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Österreich Data Dealer: Datenhandel als Facebookspiel.

Foto: (c) www.datadealer.net CC-BY-SA 3.0
Ein kleines Wiener Entwicklerteam möchte mit einem Social Game auf den Handel mit Daten aufmerksam machen. Dabei soll aber auch der Spielspaß nicht zu kurz kommen, denn mit zahlreichen Seitenhieben auf reale Personen werden die Spieler unterhalten und aufgeklärt.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine Währung im Internet als verlässlicher als Gold oder der US-Dollar erwiesen: Daten. Seien es Social Networks, Affiliate-Netzwerke oder Versandhändler - alle sind auf der Jagd nach möglichst präzisen Daten ihrer Kunden. Auch wenn vielen Internetnutzern die Wichtigkeit ihrer Daten bewusst ist, können sie sich doch nicht vor der Weitergabe schützen. Auch die genauen Mechanismen dahinter sind vielen unklar. Verständlich, da es angesichts der schier gewaltigen Anzahl der Werbeanbieter nahezu unmöglich ist, den Überblick zu behalten. Doch das versucht nun ein kleines Team aus Wien zu ändern - mit Hilfe eines Onlinespiels.

Social Game als Weckruf
Unter dem Titel "Data Dealer" veröffentlicht das nur aus vier Personen bestehende Team ein ungewöhnliches Online-Spiel, das sich mit Witz und Ironie dem heiklen Thema der persönlichen Daten widmet. Das Spiel ist an populäre Facebook-Spiele wie Mafia Wars, Farmville oder Cityville angelehnt. Bei Data Dealer lautet das Spielziel allerdings: Persönliche Daten sammeln - und das möglichst hemmungslos und in ganz großem Maßstab. Das Spiel richtet sich gleichermaßen an Jugendliche wie auch an Erwachsene. Nun wurde, nur wenige Tage vor dem Inkrafttreten der Vorratsdatenspeicherung ein Video-Trailer und eine Demo-Version für den deutschen Sprachraum veröffentlicht.

"Die Idee ist 2010 entstanden, weil wir in unserem persönlichen Umfeld immer wieder bemerkt haben, wie erschreckend wenig Wissen über das Business mit den persönlichen Daten im digitalen Zeitalter vorhanden ist.", meint, Wolfie Christl, einer der Entwickler des Spiels, gegenüber der futurezone.

Spielziel: "Daten-Mogul" werden
Die Spieler schlüpfen in "Data Dealer" in die Rolle von Daten-Händlern und bauen durch den Handel mit persönlichen Informationen ihr Vermögen auf. Sie bedienen sich legaler wie dubioser Quellen, besorgen sich pikante Informationen vom Daten-Schwarzmarkt und betreiben Gewinnspiele und Telefonumfragen, Internet-Partnerbörsen, Online-Psychotests und schließlich das eigene Social Web. Nach und nach soll so die gesamte Bevölkerung als gesichtslose Persönlichkeitsprofile in einer Datenbank erfasst werden. Ähnlich anderen Social Games: Gemeinsam mit befreundeten Dealern können "Daten-Imperien" aufgebaut werden, um sich gegen Image-Störfaktoren wie Bürgerinitiativen, kritische Medien oder lästige Datenschutz-Beauftragte zur Wehr zu setzen.

Data Dealer
Foto: (c) www.datadealer.net CC-BY-SA 3.0

Die Spiele-Macher geizen nicht mit Seitenhieben auf die österreichische Prominenz. Für Werbezwecke kann neben einem Ex-Rennfahrer mit Kappe etwa auch ein Baumeister engagiert werden. Am Daten-Schwarzmarkt bedient sich der Data Dealer eines gewissen Dr. Ernst Krasser, der angeblich „die wichtigen Leute im Staat" kennt. Die Spiele-Macher haben viele Monate recherchiert, sodass die meisten Akteure und Vorgänge aus dem Spiel belegbare Vorbilder haben. Einige davon sind auch einem mehrseitigen Dokument festgehalten, das auch online verfügbar ist.

Spielspaß trotz ernstem Thema
Das Spiel soll aber kein klassisches "Serious Game" sein, dass den Spieler auf Kosten der Unterhaltung unbedingt belehren möchte, sondern auch Spaß machen. So sagt Christl gegenüber der futurezone: "Mit dem Trick des Perspektivenwechsels möchten wir genau diejenigen Jugendlichen und Erwachsenen erreichen, denen üblicherweise beim Thema Datenschutz schon im Ansatz das große Gähnen kommt. Wir haben keine Rezepte, finden aber, dass die Leute zumindest ein wenig besser darüber Bescheid wissen sollten, was mit ihren persönlichen Daten heute alles getrieben werden kann. Und das geht vielleicht besser mit Witz und Ironie."

Offen und kritisch
Im Unterschied zu den meisten üblichen Facebook-Spielen funktioniert Data Dealer ohne Flash und setzt auf HTML5, sodass es auf allen modernen Plattformen funktioniert. Außerdem wird das Projekt ohne kommerziellen Hintergrund betrieben und ist unter der Creative Commons Lizenz verfügbar. Neben einer Start-Finanzierung durch die „Internet Privatstiftung Austria" im Rahmen der „netidee" wurde Data Dealer hauptsächlich durch den hohen persönlichen Einsatz des Teams ermöglicht. Christl zufolge sei Data Dealer auch kein Startup-Unternehmen, sondern viel mehr das "Resultat einer jahrelangen kritischen Auseinandersetzung mit Netzkultur und digitalem Alltag."

Kostspielig, aber trotzdem kostenlos
Von der Idee über die Recherche bis zur Demo-Version hat das Team bisher an die 3000 Arbeitsstunden in das Projekt investiert - trotzdem wird das Spiel kostenlos sein. "Wir arbeiten seit vielen Jahren mit freier Software, darum lag dieser Ansatz auch für dieses Projekt nahe. Dass das Spiel kostenlos gespielt werden kann, ist allerdings sowieso eine Selbstverständlichkeit bei Browser Games auf Facebook.", erklärt Christl gegenüber der futurezone.

Durch das kleine Budget könne das Team nicht mit milliardenschweren Spiele-Firmen wie Zynga konkurrieren und sei daher auf die Unterstützung interessierter Internet-Nutzer und potentieller Investoren angewiesen. Das Projekt soll aber trotzdem kontinuierlich weiterentwickelt und im Laufe des Jahres auch international veröffentlicht werden. Ein konkreter Starttermin für die Vollversion steht allerdings noch nicht fest.

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(futurezone) Erstellt am 27.03.2012, 06:00

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