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Wissenschaft & Blödsinn Steine streicheln ist auch keine Lösung.

Foto: Fotolia
Heilkristalle sind hübsch anzusehen, doch heilen können sie nicht. Dennoch werden sie bei nahezu allen erdenklichen Leiden empfohlen.

Gegen Schnupfen hilft Jaspis, bei Epilepsie nimmt man einen Saphir, und wenn es im Bett nicht so recht klappt, dann entfacht man mit Rubinen neues erotisches Feuer. Es gibt kaum ein körperliches oder seelisches Problem, bei dem nicht irgendein Heilkristall empfohlen wird. Wissenschaftlich betrachtet nützen die bunten Steinchen gar nichts. Aber was macht das schon, wenn sie so schön glitzern!

Dass sich esoterische Heilkristalle so gut verkaufen, kann man teilweise sicher mit dem Placeboeffekt erklären. Wer sich einen Rhodonit in die Hosentasche steckt, um sich gegen Prüfungsangst zu schützen, wird dadurch vielleicht wirklich selbstbewusster. Das liegt natürlich nicht am Stein selbst, sondern am Glauben an ihn – der Gallenstein eines Kängurus wäre genauso wirkungsvoll gewesen.

Dass der Saphir die Stimmung verbessert, lasse ich mir auch noch einreden. Wenn mir jemand einen richtig großen Saphir schenkt, bin ich sicher auch gut gelaunt. Doch spätestens, wenn jemand eine Vergiftung mit einem Topas behandelt, anstatt den Arzt zu rufen, oder wenn man bei einem Herzanfall auf Rosenquarz vertraut, dann wird die Sache gefährlich. Man sollte dann jedenfalls einen Amethyst dabeihaben – der hilft nämlich bei Trauer und Verlust. Außerdem fördert er die Intelligenz.

Geheimnisvolle Schwingungen

Wenn man nach dem Grund für die geheimnisvolle Wirkung der Steine fragt, dann heißt es immer: Es sind die Schwingungen. Was das genau bedeuten soll, ist egal – wenn gebildete, wissenschaftlich klingende Wörter wie „Resonanz“ oder „Quanten“ vorkommen, dann gibt man sich zufrieden und bezahlt. Natürlich gibt es Schwingungen im Kristall. Wie in jedem festen Objekt wackeln dort die Atome hin und her. Im Kristall sind die Atome extrem regelmäßig angeordnet, und diese geometrische Ordnung legt fest, auf welche Weise sich die Atome bewegen können. Das Schwingen der Atome im Kristall entscheidet darüber, welche Farben des Sonnenlichts vom Kristall absorbiert werden, und welche er wie reflektiert.

Das hübsche Farbenspiel von Edelsteinen ist also tatsächlich das Ergebnis von Schwingungen – aber nichts daran ist mystisch, magisch oder unbegreiflich. So funktioniert Farbe nun mal. Wenn ein Rubin aufgrund seiner Farbe eine Wirkung auf den Menschen hätte, dann müsste ein rubinrot gestrichener Blumentopf genau dieselbe Wirkung haben.

Freilich kann man daran glauben, dass Kristalle besondere magische Informationen eingespeichert haben und dass Edelsteine unmessbare spirituelle Schwingungen auf uns übertragen – aber ernsthafte Argumente dafür gibt es nicht. Genauso gut könnte ich glauben, dass meine Kaffeemaschine Walzer tanzt, während ich nicht zu Hause bin.

Würden Heilsteine tatsächlich wirken, könnte man das in medizinischen Tests leicht überprüfen. So lange das nicht geschehen ist, und so lange alle Theorien über die angebliche Wirkung der Steine den bekannten und erprobten Naturgesetzen widersprechen, ist es eigentlich Zeitverschwendung, sich näher damit zu beschäftigen. Ich installiere schließlich auch keine versteckte Kamera, um meine Kaffeemaschine beim Tanzen zu ertappen. Zuerst will ich überzeugende Indizien sehen.

Beinahe langweilig

Glitzersteine sind zwar faszinierend und hübsch, doch aus wissenschaftlicher Sicht sind sie etwas äußerst Einfaches. Eine geordnete Struktur von Atomen, die sich unzählige Male wiederholt ist fast banal. Warum gerade sie mit einer Aura des Geheimnisvollen umstrahlt sein sollen, ist unverständlich. Jede Blume, jedes Bakterium, jeder Schimmelpilz im Fruchtjoghurt ist abwechslungsreicher, komplexer und geheimnisvoller.

Aber vielleicht geht es darum gar nicht. Wer auf Heilsteine vertraut, sucht möglicherweise etwas ganz anderes. Die Steine brauchen nämlich Zuwendung. Sie funktionieren nur, wenn man nett zu ihnen ist. Unter fließendem Wasser muss man sie entladen, dann kann man sie vorsichtig reinigen – etwa mit Hilfe von Räucherstäbchen. Und danach muss man sie wieder feinstofflich aufladen, am besten mit Mondlicht. Wenn man gerade nicht damit beschäftigt ist, seine Steine zu streicheln, bettet man sie sanft auf schönem weichem Samt.

So ergibt das für mich plötzlich Sinn: Damit die Steine uns helfen, müssen wir sie freundlich behandeln, müssen sie pflegen, reinigen und mit Energie füttern. Das ist eine schöne Geschichte, die man sich selbst erzählen kann, während man seine Heilsteine liebkost. Das gibt uns ein kuscheliges Gefühl, auch wenn es mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Mein Rat ist: Besorgen Sie sich doch besser ein Haustier. Eine Katze oder ein Hund braucht zwar noch ein bisschen mehr Zuwendung als ein Heilstein, hat Sie dafür aber lieb, reagiert tatsächlich auf Ihre Stimmungen und hilft Ihrer Gesundheit sicher mehr als eine Sammlung bunter Steine. Wenn man kuscheln möchte, sind Steine eine denkbar schlechte Wahl.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 10.02.2015, 06:00

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