der hat sie nicht richtig verstanden!“ Üben Sie den dazupassenden vielsagend-mystischen Gesichtsausdruck vor dem Spiegel.

Basteln Sie eine Homepage, in dem Sie Ihre neue Quanten-Theorie bewerben. Sie sollte schwierige, unverständliche Wörter enthalten, aber insgesamt trotzdem nicht technisch sondern knuddelig wirken. Bilder von Einhörnern oder Sonnenuntergängen helfen dabei. Das Farbspektrum der Seite sollte über Pastelltöne von rosarot bis lila nicht hinausgehen. Bieten Sie Seminare an, und verlangen Sie dafür viel Geld. Je mehr Geld Sie verlangen, umso begeisterter werden Ihre Kunden danach sein. Man will sich schließlich danach nicht eingestehen, viel Geld für Blödsinn ausgegeben zu haben.

Und sollten Sie jemals das Pech haben, mit lästigen wissenschaftlichen Gegenargumenten konfrontiert zu werden, dann holen Sie Ihre schärfsten Waffen hervor: Sinnfreie Ablenkungssätze. „Aber die Physik hat bewiesen, dass es Materie gar nicht gibt!“ „In der fernöstlichen Philosophie kennt man die Ideen der Quantenphysik schon seit Jahrtausenden!“ Oder: „Die Quantentheorie sagt, es gibt gar keine Realität, alles wird durch unser Bewusstsein bestimmt!“ Das ist natürlich alles völliger Unsinn, aber mit etwas Glück wird man Ihnen eifrig zunicken und Sie für weitsichtig und intelligent halten.

Und wenn Sie dann reich sind, dann sollten Sie mir für meine guten Ratschläge unbedingt 20% Provision überweisen. Sonst gibt das ganz schlechte Karma-Quanten und das Geld ist in kürzester Zeit wieder weg. Ich habe Sie gewarnt.

Die Quanten können nichts dafür

In Wirklichkeit ist die Quantenphysik natürlich eine Wissenschaft wie jede andere auch. Quantenphysik betreibt man nicht, indem man große Wörter benutzt und über das Bewusstsein und die Verbundenheit mit dem Universum philosophiert. Quantenphysik betreibt man mit Formeln, Rechnungen und Zahlen. Die Quantenphysik hat es nicht verdient, immer wieder für irgendwelche unwissenschaftlichen Zaubertheorien missbraucht zu werden. Es mag schon sein, dass Ergebnisse aus der Quantenphysik manchmal komisch erscheinen. Das heißt aber ganz sicher nicht, dass alles Komische zur Quantenphysik gehört.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 23.04.2014, 06:00

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