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Wissenschaft & Blödsinn Und was, wenn sie doch recht haben?.

Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein
Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein - Foto: Lukas Schulze, apa
Zum zweiten Geburtstag der Kolumne „Wissenschaft und Blödsinn“: Was würde eigentlich passieren, wenn sich Blödsinn als Wissenschaft herausstellen würde?

In der Wissenschaft braucht man Offenheit für verrückte neue Ideen. Doch wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Wünschelrutengeher, Astrologen, Quantenheiler – viele Leute halten sich für verkannte Wissenschaftler, deren Fachgebiet vom Rest der Welt einfach noch unterschätzt wird. „Die Wissenschaft ist einfach noch nicht so weit“, heißt es dann.

Mit ein bisschen wissenschaftlicher Bildung ist es meist recht einfach, den Unterschied zwischen Wissenschaft und Blödsinn zu erkennen. Aber natürlich kann man nicht ausschließen, bei dieser Einschätzung irgendwann mal falsch zu liegen. Was würde geschehen, wenn sich irgendeine scheinbar übernatürlich-esoterische Behauptung eines Tages als wahr herausstellen würde? Wäre es das Ende der wissenschaftlichen Skeptikerbewegung? Nein. Ich glaube, es wäre ein Grund zum Feiern.

Herrn Engelmanns Wasser

Spielen wir dieses unwahrscheinliche Szenario mal durch: Irgendwo in einem kleinen Dorf lebt Herr Engelmann, der in seiner Garage eine neue Methode der Wasserbelebung entwickelt hat. Nach einem komplizierten System lässt er das Wasser durch mehrere speziell geschliffene Kristallbehälter fließen und behauptet, ihm damit kosmische Energie einprägen zu können. Angeblich schmeckt das Wasser danach besser, es hilft bei Husten, Fieber und Fußpilz und verbessert das Wachstum von Pflanzen.

Das Geschäft mit dem Wasser läuft ganz gut, die positiven Erfahrungsberichte häufen sich. Eine Lokalzeitung wird auf Herrn Engelmann aufmerksam und widmet ihm einen freundlichen Artikel. Engelmann erhöht seine Produktion, immer mehr Spezialgeschäfte bieten das Wasser an. In der Wissenschaft nimmt man die Sache nicht ernst. Dutzende Blogger machen sich über Engelmann lustig, eine emeritierte Professorin für Materialchemie stellt einen langen Artikel auf ihre Homepage, in dem sie erklärt, warum Kristallbehälter niemals die Eigenschaften von Wasser auf fundamentale Weise verändern können.

Die Skeptikervereinigung GWUP bietet Herrn Engelmann an, sich einem wissenschaftlichen Test zu stellen. Man einigt sich nach längeren Verhandlungen auf einen Pflanzentest: Hundert Döschen mit Kresse-Samen werden vorbereitet. Nach dem Zufallsprinzip werden fünfzig von ihnen mit Engelmann-Wasser gegossen, der Rest mit gewöhnlichem Leitungswasser. Zur großen Überraschung der Skeptiker zeigt sich dabei tatsächlich ein positives Ergebnis: Die Engelmann-Pflänzchen wachsen schneller, sie werden größer und schmecken auch besser. Der Unterschied ist statistisch signifikant.

Den Skeptikern ist das zunächst peinlich. Sie wollen immer noch nicht daran glauben. Das ist auch gut so, denn von außergewöhnlichen Behauptungen sollte man sich nur durch eine außergewöhnlich gute Beweislage überzeugen lassen. Man sucht also zunächst nach möglichen Fehlern im Experiment: Gab es vielleicht an diesem Tag Probleme mit dem Trinkwasser, das aus der Leitung entnommen wurde? War die Auswahl der Döschen wirklich völlig zufällig? Hatte vielleicht irgendjemand in der Wachstumsphase unerlaubten Zutritt zum Labor?

Man einigt sich darauf, einen zweiten, noch strengeren Test durchzuführen. Der Zauberkünstler James Randi wird eigens dafür aus den USA ins Land geholt. Er hat schon viele Scharlatane auffliegen lassen und soll dafür sorgen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das Medieninteresse ist groß, Skeptiker und Wissenschaftsinteressierte auf der ganzen Welt halten die Luft an. Bei einer Pressekonferenz wird das Ergebnis präsentiert. Etwas zerknirscht geben die Wissenschaftler zu, dass Engelmann auch diesen Test bestanden hat.

Auf einen Schlag ist Engelmann berühmt, er tritt in Fernsehshows auf, sein Wasser wird plötzlich um den zehnfachen Preis verkauft. Esoteriker auf der ganzen Welt treten mit immer neuen Wundergeschichten über das Engelmann-Wasser an die Öffentlichkeit: Es soll nun angeblich auch Krebs heilen, Regenwetter verscheuchen und die Chancen beim Lotto erhöhen. Doch die Indizien für diese Behauptungen sind eher wackelig.

Vom Blödsinn zur Wissenschaft

Noch immer gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die den bestandenen Test für eine gefinkelte Täuschung oder bloßen Zufall halten. Doch mittlerweile beginnen einige Forschungsinstitute, sich für das Phänomen zu interessieren. Mit verschiedenen Verfahren analysiert man das Wasser und stellt tatsächlich strukturelle Unterschiede zu gewöhnlichem Wasser fest – eine wissenschaftliche Sensation, die sofort in den angesehensten Wissenschaftsjournalen der Welt publiziert wird. Bald gibt es erste theoretische Berechnungen, die den Effekt erklären. Die Engelmann-Wasserforschung wird zum weltweit angesehenen Forschungsgebiet. Neue Professuren werden geschaffen. Sowohl Chemie- als auch der Physiknobelpreise werden an die neuen Stars der Wasserforschung vergeben. Durch die neuen Erkenntnisse kann das Engelmann-Wasser in seiner Wirkung noch deutlich verbessert werden – nun ist der Effekt so stark, dass niemand mehr an ihm zweifelt.

Freilich stellt sich dabei heraus, dass viele der ursprünglichen Behauptungen unsinnig waren: Mit kosmischer Energie hat das Wasser nichts zu tun, Krankheiten kann man damit nicht heilen, beim Wetter und beim Lotto regiert nach wie vor der Zufall. Doch die positive Wirkung des Wassers auf Pflanzen ist unbestreitbar, und der Geschmack des Wassers wird in Blindtests fast immer als besser eingestuft. Milliardenschwere Weltkonzerne vermarkten die Technologie, das neue Wasser wird genutzt, um das Pflanzenwachstum in der Landwirtschaft zu verbessern. Coca Cola stellt die gesamte Produktion auf Engelmann-Technik um.

Wissenschaft bleibt Sieger

Und was ist mit den Skeptikern? Die trinken ebenfalls längst das Engelmann-Wasser und freuen sich darüber. Das Großartige an der Wissenschaft ist nämlich: Sie kann gar nicht verlieren. Wissenschaft ist das, was wahr ist, egal ob man daran glaubt. Wenn sich herausstellt, dass Engelmanns Wunderwasser tatsächlich funktioniert, dann ist es kein Wunderwasser mehr, es wird selbst zur Wissenschaft. Wenn wir etwas wirklich Neues entdecken, dann können wir es verstehen, technisch nutzen und weiter verbessern.

Ich bin ziemlich sicher, dass wir so etwas nie erleben werden. Aber ich würde mich ganz mächtig freuen, wenn es so wäre. Die Wissenschaft könnte wieder einmal beweisen, dass sie offen für verrückte Ideen ist, skeptische Esoterik-Gegner wie ich müssten sich nie wieder vorwerfen lassen, dass sie nichts Neues akzeptieren, und vor allem hätten wir wieder einmal etwas Spannendes darüber gelernt, wie unsere Welt funktioniert. Was gibt es Schöneres?

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 01.12.2015, 06:00

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