Zur mobilen Ansicht wechseln »

Interview „Was nicht im Web ist, existiert nicht“.

Foto: Franz Gruber, Kurier
Am Dienstag war Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, beim future.talk der Telekom Austria in Wien zu Gast. Die futurezone traf den Berners-Lee vor seinem Vortrag zum Gespräch und befragte ihn über die Errungenschaften des World Wide Web, die Netzneutralität, die Freigabe von Regierungsdaten und über die Privatsphäre im Netz.

futurezone: Das World Wide Web wurde vor kurzem 20 Jahre alt. Was sind für Sie rückblickend die bedeutensten Errungenschaften?
Tim Berners-Lee:
Die bedeutensten Errungenschaften sehe ich dort, wo das Web der Menschheit weitergeholfen hat. Wenn es zur Kommunikation genutzt wurde und dazu beigetragen hat, Konflikte friedlich zu lösen. In der Geschichte des Web gibt es viele positive und natürlich auch negative Aspekte. Tiefpunkte gab es immer dann, wenn das Web bedroht war und Regierungen oder Unternehmen versucht haben, das Web zu kontrollieren.

Tim Berners-Lee
Foto: Franz Gruber, Kurier

Das Web wurde ein Erfolg, weil es offen und für alle zugänglich ist. Sind Sie über Entwicklungen besorgt, die diesem offenen Charakter entgegenwirken, wie etwa das App-Ökosystem, das seine Nutzer vom Rest des Netzes isoliert?
Wir müssen hier zwischen Web-Applikationen und in sich geschlossene Applikationen auf Smartphones unterscheiden. Web-Applikationen leben auf Websites und werden immer mächtiger. Sie können auf sie von vielen Geräten aus zugreifen und sie sind Teil des Webs, Teil des Diskurses und Teil des Lebens. Sie können über die Inhalte diskutieren und die Daten auch weiterverwenden. Wenn sie Informationen in eine Smartphone-App einsperren, können sie nicht darauf verweisen - sie sind in gewisser Weise tot.

Sie nehmen eine kompromisslose Haltung zur Netzneutralität ein. Warum ist die Gleichbehandlung aller Daten und Dienste wichtig?
Ich halte es für sehr wichtig, dass das Netz ein neutrales Medium bleibt und das ich auf jede Website zugreifen kann. Wenn Regierungen oder Unternehmen die Macht haben, Informationen zu filtern, bestimmen sie die Weltsicht vieler Nutzer. Das Web wird als Informationsquelle immer wichtiger und das Filtern hat dramatische Auswirkungen und verändet die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

Auch die Überwachung der Webnutzung, etwa für Werbezwecke, hat fatale Folgen. Wenn Sie es Regierungen oder Unternehmen erlauben, Technologien zu installieren, über die das Nutzungsverhalten verfolgt werden kann, ist das gefährlich. Leute nutzen das Web für sehr intime Dinge, etwa um sich über Krankheiten zu informieren.  Sie bekommen nicht nur Werbeeinschaltungen für Medikamente zu sehen, sondern müssen möglicherweise auch höhere Versicherungsbeiträge bezahlen oder bekommen keinen Job mehr. Wenn das Nutzungsverhalten protokolliert wird, werden Leute angreifbar. Die Neutralität des Netzes muss von einer Gesellschaft hochgehalten werden. Sie ist die Basis für alles andere.

Die europäischen Gesetzgeber vertrauen bei diesem Thema auf Transparenz und den Markt. Ist das genug?
Es wäre gut, wenn wir ohne Regulierung auskommen würden. Dazu müssten die Netzneutralität aber so stark als ethisches Prinzip verankert sein, dass sich jedes Unternehmen daran hält. Regierungen sollten in jedem Fall bereit sein, einzuschreiten, wenn die Netzneutralität bedroht ist. In Form von Regulierungen oder in Form von Gesetzen.

Tim Berners-Lee
Foto: Franz Gruber, Kurier

Wie hat das Web unsere Vorstellung von Privatsphäre verändert?
Ich glaube, dass unsere Vorstellung von Privatsphäre gerade verhandelt wird. Wir befinden uns am Beginn dieses Prozesses. Viele Leute haben den Fehler gemacht, Informationen auf sozialen Netzwerken öffentlich zugänglich zu machen. Sie können nun von Leuten gesehen werden, für die sie gar nicht gedacht waren. Ich denke, es wird bald ausgeklügeltere Systeme geben. Wir brauchen aber auch Regeln, wie wir mit solchen Informationen umgehen. Gewisse Informationen sollten für gewisse Dinge nicht verwendet werden dürfen. Arbeitgeber könnten sich etwa verpflichten, keine Informationen aus sozialen Netzwerken zu verwenden, wenn sie Leute einstellen. Es sei denn die betroffenen Personen erteilen ihre Zustimmung. Wir brauchen einen neuen Ethos, mit dem Leute dafür verantwortlich gemacht werden können, wie sie Informationen verwenden, anstatt die Daten wegzusperren.

Wie wichtig ist Anonymität im Netz?
Das ist eine zentrale Frage. Wenn jemand kritisiert wird, hat er das Recht zu erfahren, wer hinter der Kritik steckt. Auf der anderen Seite brauchen wir ein Recht auf Anonymität. Beides sind wesentliche Grundlagen der Demokratie.  Anonymität besonders unter repressiven Regimen wichtig oder für Whistleblower. Wir haben also einen Konflikt zwischen diesen beiden Rechten.  Im World Wide Web Consortium (W3C) gewähren wir Leuten, die aus welchen Gründen auch immer ihre Identität nicht preisgeben wollen, das Recht auf Anonymität. Wir achten aber sehr darauf, dass es nicht missbraucht wird. Wir müssen auch in der Gesellschaft Mechanismen entwickeln, die beide Rechte ermöglichen.

In den vergangenen Monaten ist es in der arabischen Welt zu Aufständen gekommen, die zum Sturz von Diktatoren geführt haben. Dem Web wurde dabei eine zentrale Rolle zugeschrieben. Wie beurteilen Sie die Rolle des Webs bei diesen revolutionären Momenten?
Ich habe von beteiligten Personen gehört, dass die Revolution in Ägypten ohne das Netz nicht möglich gewesen wäre. Das Netz war sicherlich wichtig. Es wird aber wohl nicht mehr so bald  passieren. Denn Regierungen lernen dazu. Es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt. Als die ägyptische Regierung das Land vom Internet getrennt hat, wurde es vielen Leuten zum ersten Mal bewusst, dass so etwas möglich ist.

Tim Berners-Lee
Foto: Franz Gruber, Kurier

Sie waren in Großbritannien sehr stark an der Öffnung von Regierungsdaten beteiligt. Wie hat sich die Freigabe von Verwaltungsdaten ausgewirkt?
Die Gesellschaft profitiert auf vielfältige Art und Weise. Zum einen führt es zu mehr Transparenz, wenn sich Regierungen öffnen und ihre Daten ins Netz stellen und Entscheidungen werden nachvollziehbar. Sie sorgen dafür, dass das Land besser funktioniert. Die Freigabe von Verwaltungsdaten hat aber auch einen wirtschaftlichen Wert. Verwaltungsdaten sind auch für Utnernehmen sehr wichtig. Darüber helfen Verwaltungsdaten bei derBewältigung von Katastrophen. Es kann Leben retten, wenn sie wissen, welche Spitäler über welche Ausrüstungen verfügen. Man weiss nie, was als nächstes passiert. Werden die Daten der Bevölkerung zur Verfügung gestellt, kann man sich aber auf viele Eventualitäten vorbereiten.

Wie sehen Sie die Zukunft des World Wide Web?
Das Web wird überall sein, auf allen möglichen Geräten. Es wird sehr machtvolle Web-Applikationen geben, die Desktop-Programme und Smartphone-Applikationen ablösen werden. Alles wird über miteinander verbundene Web-Applikationen funktionieren.

Wie nutzen Sie das Web eigentlich?
Ich verwende es die ganze Zeit. Das World Wide Web Consortium, für das ich arbeite, lebt im Web. Wir haben eine Regel und die lautet: Was nicht im Web ist, existiert nicht.

Tim Berners-Lee: Vor mehr als 20 Jahren, im August 1991, stellte Tim Berners-Lee am Kernforschungszentrum CERN in Genf die erste Website online. Bereits zwei Jahre davor schlug er ein System zum Austausch von Informationen vor, das das Verlinken von Dokumenten auf Hypertext-Basis beinhaltete und das die Basis des World Wide Web bildete.

Heute steht Berners-Lee dem 1994 von ihm gegründeten World Wide Web Consortium (W3C) vor, das sich um offene Standards für die Weiterentwicklung des Webs bemüht und forscht am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zuletzt machte sich der Web-Pionier für die Freigabe von Regierungsdaten stark und kämpfte für die Netzneutralität, die Gleichbehandlung aller Daten und Dienste im Netz.

Am Dienstag war Berners-Lee beim future.talk der Telekom Austria in der Spanischen Hofreitschule in Wien zu Gast.

(futurezone) Erstellt am 11.10.2011, 18:00

Kommentare ()

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )

Ihr Kommentar

Antworten folgen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    Bitte Javascript aktivieren!