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Interview "Anonymität ist oft nur reine Schimäre".

"Wir leben in einer Zeit, in der man als Bürger gar nicht sagen kann, wann man anonym ist", sagt Ingrid Brodnig
"Wir leben in einer Zeit, in der man als Bürger gar nicht sagen kann, wann man anonym ist", sagt Ingrid Brodnig - Foto: lassedesignen, Fotolia
Ingrid Brodnig hat ein Buch über Anonymität im Netz geschrieben. Im futurezone-Interview spricht sie über den Klarnamenzwang auf Facebook, Überwachung und Hass-Postings.

Anonymität ist ein komplexes Thema. Sie ermöglicht Kritik an Mächtigen und Enthüllungen von Whistleblowern. Anonym können wir unsere Meinung sagen, ohne dass wir dafür Konsequenzen befürchten müssen.  Auf der anderen Seite senkt die Namenlosigkeit auch die Hemmschwelle für Beleidigungen und Untergriffe. Die Debatte über Anonymität wird jedenfalls leidenschaftlich geführt. Infrage gestellt wird sie nicht nur durch den Klarnamenzwang, den Online-Netzwerke wie Facebook ihren Nutzern verordnen. Auch durch die staatliche Überwachung gerät Anonymität zunehmend unter Druck.

Die Journalistin Ingrid Brodnig spürt in ihrem Buch "Der unsichtbare Mensch" , das am 13. Februar, um 18.00 Uhr, im Wiener rhiz präsentiert wird, der Frage nach, wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert. Frühe Netzutopien sind dabei ebenso Thema wie Whistleblower, Hass-Postings, Cyber-Mobbing und neue Formen des zivilen Ungehorsams, wie sie etwa vom Anonymous-Kollektiv praktiziert werden. Im Gespräch mit der futurezone erklärt Brodnig, warum wir uns mehr Gedanken darüber machen sollten, wie unsere Gadgets und Webdienste programmiert sind, und wie in Online-Foren auch ohne Klarnamenzwang ein gutes Gesprächsklima erreicht werden kann.

Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig - Foto: Heribert Corn
futurezone: Sie plädieren in Ihrem Buch "Der unsichtbare Mensch" für eine differenzierte Debatte über Anonymität. Wann ist Anonymität notwendig und wann hat sie nachteilige Folgen?
Ingrid Brodnig: Wir leben in einer Zeit, in der man als Bürger gar nicht sagen kann, wann man anonym ist, speziell im Internet. Die NSA-Affäre hat gezeigt, dass die Anonymität oft nur reine Schimäre ist und man auf legalem oder nicht legalem Weg ausgeforscht werden kann, durch die Polizei oder die Geheimdienste. Das Machtverhältnis zwischen Bürger und Staat ist ins Wanken gekommen – die Bürger werden extrem transparent, während manch ein Staat für sie umso intransparenter wird. Wie wichtig anonyme Kommunikation sein kann, zeigt Edward Snowden: Er kontaktierte Journalisten via verschlüsselten E-Mails und anderen Sicherheitstools. Nehmen wir an, Snowden hätte diese Tools zur Anonymisierung nicht besessen, was wäre dann passiert? Hätte die Menschheit je von dem riesigen Überwachungsapparat der Geheimdienste erfahren?

Gleichzeitig gibt es mit der Anonymität auch riesige Probleme. Diskussionen im Netz entgleisen nicht zuletzt deshalb, weil Menschen anonym sind. Die Anonymität ist ein Faktor, warum Menschen aggressiver sind, warum sie ihr eigenes Verhalten weniger reflektieren. Sie haben das Gefühl, dass es keine Konsequenzen für ihr Handeln gibt.

Für utopische Vorstellungen vom Internet waren Anonymität und die Möglichkeit mit Identitäten zu spielen zentrale Punkte. Wie hat sich unsere Auffassung von Anonymität seither verändert?
In den 90er Jahren war das Internet ein unvorstellbares Ding. Es gab einen Raum abseits des physischen Lebens, in dem man sich mit Menschen auf der ganzen Welt vernetzen konnte. Damals gab es viele Utopien über das Spiel mit der Identität, etwa dass wir im Internet über uns hinauswachsen, dass wir andere Rollen einnehmen und dass wir vielleicht auch freiere Menschen werden können. Die Soziologin Sherry Turkle hat das in ihrem Buch "Leben im Netz" wunderbar beschrieben. Der Bürgerrechtler John Perry Barlow hat die Unabhängigkeit des Cyberspace proklamiert. Es gab große Hoffnungen, im Netz eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Fast 20 Jahre später ist uns aber allen bewusst, dass der Mensch online nicht nur seine guten, sondern auch seine weniger guten Seiten zeigt. Online und Offline sind verschmolzen. Was wir online tun hat auch offline Konsequenzen. Deswegen hat sich die Debatte um die Anonymität gewandelt.

Facebook
Facebook drängt seine Nutzer, ihren richtigen Namen zu verwenden - Foto: dpa Armin Weigel
Sie schreiben, es sei auch ein Verdienst von Facebook, Online- und Offline-Leben näher zusammengeführt zu haben. Dem Klarnamenzwang, den das Netzwerk vertritt, können Sie wenig abgewinnen. Warum?
Viele Leute wollen offensichtlich auch online mit ihren unmittelbaren Freunden und Bekannten kommunizieren. Facebook ist somit ein Symptom dieser Entwicklung, eine logische Konsequenz dieses Reifungsprozesses des Internets. Das Internet legt sich als zusätzliche Informationsebene über unser gesamtes Leben und verschmilzt so immer mehr damit. Facebook zwingt seine Nutzer mit dem Klarnamenzwang zu Transparenz – und viele User mögen diesen Klarnamenzwang auch. Ich warne aber vor einer "Facebookisierung" des gesamten Internets. Wir brauchen zusätzlich auch Freiräume, in denen wir anonym sein können. 

Im Gefolge der NSA-Affäre ist auch die Forderung aufgekommen, dass sich Internet-Unternehmen Gedanken machen sollten, wie ihre Dienste auch auf anonymer Basis angeboten werden können. Halten Sie das für einen gangbaren Weg?
Es ist ein spannender Gedanke, aber die Firmen werden wohl kaum mitspielen – zumindest nicht, solange ihr Angebot gratis ist. Wir bezahlen diese Gratis-Dienste mit unseren Daten. Geben wir unsere Daten nicht mehr, stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell, eine ungelöste Frage. Aber ich glaube schon, dass wir Konsumenten in Zukunft mehr Auswahlmöglichkeiten brauchen. Nehmen wir Snapchat, den Online-Dienst, den viele Teenager lieber als Facebook verwenden. Snapchat gibt ihnen die Möglichkeit, Fotos auszutauschen, die nur eine bis zehn Sekunden lang sichtbar sind. Das ist ein Feature, das Facebook nicht hat. User können bestimmen, wie lange eine Nachricht bei anderen vorhanden ist. Oft sind es kleine Entscheidungen, die die Konsumenten treffen möchten. Wenn ihnen ein anderer Dienst mehr Wahl ermöglicht, gehen sie eben dorthin.

In den vergangenen Jahren hat das Ungleichgewicht zwischen Staat und Bürgern in Bezug auf die Wahrung der Anonymität zugenommen - mit der Vorratsdatenspeicherung können Polizei und Justiz etwa meine Identität im Internet feststellen. Wie kann dieses Gleichgewicht wieder hergestellt werden?
Es braucht eine gewisse Anonymität des Bürgers gegenüber dem Staat. Wir würden niemals auf die Idee kommen, dass wir nicht mehr anonym wählen. Es muss auch möglich sein, Machthaber anonym zu kritisieren. Aber was ist, wenn Anonymität für Gewaltaufrufe und Beleidigungen missbraucht wird? Ich plädiere, dafür dass die User ein Recht auf Anonymität haben, aber dass wir in einem Rechtsstaat eine Abwägung treffen und fragen, welche Straftaten so gefährlich sind, dass man die Anonymität aufheben kann. Problematisch wird es, wenn nicht mehr ein Richter entscheidet, ob ein User ausgeforscht werden soll, sondern die Polizei eigenmächtig die Anonymität aufheben darf – so wie das etwa beim österreichischen Sicherheitspolizeigesetz der Fall ist.

Verwenden Sie Anonymisierungstechniken wie Tor?
Ich empfehle jedem Menschen, der in sensiblen Informationsfeldern arbeitet, und jedem Whistleblower Anonymisierungssoftware zu verwenden. Auch Firmen, die sich vor Industriespionage schützen wollen, tun gut daran. Privat nutze ich Tor selten. Es ist ein spannendes Tool, aber es ist nicht sehr praktikabel und langsam. Es ist ein Dilemma vieler Informationstechnologien: Wer mehr Sicherheit will, muss oft auf Bequemlichkeit verzichten.

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Beleidigungen gehen an der Computertastatur leicht von der Hand - Foto: Gerhard Deutsch, Kurier
Anonymität bringt nicht selten auch das Abladen von Beleidigungen und Mobbing mit sich. Wie geht man am besten mit Trollen um?
Wenn man in einem echten Shitstorm drinnen ist, ist es schwierig da wieder rauszukommen. Es ist aber möglich, dass Websites und Online-Dienste dafür sorgen, dass Nutzer nicht von vornherein grundaggressiv sind. Es geht darum, ein respektvolles Miteinander einzuführen, oder zumindest dazu zu bewegen, dass Nutzer kurz darüber nachdenken, ob ihr Kommentar angemessen ist.

Was können Online-Medien und Foren tun, um so ein Gesprächsklima zu erzeugen?
Sie können den Nutzern zeigen, dass es geschätzt wird, wenn man konstruktiv ist. Redaktionen könnten etwa immer wieder solche konstruktiven Kommentare ihrer Leser hervorheben. Es kann aber auch viel weiter gehen. Ich plädiere dafür, dass Foren komplett überarbeitet werden. Wir müssen von der Logik abkommen, dass der neueste Kommentar immer der oberste ist. Das stammt aus den Anfangstagen des Internets. Damals gab es so wenige Kommentare, dass es egal war. Heute sollte in Foren ein anderer Reihungsmechanismus zur Anwendung kommen, um jene Stimmen hervorzuheben, die auch für die anderen Leser interessant sind. Das US-Online-Magazin Gawker macht das sehr gut. Sie haben die Forenlogik verlassen und zeigen nicht mehr einzelne Postings, sondern Debatten an. Nutzer, die diese Debatten gestartet haben, können auch Kommentare ausblenden. Sie werden zum Moderator. Die Community bekommt mehr Rechte. 

Treten Sie eigentlich in Online-Foren mit Klarnamen auf oder verwenden Sie ein Pseudonym?
Als Journalistin trete ich mit Klarnamen auf. Unter Texten, die mit meiner Tätigkeit zu tun haben, empfinde ich das als Teil meines Jobs. Ich profitiere auch davon. Wenn ich aber ein Chirurg oder Kfz-Mechaniker wäre, habe ich keinen Vorteil davon. Es ist alles über Google auffindbar. Auch mein Arbeitgeber könnte mich darauf ansprechen. Ich verstehe Leute, die in Online-Foren anonym sein wollen.

Anonymous-Maske
Anonymous: Online-Proteste als neue Form des zivilen Ungehorsams - Foto: Stefano Rellandini, Reuters
In Ihrem Buch widmen Sie auch dem Anonymous-Kollektiv ein Kapitel. Welches Potenzial schreiben Sie solchen Formen des zivilen Ungehorsams zu?
Anonymität war schon immer auch ein Instrument, um zu verschleiern, wer der Angreifer ist und wie viele Angreifer es tatsächlich gibt. Im 18. Jahrhundert gab es in Deutschland einen Revolutionär namens Georg Forster, der die "Neue Mainzer Zeitung" herausgegeben hat. Er hat alle Artikel selbst geschrieben, gab jedoch vor, dass ein Redaktionskollektiv hinter den Artikeln steht. Das sollte wuchtiger wirken. Anonymous macht dasselbe. Man weiß nicht, ob zwei, 200 oder 1000 Leute dahinterstehen. Deshalb wirkt es auch so bedrohlich. Das Anonymous-Kollektiv ist eine neue Form des zivilen Ungehorsams. Man sollte Anonymous aber nicht überschätzen. Es wurden ein paar Seiten gehackt und einige Daten besorgt. Ein Unternehmen oder gar ein Staat war dadurch nie ernsthaft gefährdet. Anonymous kann vor allem Aufmerksamkeit generieren.

Die umfangreichen Datensammlungen und neue Methoden und Techniken in der Datenanalyse - Stichwort Big Data - stellen das Konzept der Anonymität überhaupt in Frage. Auch aus anonymisierten Daten kann man identifiziert werden. Braucht es hier strengere Regeln?
Es braucht jedenfalls klare Regeln, für welche Zwecke Big Data überhaupt eingesetzt werden darf. Etwa zu Forschungszwecken oder in der Medizin. Versicherungen, die damit eine Risikoanalyse erstellen können, sollten es nicht einsetzen dürfen. Es muss auch festgelegt werden inwieweit Big Data zur Deanonymisierung eingesetzt werden darf. Dass so etwas sehr einfach geht, wissen wir. Reportern der "New York Times" ist es vor Jahren gelungen, anonymisierte Suchabfragen, die von der Firma AOL für die Forschung freigegeben wurden, einer bestimmten Person zuzuordnen. Es war eine ältere Dame, die nach alleinstehenden Herren gesucht hat. Nachdem sie identifiziert wurde, war sie erstaunt und hat gesagt: "Meine Güte, das ist mein ganzen Privatleben."

Google Glass Prototyp
Google Glass - Foto: Brian Matiash
Mit Wearable Devices, wie Datenbrillen, die etwa in Kombination mit Gesichtserkennungstechnologien eingesetzt werden könnten, wird die Anonymität auch im "wirklichen" Leben zunehmend bedroht. Was kommt in Zukunft auf uns zu?
Wir sind in einer Phase, in der wir uns über die Sicherheits- und Privatsphäreeinstellungen unserer Gadgets viel mehr Gedanken machen müssen. Wir lassen uns freiwillig überwachen, überwachen uns gegenseitig und finden das ganz normal. Das geht in Richtung Minority Report. In gewisser Weise sind wir auch schon dort angelangt. Wir haben alle permanent unsere Smartphones dabei und können jederzeit ausgeforscht werden. Ich persönlich möchte diese Tools auch weiterhin verwenden. Umso wichtiger ist Transparenz. Die Nutzer müssen wissen, welche Daten erfasst, wo sie gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat. Nur wer das weiß, kann auch nein sagen. Wenn der Deal nicht stimmt, kann ich mich nach Alternativen umsehen. 

Ist die Diskussion über Anonymität, wie Viktor Mayer-Schönberger im Vorwort Ihres Buches schreibt, auch ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft noch demokratischen Aufholbedarf hat? 
Seit den Enthüllungen von Herrn Snowden ist die Nutzung von Anonymisierungsdiensten gestiegen. Das zeigt, dass demokratische Defizite dazu führen, dass Nutzer sich nach mehr Anonymität sehnen. Es stimmt also, was Viktor Mayer-Schönberger schreibt: In Zeiten, in denen Bürger das Gefühl haben, sie können den Staat nicht kontrollieren, aber sie werden sehr wohl vom Staat kontrolliert, ist Anonymität gefragt.

Anonymität ist aber auch etwas Zwischenmenschliches. Wie gehen Menschen miteinander um, die sich treffen und nichts voneinander wissen? Im Netz sind wir als Nutzer voreinander anonym, der Augenkontakt fehlt, es fallen nonverbale Signale weg und es entstehen zwischenmenschliche Probleme. Wir halten uns weniger zurück, Menschen werden schroffer. Das ist auch einer der Gründe, warum Anonymität ein Thema ist. Wir befinden uns in einer wichtigen Phase, in der wir ausloten, wie wir online miteinander kommunizieren wollen und wie man für einen freundlicheren Umgangston sorgen könnte.

Zur Person

Ingrid Brodnig

Ingrid Brodnig leitet das Medienressort der Wiener Wochenzeitung "Falter". Ihr Buch "Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert" ist im Czernin Verlag erschienen. Am Donnerstag, den 13. Februar um 18.00 Uhr, diskutiert Brodnig im Wiener rhiz (U-Bahnbogen 37-38 Lerchenfelder Gürtel, 1080 Wien) mit Martin Blumenau (FM4), Corinna Milborn (Puls 4) und David Schmidt von der Zeit online über Anonymität im Netz.

(futurezone) Erstellt am 10.02.2014, 06:00

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