Zur mobilen Ansicht wechseln »

I Am Open "Menschen werden auf Datensätze reduziert".

Foto: FH Salzburg
Sieben Studenten der FH Salzburg widmeten sich in einem Projekt der Zukunft ohne Privatsphäre. Sie kritisierten eine "offene Welt", in der Menschen "nichts zu verbergen" haben. Der Projektinitiator Georg Pircher-Verdorfer sprach mit der futurezone darüber, warum Datenschutz die Entwicklung von Technologie beeinflussen sollte.

"Eine Welt, in der jeder alles über jeden weiß" ist für Pircher-Verdorfer "eine irre, grausige Vorstellung". Der Student hat mit sechs Kollegen im Zuge einer Master-Arbeit für den Studiengang MultiMediaArt in Salzburg das Projekt "I Am Open" gestartet. Auf der Website findet man allerdings keine Slogans und Blogeinträge für mehr Privatsphäre oder einen besseren Datenschutz. Stattdessen wurde dort für "mehr Offenheit" in einem Post-Privacy-Zeitalter und für ein Produkt geworben, das Persönlichkeitsprofile aus verschiedenen Datenquellen erstellt.

Ziel der Studenten war dabei, die "Generation Facebook" zum Nachdenken über den Umgang mit privaten Daten anzuregen. "Für uns war das Ganze ein Experiment. Wir wollten bewusst provozieren und schauen, ob die Community unsere Slogans und Angebote kritisch oder unreflektiert aufnimmt", erzählt Pircher-Verdorfer. In der Praxis sei beides der Fall gewesen, so der Student.

"Menschen auf Datensätze reduziert"
Besonders nach dem virtuellen Produkt "my miio" ("my identity is open") sei die Nachfrage groß gewesen. "Etliche Nutzer wollten das Produkt sofort kaufen und haben uns gefragt, bei welchen Mobilfunkanbietern es erhältlich sein wird", so Pircher-Verdorfer. Bei "miio" handelt es sich um ein Smartphone, das über ein Gesichtserkennungstool verfügt und das persönliche Informationen aus unterschiedlichen Quellen, darunter auch das Straf- und Gesundheitsregister, miteinander verknüpft und daraus Persönlichkeitsprofile generiert. "Dabei werden Menschen auf Datensätze herunter gebrochen und reduziert. Das ist ab einem gewissen Punkt einfach entwürdigend", erklärt Pircher-Verdorfer.

Mit Google Health gebe es zudem eine "gefährliche" Entwicklung im Gesundheitsbereich. In der englischsprachigen Version können Benutzer Informationen über ihren Gesundheitszustand, Medikationen und Allergien ablegen und mit anderen Menschen teilen. "Das geht zu weit", so Pircher-Verdorfer, der auch davor warnt, dass beispielsweise E-Government- oder künftig auch eHealth-Anwendungen in die Cloud ausgelagert werden. "Damit macht man sich angreifbar, vor allem, wenn dabei sensible Daten über Bürger miteinander vernetzt werden."

"Gesetze hinken hinterher"
Pircher-Verdorfer kritisiert zudem, dass entsprechende Datenschutz-Gesetze der Technologie immer hinterher hinken. So seien beispielsweise in Deutschland die Straßen von Google mit Kameras gefilmt worden, bevor es entsprechende Regelungen dazu gegeben hätte. Der Student glaubt gleichzeitig auch, dass sich "Technologie nicht aufhalten lässt", also Datenschutzthemen die Entwicklung von Technologien nicht bremsen können. Sie sollten allerdings bei der Entwicklung bereits berücksichtigt werden. Der Student spricht sich damit klar für den "Privacy-by-design"-Ansatz aus.

Tarnkappe Privatsphäre
Doch die Entwicklungen gehen großteils in eine andere Richtung. Technik treibe den Abbau der Privatsphäre weiter voran, meint der Student, und zerfranse die "Tarnkappe, die Privatsphäre heißt". So erzählte beispielsweise der Facebook-Chef Mark Zuckerberg am e-G8-Forum, dass die Facebook-Nutzer ihre Sorgen über ihre Privatsphäre langsam ablegen würden. So seien sie neuen Features gegenüber nicht mehr so negativ und ängstlich eingestellt wie in der Vergangenheit.

"Es bräuchte mehr Aufklärung und Reflexion in der Gesellschaft. Man darf sich Unternehmen nicht hilflos ausliefern", meint der Student, der selbst ein Facebook-Profil hat, jedoch mit seinen Daten "sorgsam" umgehe. "Das tun aber die wenigsten. Neue Tools werden von der Masse sehr unreflektiert aufgenommen und die meisten haben keine Ahnung, was mit ihren Daten passiert, sie steigen blind ein", lautet seine Kritik.

"Beängstigende Vorstellung"
Neben Pircher-Verdorfer haben auch Regina Demmel, Melanie Hametner, Jakub Sproski, Manuel Eder und Raimund Held am Projekt "I Am Open" mitgearbeitet. Neben der Website und dem virtuellen Produkt "miio" ist zudem ein einstündiger Dokumentarfilm und ein zehnminütiger Trailer entstanden, der eine Welt, in der persönliche Daten frei zugänglich sind, ein Relikt vergangener Tage ist. Doch eine Zukunft ohne Datenschutz, ein echtes Produkt wie "miio" sind für den Studenten eine "beängstigende Vorstellung". "Ich würde mich nicht mehr wohlfühlen."

Am Mittwoch, 1. Juni, findet ab 16 Uhr im Audimax der Fachhochschule Salzburg in Puch Urstein die Projektpräsentation von "My Identity is Open" statt.

(futurezone) Erstellt am 01.06.2011, 12:40

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Ihr Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!