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Wissenschaft & Blödsinn Hört auf mit dem Angstmachen!.

Das Verbreiten irrationaler Ängste ist kein Kavaliersdelikt
Das Verbreiten irrationaler Ängste ist kein Kavaliersdelikt - Foto: Jürgen Flächle, fotolia
Flüchtlinge werden uns nicht den Wohlstand rauben und Chemtrails werden uns nicht vergiften. Wir dürfen Angstmacherei nicht länger sozial akzeptieren.

Ich habe heute keine Lust. Normalerweise schreibe ich über Wissenschaft und über Blödsinn, der sich als Wissenschaft ausgibt. Aber ich will heute nicht Lasertechnologie erklären, während am Mittelmeer tote Kinder angeschwemmt werden. Ich will nicht über künstliche Intelligenz philosophieren, wenn hirnlose Idioten Flüchtlingsquartiere anzünden. Es macht mir keinen Spaß, Witze über Auramassage und Engelsheilung zu reißen, wenn irgendwelche Teilzeitintellektuellen über „Flüchtlings-Tsunamis“ schreiben, die angeblich unseren Lebensstil bedrohen.

Stattdessen möchte ich ein paar Sätze über Angst loswerden. Angst tut weh, aber manchmal ist sie notwendig. Sie hindert uns daran, am Rand von Hochhausdächern zu balancieren, oder gefährlichen Tieren in der Nase zu bohren. Manchmal brauchen wir Angst, damit wir etwas gegen eine bedrohliche Gefahr unternehmen, oder damit wir schneller davonlaufen können. Aber wenn die Angst dem Verstand davonläuft, dann wird sie gefährlich.

Gute und böse Angst

Es gibt eine rationale Angst, die Leben rettet. Wenn man in einer Stadt wohnt, in der Häuser explodieren und Gewehrkugeln neben den eigenen Kindern einschlagen, dann sollte man Angst haben und fliehen. Es gibt aber auch eine irrationale Angst, die Leben gefährdet. Wenn man in einem der reichsten Staaten der Welt wohnt und Angst hat, dass ein paar hunderttausend Flüchtlinge in Europa den Zusammenbruch unserer Sozialsysteme, die Islamisierung unserer Heimat und den Untergang des Abendlandes bedeuten, dann sollte man noch einmal nachdenken. Ein europäischer Regierungschef fordert dichte Grenzen, um Europa christlich zu halten. Wer christliche Nächstenliebe mit Stacheldraht verteidigt, der nagelt seine Fenster vermutlich auch mit goldgelben Brettern zu, damit das Wohnzimmer sonniger wirkt.

Ich sage nicht, dass Angst die einzige Ursache für aufflammenden Fremdenhass ist. Das Problem ist vielschichtiger. Aber ich sehe, dass Angst von manchen Leuten gezielt geschürt wird. Und es ist die böse Sorte Angst, die mit falschen Behauptungen arbeitet und die hässlichsten Seiten der Menschen ans Licht zerrt. Ich wundere mich, dass diese Angstmacherei nicht als moralisch bedenklich gesehen wird. Wenn ich jemandem heftige Bauchschmerzen bereite, indem ich ihm einen Tritt in den Magen verpasse, dann werde ich angezeigt. Wenn jemand tausenden Menschen heftige Bauchschmerzen bereitet, indem er mit Hetzparolen Angst schürt, kann er sich als politisch unbequemen Mahner inszenieren.

Angstmachen ist unanständig

Wir müssen gegen Angstmacher vorgehen. Es gibt sie auf allen Seiten des politischen Spektrums, in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Manche Angstmacher erzählen uns von giftigen Chemtrails, die mit Flugzeugen am Himmel versprüht werden. Andere verbreiten Angst vor Impfungen, oder vor krankmachenden Strahlen aus dem Handy. Viele Leute haben Angst vor allem, was mit Genen oder Atomen zu tun hat, ohne sich näher anzusehen, worum es überhaupt geht. Manche religiöse Fanatiker haben Angst, dass Homosexualität Wirbelstürme hervorrufen könnte, andere Leute fürchten sich vor der geheimen Herrschaft der Reptilien-Aliens. Als der Teilchenbeschleuniger LHC am CERN in Betrieb genommen wurde, verbreiteten manche Leute Angst, dass dort schwarze Löcher entstehen, die unsere Erde auffressen.

Natürlich ist die Erde nicht aufgefressen worden. Aber weiterhin wird Angst geschürt, mit wissenschaftlich längst widerlegten Aussagen. Auch Angstparolen über Flüchtlinge und Überfremdung gehören in diese Kategorie. Sie lassen sich zwar nicht mit naturwissenschaftlichen Formeln widerlegen, aber mit einfachen ökonomischen Überlegungen. Das Tragische daran ist, dass sie moralisch noch viel schlimmer sind als Angstparolen aus der Technikfeinde- und Esoterik-Fraktion, weil sich diese Angstmacherei gegen Menschen richtet – und zwar gegen Menschen, die dringend Hilfe brauchen.

Das Verbreiten irrationaler Ängste ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine ernste, gefährliche Sache. Wie Viren können sich Ängste und angstgeschürte Aggressionen von Mensch zu Mensch verbreiten, und das kann tragisch enden. Die Angst wohnt im Bauch, aber wir müssen unsere Kopf benutzen, um berechtigte von erfundenen Ängsten zu unterscheiden.

Nur keine Angst!

Doch auch vor den Angstmachern will ich keine Angst machen. Wir sollten uns nicht fürchten, vor denen, die uns das Fürchten lehren wollen. Vielleicht läuft in der Notversorgung von Flüchtlingen manches nicht glatt, aber zumindest wird das dann öffentlich als Problem wahrgenommen und in ganz Europa diskutiert. Freiwillige bringen Wasser, Nahrung und frische Kleidung zu den Bahnhöfen, an denen verzweifelte Kriegsvertriebene ankommen. Die Bahn schickt Sonderzüge auf die Reise. Die Zivilgesellschaft bewegt sich, und das sollte uns hoffen lassen. Die Probleme werden dadurch nicht bis übermorgen gelöst, gewaltbereite Ausländerhasser werden dadurch nicht gleich bekehrt, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Wir schaffen das. Nur keine Angst!

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 08.09.2015, 06:00

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