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Bildung "Fehlender Informatikunterricht ist ein Skandal".

Klassenzimmer ohne Informatikunterricht
Klassenzimmer ohne Informatikunterricht - Foto: APA
In Ländern wie Großbritannien oder der Slowakei lernen Kinder in der Pflichtschule zu programmieren, in Österreich gibt es vor der Oberstufe keinen Informatikunterricht.

"Dass Kinder in Österreich die Pflichtschule abschließen können, ohne eine einzige Stunde Informatikunterricht besucht zu haben, ist ein Skandal. Es wäre eigentlich ein Muss, dass Schüler in jeder Unterrichtsstufe im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) geschult werden", sagt Gerald Futschek von der TU Wien, der sich schon seit langem für eine höhere Gewichtung der Informatik in den Schulen einsetzt. Verpflichtenden Informatikunterricht gibt es hierzulande nur in der neunten Schulstufe der AHS oder in den berufsbildenden Schulen. Das Bundesministerium für Bildung und Frauen meint dazu, hierzulande werde die Strategie verfolgt, "neue Medien als Querschnittsmaterie" in den Unterricht zu integrieren, auch durch den Einsatz von Tablets, E-Books und Laptops.

"Die Informatik-Stunden wurden in den letzten zwei Jahren nicht erweitert, sondern die Integration des Wissens in anderen Fächern stand im Mittelpunkt. Das Bildungsressort setzt auf die Aus- und Weiterbildung der Pädagoginnen sowie den Ausbau der Laptop-Klassen, von denen es bereits 250 gibt", so Ministeriums-Sprecherin Julia Valsky gegenüber der futurezone,

Großbritannien als mögliches Vorbild

In anderen Ländern ist IKT in den Lehrplänen schon deutlich stärker verankert. Großbritannien hat soeben festgelegt, dass Kinder zwischen fünf und sechzehn Jahren zukünftig durchgehend im Fach informatik unterrichtet werden sollen, wie der Telegraph berichtet. "DIeser Ansatz ist genau richtig, vor allem weil die Bedeutung der IKT im Alltag nach wie vor zunimmt. Programmieren zu lernen ist heute ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung, zudem werden entsprechende Fachkräfte händeringend gesucht. Coding ist zudem eine wesentliche Schulung für das logische Denken und hat durch die freien Gestaltungsmöglichkeiten einen starken kreativen Aspekt", so Futschek.

Auch in der Slowakei gibt es verpflichtenden IKT-Unterricht über alle Schulstufen hinweg. In Österreich gibt es noch nicht einmal entsprechende Pläne. "Das müsste längerfristig vorbereitet werden. In der Slowakei gab es beispielsweise ein großangelegtes Ausbildungsprogramm für Lehrer, da die entsprechenden Fähigkeiten nicht vorhanden waren. In Österreich wäre das ähnlich", erklärt Informatiker Futschek. Auch die technische Infrastruktur an den Schulen ist nicht überall für einen stärkeren IKT-Fokus ausgelegt. "Durch die zunehmende Verbreitung von Tablets und Laptops unter den Kindern könnte das mit einer entsprechenden WLAN-Aufrüstung vielerorts recht einfach umgesetzt werden", so der TU-Forscher.

Unterricht gegen Überwachung

Was genau den Kindern im Informatikunterricht beigebracht wird, will genau überlegt sein. "Das hängt auch vom Alter ab. Es gibt etwa Systeme zur Programmierung von Robotern, die das Wissen spielend vermitteln und sich für sehr junge Kinder eignen. Auch der Umgang mit Office-Anwendungen, der heute oft den Großteil des Computereinsatzes an Schulen einnimmt, darf nicht fehlen", erklärt Futschek. Am Ende der Pflichtschulzeit sollten Schüler aber vor allem fähig sein, zumindest bis zu einem gewissen Grad zu programmieren. "Programmiersprachen ändern sich zwar, weshalb sich der Unterricht nicht auf eine einzige versteifen sollte. Wichtig ist aber vor allem die grundlegende Denkweise, die schon ab der Volksschule vermittelt werden kann", so Futschek.

NSA-Skandal ist "Ausbildungsproblem"

IKT hat mittlerweile viele Bereiche des täglichen Lebens durchdrungen, eine gewisse Vertrautheit mit der Materie sei deshalb auch im Alltag wichtig: "Der NSA-Skandal ist ein gutes Beispiel: Hier handelt es sich um ein Ausbildungsproblem. Die Überwachung ist nur möglich, weil sich die wenigsten Menschen gut genug mit der Technik auskennen", argumentiert der TU-Fachmann. Programmieren werde immer eine notwendige Fertigkeit im Umgang mit Technologie bleiben, ein sich selbst programmierendes System sei eine Illusion, so Futschek weiter. In der österreichischen Politik sind all diese Argumente noch nicht angekommen. "Im Parlament wird die Technologie zu sehr aus User-Sicht wahrgenommen. Aus heutiger Sicht wäre schon eine verpflichtende Informatik-Wochenstunde über die gesamte Schulzeit hinweg ein Traum, derzeit bin ich aber leider wenig optimistisch", so Futschek.

UPDATE (19.3.2014): Ein Statement des Bildungsministeriums wurde dem Artikel hinzugefügt.

(futurezone) Erstellt am 17.03.2014, 12:45

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