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Wissenschaft & Blödsinn Seelenheil im Sonderangebot.

Foto: NIKKI ZALEWSKI - FOTOLIA 47847575/Nikki Zalewski/Fotolia
Die Verkommerzialisierung der Seele: Die Esoterik-Industrie macht Geld mit Gefühlen, die gratis sein sollten.

Man muss doch auch mal anders sein als die anderen. Man soll doch auch mal gegen den Strom schwimmen. Es geht doch nicht immer um Technologie und Geld, manchmal sind die natürlichen Dinge doch die besten. Viele Esoterik-Anhänger denken so. Und dann schwimmen sie brav mit im Eso-Strom, geben ihr Geld für Wasserenergetisierungsgeräte und schamanische Glücksseminare aus und versehen so ihr Seelenheil mit einem Preisschild.

Ich beschäftige mich ja gerne mit esoterischen Ideen, die mit wissenschaftlichem Denken völlig unvereinbar sind. Das ist oft recht unterhaltsam, und manchmal kann ich sogar ganz gut verstehen, warum sie einen gewissen Reiz ausüben. Seltsam finde ich allerdings, wenn Esoterik als alternativ, antikapitalistisch und anti-mainstream betrachtet wird. Das Gegenteil ist wahr.

Ein Porsche für die Seele

Ich würde niemals eine teure Hose kaufen, nur weil sie mit einem exklusiven Markenlogo verziert ist. Ich finde es lächerlich, wenn Leute hunderte Euro in Kosmetik investieren, die dasselbe bewirkt wie die Billig-Hautcreme vom Drogerie-Disconter. Ich schmunzle innerlich über Leute, die ihr Selbstbewusstsein daran knüpfen, ein teures Luxusauto vor der Haustüre stehen zu haben, mit dem sie dann genauso im Stau stehen wie andere mit ihrem Kleinwagen.

Doch genau das ist das Grundkonzept der Esoterik-Industrie: Man nimmt Alltägliches, verziert es mit einem Esoterik-Logo und verkauft es dann zu Phantasiepreisen. Kerzen sind etwas Schönes. Aber das genügt nicht, es müssen schamanische Kosmos-Kerzen in Planetenfarben sein. Wasser trinken ist gesund. Aber wer etwas auf sich hält, investiert in einen Quantenwasserbeleber, der positive Energien ins Glas hineinschwingt. In den Wald gehen und einfach mal ausspannen ist großartig. Aber stattdessen muss man an einem Spirit-Walk teilnehmen, mit Energy-Dance und Feenzauber.

Viele esoterische Ideen haben einen sinnvollen Kern. Meditationstechniken, die Entspannung bringen, sind wunderbar. Wer das mit Düften, Klängen oder Farben unterstützen möchte, sollte das unbedingt tun. Aber warum muss das dann immer so schrecklich teuer sein?

Esoterik ist der Porsche für die Seele, die Gucci-Handtasche fürs Gemüt, die Rolex für die Aura. Nur muss sich der Porsche-Fahrer anhören, er sei ein protziger Kapitalist. Wer sich hingegen für seine Wohnung ein Energiekristall-Konzept designen lässt, um schädliche Schwingungen nach draußen zu leiten, darf sich alternativ, spirituell und individualistisch fühlen.

Wohlbefinden als Statussymbol

Je teurer ein Gegenstand, ein Seminar oder eine Therapie, umso deutlicher wird demonstriert, dass einem die immaterielle Welt auch materiell etwas wert ist. Man fühlt sich unwohl mit einer oberflächlichen Kommerzwelt, und die Abkehr von dieser oberflächlichen Kommerzwelt wird von oberflächlichem Kommerz übernommen. Man darf sich den anderen Leuten überlegen fühlen, die unaufhaltsam neuen Modetrends hinterherhecheln, und erarbeitet sich dieses Überlegenheitsgefühl, indem man esoterischen Modetrends hinterherhechelt. Die einen brauchen jedes Jahr einen neuen Sportwagen, die anderen monatlich neue Designerschuhe, und wieder andere kaufen sich alle paar Wochen neues Seelenheil – gestern Auramassage, heute Chakrentherapie, und als nächstes Quantenheilung.

Mit individuellem oder alternativem Denken hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Man möchte sich ganz individuell in die spirituelle Welt versenken, um sich ganz von äußeren Einflüssen zu lösen, und macht das, indem man äußeren Einflüssen folgt. Man probiert es mal mit Reiki, weil man darüber gerade so viel liest. Man lässt sich Runen auf die Stirn malen, weil das auch der Kollegin geholfen hat, individuell und eigenständig zu denken. Und ganz besonders gefährlich wird es, wenn man bei der Entwicklung der eigenen spirituellen Persönlichkeit dann blind auf einen Guru vertraut, der einem genau vorschreibt, was man im Innersten individuell zu fühlen hat. Leute mit dem Bedürfnis, unabhängig und stark zu werden, geraten gerade dadurch in eine Abhängigkeitsfalle.

Die Seele ist kein Kommerzprodukt wie ein Smartphone, für das man sich tolle neue Zusatz-Apps kaufen kann. Wir müssen unser Inneres nicht upgraden wie einen Computer. Wir sollten uns wohlfühlen, und das ist oft ziemlich einfach und billig. Teure Kurse, Beratungen und Eso-Produkte sind nicht nötig. Eine Hängematte kostet nicht viel. Die Vögel singen umsonst, und die Sonne scheint gratis.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 25.08.2015, 06:00

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