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Adam Harvey im Interview Mit Make-up und Mode gegen Überwachungskameras.

Faceless-Ausstellung im Wiener Museumsquartier mit Stealth Wear und Werken von Adam Harvey
Faceless-Ausstellung im Wiener Museumsquartier mit Stealth Wear und Werken von Adam Harvey - Foto: Barbara Wimmer
Der US-Künstler Adam Harvey stellt derzeit in Wien seine Anti-Drohnen-Mode aus und zeigt auch, wie man Gesichtserkennungssoftware am besten mit Make-up austrickst.

Harvey hat unter anderem die Anti-Überwachungsmodelinie "Stealth Wear" kreiert. Er hat einen Kapuzenüberhang, der vor den Thermosensoren der Drohnen schützt, entwickelt sowie eine Tasche, die eine Handyortung unmöglich macht. Außerdem erforscht er mit "CV Dazzle" seit Jahren, wie man sich mit Make-up und Hairstyling gegen die gängige Gesichtserkennungssoftware schützen kann. Die futurezone traf den US-Künstler in Wien zum Gespräch.

futurezone: Auf Ihrer Website findet man den Slogan: „Privatsphäre ist normal. Überwachung ist verdächtig.“ Stimmt das aus Ihrer Sicht wirklich, leben wir nicht längst in einer Überwachungsumgebung?
Adam Harvey: Ich sage das, weil ich mir wünschen würde, dass es wahr ist. In Wahrheit sind sowohl Privatsphäre und Überwachung heutzutage normal. Man kann die Entwicklung von Überwachungstechnologien nicht mehr aufhalten. Jedes Jahr werden sie außerdem billiger, es gibt immer mehr Möglichkeiten zur Speicherung und Spionage. Das klingt schlimm, aber wir spionieren selbst jeden Tag auf Facebook oder Twitter andere Menschen aus. Wir leben in einer Welt der Spione.

Ist in einer Welt der Spione der Schutz der Privatsphäre normal?
Ja. Es sollte als normal gelten, diese zu schützen. Doch der Einsatz von Anti-Überwachungsmaßnahmen gilt meist als verdächtig, die nur Kriminelle einsetzen. Das sehe ich aber nicht so. Jedem Menschen sollte es erlaubt sein, Anti-Überwachungsmaßnahmen einzusetzen und Tools zu nutzen, die das können.

Wenn man mit einer Maske im Gesicht durch die Stadt läuft, macht man sich aber erst recht verdächtig. Wie kann man das normalisieren?
Die meisten Menschen stellen sich unter eine Maske etwas vor, das das gesamte Gesicht abdeckt. Das muss aber gar nicht sein, um beispielsweise von Gesichtserkennungstools nicht erkannt zu werden. Es reicht oft, wenn man sein Gesicht stellenweise bemalt, oder eine Haasträhne auf eine bestimmte Art und Weise ins Gesicht fallen lässt. Idealerweise wird eine Maske gar nicht als Maske erkannt.

Daran, also an Anti-Gesichtserkennungstools mit Mode-Accessoires, arbeiten Sie mit Ihrem Projekt CV Dazzle.
Exakt. Ich verwende eine Technologie auf eine neue Art und Weise und erforsche, wie man Masken in der Neuzeit adaptieren kann. Kann ich beispielsweise eine Maske tragen während unseres Gesprächs, sodass mich die Überwachungskamera nebenan nicht erfasst, Sie mich aber trotzdem erkennen? Ist es möglich, nur im hier und jetzt zu existieren, ohne dass man „von oben“ beobachtet wird? Solche Entwicklungen sind spannend für mich. Ich möchte nicht, dass von mir ein Bild auf einem Server existiert, sondern ich möchte nur hier erkannt werden.  Das Projekt dient dazu, die Privatsphäre in dem Moment, in dem man das möchte, zu beschützen.

Was ist Ihre Motivation für dieses Projekt?
Ich betrachte es als innovativ, sich durch Kleidung, Hairstyling, Brillen oder andere Items vor Gesichtserkennungssoftware zu schützen. Wenn man beispielsweise den Knopf hernimmt, der auf Blue Jeans eingearbeitet wurde – der diente ursprünglich Minenarbeitern, heute hat er keine praktische Funktion mehr, ist irrelevant. Ich frage mich aber, was für Innovationen man heute in einer Hose brauchen könnte, um sich gegen Überwachung zu schützen. Wir müssen uns neu erfinden und unsere Mode der Überwachungsumgebung anpassen. Wäre nicht heutzutage etwa ein Jeans-Knopf hilfreich, der uns gegen Datamining schützt?

Das wäre sicherlich eine sinnvolle Erfindung...
In London werden Leute an jeder Straßenecke beobachtet. Diese Art der Überwachung nimmt zu und dehnt sich auf andere Städte auf, denn es wird als „erfolgreiches Produkt“ verkauft. Dagegen muss man sich schützen können.

Sie haben ja bereits vor Jahren begonnen, an Anti-Gesichtserkennungstools zu arbeiten. Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Zeit geändert? Mittlerweile sind die Algorithmen ja schon viel schlauer geworden.
Natürlich wurden auch Personen aus dem Security-Bereich und rund um den Inlandsgeheimdienst darauf aufmerksam und die Gesichtserkennungstechnologien wurden immer ausgereifter. Wenn jemand eine Schwachstelle festgestellt hat, wurde die gepatcht. Dadurch wurde meine Arbeit ineffektiver, es wurde daraus ein fortwährendes Match um die bessere Technologie.

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Foto: Barbara Wimmer
Und Sie haben dieses Match in Wien jetzt wieder aufgenommen?
Ja, im Rahmen meiner „Artist-in-Residence“-Zeit im Wiener Museumsquartier arbeite ich wieder aktiv daran. Das Ziel ist es, ein Programm zu schreiben, was ein spezielles Styling-Konzept für jedes Individiuum ausspuckt, das einen vor Gesichtserkennungstools schützt. Es soll ein Manual rauskommen, dass Hairstylisten und Make-up-Künstler ohne Hilfe einsetzen können. Dabei soll auch auf lokale Styles Rücksicht genommen werden, damit es möglichst normal wirkt.

Wie genau funktioniert Ihre Arbeit?
Ich entwickle Algorithmen in einer 3D-Umgebung. Erst wenn ich das Gefühl habe, dass das, was ich mache, effektiv ist, probiere ich es an echten Menschen aus.

In Wien halten Sie auch einen Workshop ab, wie man sich vor Gesichtserkennungstools schützen kann. Gibt es hier vielleicht auch ein paar einfache Tipps, die man befolgen kann?
Ja, die gibt es. Man muss die Nase-Stirn-Gegend verändern, denn das ist der bedeutendste Bereich für die Gesichtsanalyse. Hier ist praktisch das Zentrum und von hier geht die gesamte Symmetrie aus. Diese Gegend kann man beispielsweise mit Farben schmücken. Die Gesichtserkennungssoftware sucht außerdem immer nach Symmetrien. Wenn man beispielsweise eine Brille trägt, sollte diese links und rechts unterschiedliche Farben haben, dann wird man nicht so leicht erkannt. Außerdem kann man die Bereiche im Gesicht, die hell und dunkel sind, mit Make-Up dezent verändern. So kann man sich maskieren, ohne dass es eine Kamera merkt.

Wie sind Sie überhaupt auf diese Idee gekommen?
Die ideale Umgebung für einen Anti-Überwachungsstyle ist der Nachtclub, weil da kann man tragen, was man will. So kam ich auch ursprünglich auf die Idee, denn ich war als Party-Fotograf tätig. Wenn man dezent maskiert ist, erkennen einen am nächsten Tag nur die Freunde am Foto im Internet,  nicht aber der Gesichtserkennungsalgorithmus von Facebook. Wir wissen alle nicht, was in zehn Jahren mit den Party-Fotos auf Facebook passiert.

Manchen Personen ist das auch herzlich egal. Ihnen nicht?
Es wird immer welche geben, denen das egal ist, aber ich und viele andere meiner Freunde machen sich darüber Gedanken. Ich will keinen unbefugten Eingriff in meine Privatsphäre! Ich will nicht, dass Werbefuzzis ein Profil über mich erstellen, meine Gedanken lesen können und wissen, was mich interessiert. Ich stimme auch nicht dieser oft gehörten Behauptung „Ich habe ja nichts zu verbergen“ zu. Jeder hat etwas zu verbergen, und seine Privatsphäre zu schützen, macht einen nicht automatisch zum Kriminellen.

Studien über den Einsatz von Überwachungstechnologien haben herausgefunden, dass man sein psychologisches Verhalten ändert, wenn man überwacht wird. Man traut sich nicht mehr, etwas Neues auszuprobieren.  Und das ist  sehr schlecht für Kreativität, denn da geht es meistens darum, etwas Neues zu entwickeln. Wenn man die ganze Zeit unter Beobachtung steht, kann sich das negativ auswirken.

Kann man im digitalen Zeitalter seine Privatsphäre überhaupt noch schützen?
Ja, es gibt genügend Tools, um seine Kommunikation online zu beschützen. Es ist möglich, aber erfordert ein hohes Level an Erfahrung mit Technologien. Es wäre daher hilfreich, wenn diese Technologien für jeden zugänglich werden.  Das versuche ich mit meinem neuen Projekt, dem „Privacy Gift Shop“.

Um was genau geht es beim „Privacy Gift Shop“?
Derzeit gibt es nur ein paar Gegenstände, aber man soll ein Stückchen Privatsphäre an seine Freunde verschenken können. Kleine Geschenke, die man auch seiner eigenen Mutter schenken könnte, denn die muss ihre Daten genauso beschützen wie jeder andere auch. Ich glaube, dass es einen großen Markt für Privatsphäre-Items geben wird. Ich persönlich habe es als Provokation designed, aber auch damit Leute meine Kunst unterstützen können. In Wien gibt es den „Privacy Gift Shop“ als Installation, ab November wird es die Items in einem Online-Shop geben.  

Adam Harvey
Foto: Off Pocket / Adam Harvey
Mit der Handy-Tasche Offpocket, die Smartphone-Signale abschirmt, haben Sie via Crowdfunding-Plattform Kickstarter 56.577 US-Dollar eingenommen. Sind Sie damit zufrieden?
Es werden mit Offpocket Signale geblockt, die das Handy empfängt oder überträgt. Die Tasche schirmt das Handy komplett ab, das funktioniert. Zufrieden bin ich allerdings nie, ich könnte mir eine Weiterentwicklung für Desktop-Geräte vorstellen.

Werden Sie Kickstarter noch einmal verwenden, um ihre Kunst zu verkaufen?
Das Kickstarter-Publikum ist ein gutes, weil es kleine Fehler verzeiht, etwa wenn man nicht termingerecht liefern kann. Vielleicht werde ich die Plattform wiederverwenden, vielleicht auch nicht. Es war jedenfalls eine gute Plattform, um die Schritte, die notwendig sind, um ein Produkt professionell zu gestalten – und zwar von der Manufaktur bis zum Verkauf – zu erproben.

Bei der „Faceless part II“-Ausstellung in Wien zeigen Sie auch Ihre Anti-Überwachungsmode, die Sie mit Johanna Bloomfield entwickelt haben. Schützen diese Anti-Drohnen-Outfits wirklich vor Drohnen?
Ja und nein. Meine Entwicklung hat zumindest so gut funktioniert, dass die US-Luftwaffe und das Pentagon auf meine Arbeit aufmerksam geworden sind. Wenn man mit den Items in der Nacht unterwegs ist, wird man für Drohnen auf jeden Fall unsichtbar, denn hier kommt vor allem das Wärmebild zum Einsatz. Doch untertags wird es schwieriger, weil da auch noch weitere Kameras zum Einsatz kommen. Ich habe allerdings nur vier Monate für die Recherche und das Design verwendet, ich bin mir sicher, da lässt sich noch mehr rausholen.

Ich wollte allerdings nichts machen, was zu gut ist, weil ich nicht will, dass sich die US-Regierung von meiner Entwicklung bedroht fühlt. Daher schirmen meine Items die Wärme nicht zu 100 Prozent ab. Sie sind vorwiegend da, um zu zeigen, dass es möglich ist, aber ich will nicht derjenige sein, der am Ende im Gefängnis landet.

Sie haben also Angst vor der Regierung?
Ja, und das ist schrecklich. Natürlich muss man sich bei derartigen Entwicklungen bewusst sein, dass man überwacht und beobachtet wird. Ich weiß nicht, ob meine Kommunikation überwacht wird, aber es würde mich schon sehr wundern, wenn das nicht der Fall seine sollte.

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Foto: Barbara Wimmer
Warum haben Sie sich beim Design der Anti-Überwachungsmode für eine Burka entschieden?
Abgesehen vom religiösen Hintergrund ist es ein Kleidungsstück, mit dem man die Barriere zwischen Mensch und Gott symbolisieren kann – und zwar als Beispiel zwischen Mensch und Drohne am Himmel als Symbol für das Überwachungsauge. Außerdem haben wir die traditionelle Burka praktisch erneuert – man kann damit essen und auch Sport betreiben. Ich war neugierig, wie Menschen darauf reagieren.

Sie haben außerdem einen Schal und einen Hoodie entwickelt. Welches Kleidungsstück verkauft sich am besten?
Der Schal ist am praktischsten, der Hoodie ist das Stück, mit dem die Menschen am meisten anfangen können und die Burka ist das interessanteste Stück. Das Projekt kam genau zum richtigen Zeitpunkt – und zwar als in den USA bekannt geworden ist, dass Drohnen künftig auch in den USA eingesetzt werden.

Planen Sie weitere Mode-Kollektionen?
Das kann ich nicht ausschließen. Fashion ist der perfekte Nährboden, um zu experimentieren.

Gibt es in den USA nach dem jüngsten NSA-Skandal einen Diskurs über Privatsphäre und Überwachung?
Ja. Ich kann in praktisch jedes Cafe gehen und höre, wie sich jemand über dieses Thema unterhält. Es ist ein wenig eine Renaissance zum Schutz der Privatsphäre spürbar. Außerdem glaube ich, dass sich ein Markt für Privatsphäre entwickeln wird. Leute werden dafür zahlen, einen bestimmten Teil ihres Lebens privat halten zu können. Die Frage wird nur sein: Wieviel sind wir bereit zu zahlen? Sind es 5 Dollar oder 10? Ich glaube nicht, dass es 100 US-Dollar pro Monat sein werden.

Es gibt also einen Markt für Privatsphäre?
Ja, das ist ein Zukunftsmarkt. Allerdings befinden wir uns noch in einem sehr frühen Stadium, der Markt ist noch nicht überlaufen.

Adam Harvey stellt im Rahmen von "Faceless part II" seine Anti-Drohnen-Mode und den "Privacy Gift Shop" im freiraum quartier 21 aus. Die Ausstellung läuft noch bis zum 24.11.2013 und der Eintritt ist frei. Ein Foto von Harvey gab es - zum Schutz seiner Privatsphäre - nicht.

(futurezone) Erstellt am 22.10.2013, 06:00

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