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Anonymisierungsdienst Hausdurchsuchung bei Grazer TOR-Betreiber .

Foto: Tor Project
Das steirische Landeskriminalamt hat bei einer Hausdurchsuchung des 20-jährigen IT-Administrators William W., der Server für das Anonymisierungs-Netzwerk Tor betreibt, 20 Computer, USB-Sticks, eine Spielkonsole, Tablets und Smartphones beschlagnahmt. Ihm wird zur Last gelegt, dass sich kinderpornografische Inhalte auf seinen Datenträgern befinden könnten. W. weist jede Schuld von sich.

Eigentlich will er die Netzfreiheit unterstützen, stattdessen wird ihm jetzt die Verbreitung von Kinderpornografie vorgeworfen: Bei einer Hausdurchsuchung in der Grazer Wohnung von William W. haben Beamte des steirischen Landeskriminalamts am vergangenen Mittwoch sämtliche Computer, Server und andere elektronische Geräte mit insgesamt mehr als 100 Terabyte Speicherplatz beschlagnahmt. Wie aus einer Kopie der Durchsuchungsanordnung der Polizei hervorgeht, könnten die “Datenträger und andere Gegenstände” in Zusammenhang mit pornografischen Inhalten stehen. W., ein 20-jähriger IT-Administrator, sieht sich in einem Schreiben, das der futurezone vorliegt, dem Besitz von Kinderpornografie beschuldigt - völlig zu Unrecht, wie W. meint.

Tatbestand laut Hausdurchsuchungsbefehl ist Paragraf 207a StGB. Beschaffung und Besitz von kinderpornografischen Inhalten wird in Österreich mit einer Haft von bis zu zwei Jahren bestraft. Die Grazer Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber der futurezone, dass bei W. eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat.

Prämierte Software
W. betreibt eigenen Angaben zufolge Exit Nodes, also Server, für das Anonymisierungs-Netzwerk TOR (“The Onion Router”). Dieses erlaubt Internet-Nutzern, anonym im Internet zu surfen. TOR wird unter anderem von Aktivisten in autoritären Regimen wie dem Iran oder China dazu genutzt, ihre Identität vor den staatlichen Behörden zu verschleiern und um Zensurmaßnahmen zu umgehen. Auch Journalisten, Geschäftsleute oder einfach Personen, die auf Privatsphäre im Netz bedacht sind, verwenden TOR.

Wer den Anonymisierungs-Dienst verwendet, kann seine eigene IP-Adresse verbergen und stattdessen unter der IP-Adresse eines Exit Nodes surfen - also etwa unter jenen von W. Das TOR Project wurde dieses Jahr von der US-Bürgerrechtsorganisation EFF (“Electronic Frontier Foundation”) als wegweisendes Tool, das die Sicherheit von Internetnutzern erhöhe, ausgezeichnet.

IP-Adresse wurde zugeordnet
Doch der Anonymisierungs-Dienst dürfte nicht nur für idealistische Zwecke genutzt werden. Laut W. sei die Durchsuchung ein Teil einer polizeilichen Operation gegen einen Kinderpornografie-Ring, welcher im TOR-Netzwerk gehostet worden sein soll. Weil offenbar Teile dieser Daten über seine Exit Nodes geschickt wurden, dürfte die steirische Polizei schließlich auf W. gestoßen sein. W. war im Mai eigenen Angaben zufolge bereits von der polnischen Polizei kontaktiert worden, derer zufolge eine ihm zuordenbare IP-Adresse für Hacker-Angriffe genutzt worden sei. Daraufhin habe er den Exit Node (W. betreibt eigenen Angaben zufolge neben Österreich und Polen auch Server in Liechtenstein, Tschechien, Ukraine Hongkong und den USA) abgeschaltet - “ aber scheinbar zu spät und das LKA war bereits eingeschaltet.”

W. fürchtet jetzt, zu Unrecht ins Gefängnis zu kommen. “Ich glaube an freien Informationsfluss; aber hauptsächlich betreibe ich diese (TOR-Server, Anm.), um es Menschen, welche nicht dieselben Chancen haben wie wir, möglich zu machen unzensierten Zugang, ohne jeglichen Einfluss von Regierungen, zum Internet zu haben”, schreibt W. an die futurezone.

Außerdem sieht er seine Privatsphäre durch die Hausdurchsuchung verletzt. Private Dokumente seien gelesen worden, Server seien nicht regulär heruntergefahren worden, sondern einfach der Stecker gezogen worden.

Beschattet
Beim Verhör durch die Grazer Polizei wurde W. unter anderem die ihm zugeordnete IP-Adresse vorgelegt, über die kinderpornografisches Material gesendet worden sein soll. “Ich erklärte, dass es sich hierbei um einen TOR Exit Node handelte, welcher unter meiner Kontrolle war”, so W. “Auch versuchte ich zu erklären, was TOR ist, und plötzlich waren sie deutlich freundlicher zu mir. Vielleicht verstanden sie, dass sie keinen Kinderporno-Menschen im Büro sitzen haben.”

Die vergangenen zwei Tage dürften für W. jedenfalls sehr abenteuerlich gewesen sein. Nach der Hausdurchsuchung sei er zu seinem Bankschließfach gegangen, um ein Reserve-Handy und Geld zu holen, von dem er sich gleich ein neues Notebook gekauft habe. Dabei sei er von Zivilbeamten beschattet worden.

Kein Einzelfall
“Leider haben wir damit Erfahrung. In der Vergangenheit gab es bereits solche Razzien in Österreich”, so Andrew Lewman, Sprecher des TOR Project, gegenüber der futurezone. “Generell wird die Polizei nach einer solchen Razzia über TOR informiert. Ein Anwalt hilft dem Verdächtigten zu beweisen, dass er selbst nichts getan hat, und dann werden die Geräte zurück gegeben und die Person ist wieder frei.” Das TOR Project würde W. aktuell Hilfestellung geben und verweist außerdem auf FAQs auf der Webseite, die Informationen für solche Fälle bereithalten. Auch in Deutschland gab es bereits Hausdurchsuchungen von Personen, die TOR Exit Nodes betreiben, wie Netzpolitik.org berichtet hat.

In den USA ist laut der Bürgerrechtsorganisation EFF das Betreiben von TOR Exit Nodes völlig legal, doch in vielen anderen Ländern ist der Status unklar. “Länder wie Deutschland haben komplizierte rechtliche Strukturen bezüglich der Software TOR, aber dies wiederum bezieht sich nur auf Firmen. Ich möchte, zumindest in Österreich und vielleicht auch in Europa, diese Rechtslage klären”, so W. In einem Blog-Eintrag hat er seinen Fall geschildert und zu Spenden via Banküberweisung, PayPal und Bitcoin aufgerufen - via PayPal will er bereits mehr als 1000 Euro bekommen haben, für die Bezahlung eines Anwalts würde er 5000 bis 10.000 Euro brauchen.

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(futurezone) Erstellt am 30.11.2012, 10:10
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