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Wissenschaft & Blödsinn Schneiden Sie jetzt Ihre Zehennägel!.

Wenn der Mond ganze Ozeane bewegen kann, warum soll er dann nicht auch bei viel profaneren Dingen in unserem Alltag eine Rolle spielen?
Wenn der Mond ganze Ozeane bewegen kann, warum soll er dann nicht auch bei viel profaneren Dingen in unserem Alltag eine Rolle spielen? - Foto: dapd
Viele Leute takten ihr Leben nach den Mondphasen. In gewissem Sinn ist das ein Zeichen von Intelligenz.

Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, dass der Mond unser Leben beeinflusst? Dass die meisten Menschen bei Vollmond aggressiver sind, dass bei zunehmendem Mond geschnittenes Haar schneller nachwächst, dass sich Flecken bei Vollmond besser herauswaschen lassen? Gratuliere – dann sind Sie zu einer der wichtigsten menschlichen Intelligenzleistungen imstande: der Mustererkennung. Recht haben Sie aber trotzdem nicht.

Dummer und weniger dummer Aberglaube

Mancher Aberglaube ist ziemlich dumm, zum Beispiel die Vorstellung, dass eine schwarze Katze Unglück bringt, wenn sie von links unseren Weg kreuzt. Es gibt keinen wissenschaftlich vorstellbaren Mechanismus, der eine schwarze Katze zur Gefahr machen würde – ausgenommen natürlich, man ist eine Maus.

Beim Glauben an die Wirkung des Vollmondes allerdings sieht die Sache anders aus. Diese Theorie erscheint zunächst eigentlich plausibel. Den Mond gibt es wirklich, und er kann tatsächlich eine Wirkung auf uns haben. In einer Vollmondnacht ist es messbar heller als bei Neumond, und wenn wir am Strand die Gezeiten beobachten, dann hat der Mond einen entscheidenden Einfluss darauf, ob wir nasse Füße bekommen oder nicht. Wenn der Mond ganze Ozeane bewegen kann, warum soll er dann nicht auch bei viel profaneren Dingen in unserem Alltag eine Rolle spielen?

Ganz einfach: Weil die Kraft des Mondes, die auf uns wirkt, völlig vernachlässigbar ist. Der Mond übt eine Gezeitenkraft auf den Ozean aus, weil der Ozean ziemlich groß ist. Hat schon mal jemand Gezeiten in der Badewanne beobachtet? Hat sich der Kaffee in der Tasse schon mal bewegt, weil gerade Vollmond war? Natürlich nicht. Und genauso wenig beeinflusst der Mond unsere Zellen oder die Rinde eines Baumes.

Besonders absurd ist die Vorstellung, der Mond habe eine spezielle mystische Wirkung auf Wasser und daher auch auf uns, weil wir zum Großteil aus Wasser bestehen. Die Gezeitenkraft kommt durch die Gravitation zustande, dem Mond ist es dabei völlig egal, ob er auf Wasser, Maschinenöl oder linksdrehendes, quantenenergetisiertes Erdbeerjoghurt wirkt.

Auch die Wirkung der Vollmond-Leuchtkraft wird überschätzt. Es kann schon sein, dass sich der Vollmond in prähistorischen Zeiten auf das Schlafverhalten unserer Vorfahren ausgewirkt hat. Heute gibt es überall um uns so viele künstliche Lichtquellen, dass es völlig unerheblich ist, ob der Vollmond auch noch ein bisschen zur Erhellung der Nacht beiträgt.

Studien sagen: Nichts dran

Und trotzdem wird der Mond für alles Mögliche verantwortlich gemacht: Die Anzahl der Geburten soll angeblich von der Mondphase abhängen, genauso wie die Häufigkeit von Verkehrsunfällen. Holz sollte man nur kaufen, wenn es passend zur Mondphase geschlagen wurde. Es gibt Mondphasen, in denen man Basilikum pflanzen soll und Mondphasen für das Schneiden der Zehennägel. Es gibt Mondphasen, die sich fürs Fensterputzen eignen und Mondphasen für das Anlegen von Schotterwegen. Und wenn Sie sich die Haare färben lassen wollen, dann achten Sie doch unbedingt darauf, in welchem Sternzeichen der Mond gerade steht!

Viele dieser Behauptungen kann man sehr leicht überprüfen. Anhand von Geburtenregistern kann man feststellen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Geburtenanzahl und Mondphase gibt. Auch Verkehrsunfälle werden behördlich aufgezeichnet und es zeigt sich kein Zusammenhang mit dem Mond. Man hat Holz untersucht und keine Unterschiede zwischen mondkonform geschlägertem und mondungünstig gefälltem Holz gefunden. An all diesen Mondmythen ist bei näherer Betrachtung einfach nichts dran.

Wer klug ist erkennt Muster

Warum halten sich die Mondmythen dann aber trotzdem so hartnäckig? Weil wir Menschen Meister im Mustererkennen sind – selbst dort, wo eigentlich gar kein Muster ist. Wir erkennen ein Gesicht im merkwürdigen Schatten einer Topfpflanze. Wir bekommen Bauchschmerzen nachdem wir Blauschimmelkäse gegessen haben, und behaupten von da an, keinen Blauschimmelkäse zu vertragen. Wir sehen beim Fußballspiel zwei schlechte Flanken von rechts und sagen: Ach, über die rechte Seite geht heute einfach gar nichts.

Und genauso passiert es eben, dass eine Hebamme, wenn sie gerade wegen besonders vieler Geburten mächtig im Stress ist, einen Blick auf den Mondkalender wirft und sagt: Na klar! In drei Tagen ist Vollmond – deshalb also! Dass die letzte ähnlich geburtenreiche Nacht aber bei Neumond stattgefunden hat, ist längst vergessen.

Wir Menschen sind extrem gut darin, aus unzureichenden Datenmengen Strukturen zu erraten. Oft ist das ziemlich nützlich, zum Beispiel wenn man an einem rasch vorbeihuschenden Schatten ein Raubtier erkennen muss, oder wenn wir aus dem Verhalten eines Mitmenschen ableiten wollen, ob er uns freundlich oder feindlich gegenübersteht. Oft liegen wir damit allerdings eben auch völlig falsch.

Doch auch, wenn unsere bauchgefühlten Schlussfolgerungen oft mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun haben: Das Erkennen von komplizierten Mustern aus einfachen Daten erfordert eine große Intelligenzleistung. Computern fällt so etwas extrem schwer. Wenn wir aus unseren Alltagsbeobachtungen voreilig abergläubische Schlüsse ziehen, ist das also ein Zeichen von Intelligenz.

Ein Zeichen von noch größerer Intelligenz allerdings ist es, die eigene Fehleranfälligkeit zu erkennen und solide Fakten über das eigene Bauchgefühl zu stellen.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 15.07.2014, 06:00

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