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Wissenschaft & Blödsinn Tauben würden Wünschelruten kaufen.

Taube
Taube - Foto: KURIER/Vogel Reinhard
Regeln zu finden, wo in Wirklichkeit gar keine sind, ist ganz natürlich. Sogar Tiere machen das. Schlau ist es trotzdem nicht.

Die Tauben von Burrhus Frederic Skinner benahmen sich völlig verrückt. Die eine wippte mit dem Kopf, als würde sie einen unsichtbaren Luftballon nach oben stoßen, die andere wackelte mit den Flügeln, die dritte peckte mit ihrem Schnabel sinnlos auf dem Boden herum. Dabei hatte der Psychologe Burrhus Skinner mit ihnen nur ein ganz simples psychologisches Experiment durchgeführt. Seine Schlussfolgerung aus den Ergebnissen war: Tauben sind abergläubisch, genau wie wir.

Dass man Tieren durch kleine Belohnungen faszinierende Kunststücke beibringen kann, weiß man schon lange. Eine Ratte benimmt sich so, wie wir wollen, bekommt ein bisschen Futter und stellt damit eine Verbindung zwischen dem erwünschten Verhalten und einer Belohnung her. Burrhus Skinner nannte das „operante Konditionierung“. Er schaffte es auf diese Weise sogar, Tauben zum Pingpongspielen zu bringen: Zwei Tauben stehen an entgegengesetzten Seiten eines kleinen Tisches und stoßen einander mit ihren Schnäbeln einen kleinen Ball zu. Wenn eine der Tauben den Ball nicht mehr erwischt, erhält die andere ein paar Körner. So gelingt es ziemlich leicht, den Tieren ein Verhalten beizubringen, das einem sportlichen Wettkampf zwischen Menschen sehr ähnlich ist.

Doch was geschieht, wenn es gar keine logische, nachvollziehbare Verbindung zwischen dem Verhalten und der Belohnung gibt? Skinner konstruierte einen Käfig, in dem eine Maschine immer wieder ein bisschen Futter freigab, in vorprogrammierten Zeitintervallen. Die Taube im Käfig stapfte planlos herum und benahm sich ganz so wie sich Tauben eben benehmen. Und plötzlich spuckte die Maschine eine Belohnung aus – wofür eigentlich? Die Tauben brachten ihre Handlungen, die sie ganz zufällig ausgeübt hatten, mit dem Futter in Verbindung, obwohl das Verhalten der Taube nicht den geringsten Einfluss auf die Belohnung hatte. Nach einer Weile hatten sich die meisten Tauben ganz von selbst ein völlig irrationales Verhaltensmuster antrainiert – von Flügelflattern bis zum Kopfwippen.

Ganz ähnliche Experimente wurden auch mit Menschen durchgeführt. Der Psychologe Koichi Ono schickte Testpersonen in einen Raum mit drei Hebeln und einer Anzeigetafel, mit der simplen Anweisung, den Punktestand auf der Anzeigetafel zu erhöhen. Die meisten Leute drückten an den Hebeln herum, bis sie plötzlich mit einem Punkt belohnt wurden und versuchten dann, die erfolgreiche Hebeldrückstrategie zu wiederholen. Eine Versuchsperson stellte die Hypothese auf, dass die Hebel gar keine Rolle spielen, sondern dass man bloß verschiedene Gegenstände im Versuchslabor berühren muss. Sie fasste die Rahmen der Geräte an, kletterte herum, sprang immer wieder vom Tisch auf den Boden, bis sie zwar viele Punkte hatte aber ziemlich erschöpft war.

In Wirklichkeit hatte auch hier das Verhalten der Versuchspersonen überhaupt keinen Einfluss auf den Punktestand. Die Punkte wurden einfach nach einem vorgegebenen Schema erhöht. Menschen wie Tauben sind ziemlich gut darin, Verbindungen zwischen ihrem Verhalten und den darauffolgenden Konsequenzen herzustellen. Dummerweise sind wir dabei ziemlich voreilig und konstruieren Verbindungen, wo es in Wirklichkeit gar keine gibt.

Aberglaube ist natürlich

Skinner sprach vom „Aberglauben“ der Tauben. Das trifft die Sache ganz gut: Vermutlich entsteht menschlicher Aberglaube auf ganz ähnliche Weise. Man tanzt einen Regentanz, weil es letztes Jahr nach dem Tanzritual schließlich auch geregnet hat. Man zieht das Glückshemd an, das man damals beim erfolgreichen Vorstellungsgespräch getragen hat. Man geht vor der großen Prüfung noch einen Kaffee trinken, weil man das vor der bestandenen Prüfung im letzten Semester auch so gemacht hat. Also muss das ein gutes Omen sein.

Dass Tauben genau dasselbe irrationale Verhalten zeigen, ist ein Hinweis darauf, dass dieser Aberglaube, dieses vorschnelle Verknüpfen von Verhaltensmustern und ihren scheinbaren Auswirkungen, etwas zutiefst Natürliches ist. Damit müssen wir uns wohl abfinden. Ein bisschen Aberglaube ist nicht schlimm. Aber wir sollten darauf achten, uns nicht zu Sklaven der eigenen Irrationalitäten zu machen.

Das Huhn im Backrohr muss unbedingt alle zehn Minuten mit Olivenöl eingepinselt werden. Denn wir haben das einmal so gemacht, und dann hat es gut geschmeckt. Der Wein muss unbedingt fünfunddreißig Minuten lang dekantiert werden, denn das haben wir beim letzten Mal auch so gemacht, und er war großartig. Als Weihnachtsbaum kommt nur eine Tanne in Frage, die bei zunehmendem Mond gefällt wurde, denn das war bei der Tanne vor drei Jahren auch so, die bis Mitte Januar so wunderbar frisch geblieben ist.

Die Grenze zwischen wertvoller Erfahrung und zufällig gewachsenem Aberglauben ist oft schwer zu sehen. Darüber sollten wir uns nicht ärgern, aber wir sollten unsere eigenen Überzeugungen immer wieder mal hinterfragen.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 26.01.2016, 06:00

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