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Smartphone-Test HTC Evo 3D: Ohne Brille, aber mit Kompromissen.

Foto: Gregor Gruber
Räumlich sehen ja gerne, aber bitte ohne Brille: Nach LG versucht sich auch HTC an einem 3D-Smartphone. Dual-Core-Prozessor, 1GB RAM, hochauflösendes 4,3-Zoll-Display und zwei 5MP-Linsen lassen auf viel Spaß in der dritten Dimension hoffen – in der Praxis wird dieser aber durch mehrere Faktoren gedämpft.

Nintendos Spielkonsole 3DS sollte die optische Täuschung, die einen Tiefeneffekt ohne Spezialbrille erzeugt, salonfähig machen. Gänzlich geglückt ist das wohl nicht, was die jüngste Preissenkung des 3DS von 249 Euro auf 169 Euro belegt. Auf der Elektronikmesse IFA werden Hersteller Anfang September ihre Flat-TVs und Notebooks mit 3D, aber ohne Brille, vorstellen - doch jetzt sind erstmal die Smartphones dran. LG ist mit dem Optimus 3D vorgeprescht, HTC zieht mit dem Evo 3D (UVP 699 Euro) nach.

Das Evo 3D ist, wie auch schon das HTC Incredible S , der Nachfolger eines Handys, das zwar in den USA, aber nicht bei heimischen Betreibern erhältlich war. Obwohl Höhe und Breite des Evo 3D mit dem HTC Sensation , ebenfalls ein Smartphone mit 4,3-Zoll-Display, ident ist, wirkt das Evo 3D deutlich bulliger – wäre es ein Auto, wäre man versucht „amerikanischer“ zu sagen. Die sonst bei HTC üblichen, dezenten Softtouch-Tasten werden durch Silberringe hervorgehobenen und an der rechten Seite steht der silberne Auslöser und Wechselschieber für 2D-3D-Aufnahmen hervor. Das Gehäuse ist nicht so elegant gerundet wie beim Sensation oder HTC Desire S und statt kühlem Aluminium spürt man gummi-ähnliches, gerilltes Plastik, wenn man das Evo 3D in Händen hält. Noch dazu ist es 12,05mm dick und 170 Gramm schwer – bedingt durch die für den räumlichen Effekt benötigte Technik. Trotz des hohen Gewichts vermisst man aber das Gefühl für Hochwertigkeit, das etwa das Sensation und andere HTC-Handys vermitteln konnten.

Handling
Wenig gelungen sind die flachen Lautstärken-Tasten an der rechten Seite. Sie fühlen sich schwammig an und müssen relativ weit hineingedrückt werden, was beim Telefonieren nicht besonders komfortabel ist. Auch der Kamera-Auslöseknopf ist meist im Weg, egal ob man das Evo 3D in der linken oder rechten Hand hält. Ein ungewolltes Auslösen oder eine Aktivierung der Kamera-Funktion ist aber nicht möglich. Anders ist das bei der Softtouch-Hometaste. Stützt man das Smartphone in der Horizontalen am rechten Handballen auf, um den Daumen für das Bedienen des Touchscreens frei zu haben (etwa bei Spielen), kommt man schon mal ungewollt an der Taste an und landet am Homescreen.

Auch das eigentliche Feature des Evo 3D, die 3D-Kameras an der Rückseite, sind nicht optimal positioniert. Die Linsen sind erhoben, weshalb man beim Telefonieren und beim Zücken des Smartphones aus der Hosentasche fast immer die Linsen verschmiert.

Eingeweide
Ein Vorteil von großen Smartphones: Man bekommt leistungsfähige Komponenten darin unter. Der Qualcomm MSM8260 Dual-Core-Prozessor taktet mit 1,2GHz, der RAM ist mit 1GB ein Upgrade im Vergleich zu HTCs erstem Dual-Core-Handy Sensation (768MB RAM). Der interne Speicher hat 1GB, eine 8GB-microSD-Speicherkarte ist im Lieferumfang enthalten. 4G beherrscht das Evo 3D nicht, HSPA ist mit bis zu 14,4 Mbit/s Download und bis zu 5,76 Mbit/s Upload möglich. Per MHL-Adapter und HDMI-Kabel kann das Evo 3D an den Flat-TV angeschlossen werden.

Das Evo 3D hat ein 4,3-Zoll großes Super-LCD-Display, mit der qHD-Auflösung von 960x540 Pixel. Die Darstellung ist gestochen scharf und die Farbreproduktion ausgezeichnet. Nur im direkten Sonnenlicht blassen die Farben stark aus.

Der Akku hat eine Kapazität von 1730mAh. Mehr Akkuleistung ist immer zu begrüßen, allerdings sind die 3D-Funktionen des Evo 3D wahre Stromfresser. Im Test haben 40 Minuten spielen eines 3D-Games den vollen Akku fast 50 Prozent seiner Ladung gekostet und auch 3D-Fotografieren und -Filmen zehrt kräftig an den Energiereserven des Evo 3D.

Der 3D-Effekt
Der 3D-Modus wird automatisch aktiviert, sobald eine entsprechende App gestartet oder ein dreidimensionales Foto oder Video betrachtet wird. Wie beim 3DS und LG Optimus 3D werden dabei für das linke und das rechte Auge verschiedene Pixel dargestellt – ähnlich wie bei einem Kipp-3D-Bild. Damit die optische Täuschung funktioniert, muss man mit den Augen den Sweet Spot treffen: möglichst gerade auf das Display schauen und einen Abstand von etwa 30cm einhalten.

Der 3D-Effekt beim Evo 3D ist stärker als beim Optimus 3D. Besonders bei Fotos sieht es beeindruckend aus, da die Motive auf verschiedenen Ebenen aus dem Display herauszuragen scheinen. Durch den stärkeren Effekt ist es anfangs schwerer den Sweet Spot zu finden als beim Optimus 3D. Bei Videos hingegen scheint das Display in die Tiefe zu gehen. Auch bei den getesteten Spielen (Asphalt 6 3D und Lets Golf 2 3D) war dies der Fall. Zum Verkaufsstart werden auf dem Evo 3D die Spiele Need for Speed, Sims und Spider-Man vorinstalliert sein. Eine Umrechnung von gewöhnlichen 2D-Apps und –Spielen auf 3D ist nicht möglich. Die Stärke des Effekts kann im Album beim Betrachten von Fotos und Videos nicht reguliert werden, bei den Spielen Asphalt 6 und Lets Golf 2 war dies direkt in der App möglich.

Fotografieren in 3D
Um von 2D- in den 3D-Modus zu wechseln, wird einfach nur der Schiebeschalter an der rechten Gehäuseseite in die entsprechende Position gebracht. Begeisterte Handy-Fotografen werden sich über den daneben liegenden Auslöse-Knopf freuen. Wie bei einer richtigen Digicam drückt man ihn leicht um zu fokussieren und ganz nach unten, um das Foto zu machen. Touchfokus funktioniert ebenfalls, sowohl in 2D als auch 3D beim Filmen und Fotografieren.

Das Fokussieren auf das gewünschte Motiv im 3D-Fotomodus ist sehr gewöhnungsbedürftig, da man so gut wie nie den Sweet Spot trifft. Deshalb gilt: Einfach mal drauf los knipsen und die Bilder nachher ansehen. Um brauchbare Resultate in 3D zu erzielen, muss man beim Evo 3D aber einige Grundregeln beachten. Das Motiv sollte mindestens 20cm von den Linsen entfernt sein. 3D und Blitz verträgt sich nicht: Bei dunklem Hintergrund und Blitz-erhellten Motiven ist fast immer ein Teil-Doppelbild des Motivs zu erkennen. Am eindrucksvollsten sehen 3D-Bilder aus, wenn hinter dem vordersten Motiv noch weitere Objekte in unterschiedlichen Entfernungen stehen, da so die Motive verschieden weit aus dem Display zu ragen scheinen. Der Hintergrund sollte nicht dunkel sein. Ein dunkler Hintergrund strengt die Augen zusätzlich an, wenn versucht wird ein helleres 3D-Motiv im Vordergrund zu betrachten.

3D-Fotos können technisch bedingt nur im horizontalen Modus aufgenommen werden. Die Fotos haben die FullHD-Auflösung von 1920x1080 Pixel und können im MPO- oder JPS-Format gespeichert werden. Es ist möglich die üblichen Bildeffekte und Anpassen wie Schärfe, Kontrast und Helligkeit manuell vorzunehmen. Ein Hineinzoomen in 3D-Fotos beim Betrachten ist nicht möglich, es wird automatisch in den 2D-Modus gewechselt. Will man ein 3D-Bild hochladen oder verschicken, öffnet sich ein Dialog, der fragt, ob das Bild vorher in 2D umgewandelt werden soll.

Fotografieren in 2D
Die normalen 2D-Aufnahmen sind mit bis zu 5 Megapixel möglich, allerdings ist die Qualität der Bilder selten überzeugend. Die Kamera ist so optimiert, dass sie am Handy-Display gute Bilder erzeugt. Auf einem großen Monitor können die Fotos aber nicht überzeugen. Es ist stets eine Unschärfe präsent, die Fotos wirken leicht grieselig und unsauber, auch bei guten Außen-Lichtverhältnissen. Die Lichtmessung liegt trotz Touch-Fokus öfters daneben. Außerdem kommt es im Sonnenlicht häufiger zu Lichtringen als bei anderen Smartphones. Insgesamt ist man von HTCs 8-Megapixel-Modellen, dem Sensation und Incredible S, Besseres gewohnt.

Filmen
Filmen in 3D sorgt nicht für dasselbe Wow-Erlebnis, wie fotografieren. Die maximale Auflösung beim 2D-Filmen ist 720p. 1080p, wie es die meisten Dual-Core-Smartphones beherrschen, wird nicht unterstützt. Auch im 3D-Modus werden die Videos in 1280x720 Pixel aufgenommen, im Side-by-Side-Format. Das heißt das Bild für jeweils das linke und rechte Auge, aufgenommen von der linken und rechten Kameralinse, hat die Auflösung von 640x720 Pixel, die zum 3D-Video zusammengeführt werden. Bereits etwas schummriges Licht reicht im 3D-Videomodus, um den Autofokus außer Kraft zu setzen. Bei Schwenks ist ein Nachziehen und Ruckeln bemerkbar. Am besten gelingen die Videos, wenn man sich mit dem Evo 3D ruhig hinstellt und die Motive, die sich im Idealfall Richtung Kameras bewegen und wieder entfernen, filmt. Leider sind auch mit dieser Methode leichte Ruckler während der Aufnahme bemerkbar.

Software
Das Betriebssystem des Evo 3D ist Android 2.3.4. Es nutzt die HTC-hauseigene Oberfläche Sense 3.0, wie auch schon das Sensation. Der Homescreen-Kreisel ist beim Evo 3D etwas zu empfindlich: So kommt es manchmal vor, dass man mit einer Wischbewegung zum nächsten Homescreen wechseln will und sich das Karussell wild zu drehen beginnt. Prozessor und RAM sorgen für eine flotte Bedienung und 1080p-Video-Wiedergabe, Verzögerungen beim Wechsel von Apps kommen so gut wie gar nicht vor. Auch die übliche HTC-Onscreen-Tastatur ist wieder mit dabei, die sich eine Überholung verdient hätte. Mit dem Samsung Galaxy SII tippt es sich präziser.

Wünschenswert wäre ein ähnliches 3D-Menü wie beim Optimus 3D gewesen, das dreidimensionale Apps zusammenfasst. Das Abspielen von YouTube-3D-Videos funktioniert über das normale YouTube problemlos, allerdings muss man die entsprechenden Clips erst finden. Ein 3D-Logo zeigt an, ob das Video in 3D ist, aber ein Direkt-Link zum YouTube-3D-Channel oder eine angepasste Suchfunktion gibt es nicht. Links oder Apps zu 3rd-Party-Anbietern von 3D-Games wären ebenfalls wünschenswert gewesen oder etwa ein angepasster Android Market, der eine Kategorie für 3D-Apps enthält.

Fazit
Das Evo 3D ist ein typisches „Early Adaptor“-Gerät: zu früh und zu teuer. Das Aufnehmen von 3D-Videos ist wenig berauschend. Das Betrachten fertiger Videos ist dafür wieder gut, die 3D-Games sind aber kein wirklicher Kaufgrund und andere 3D-Apps gibt es bislang noch nicht. Weitere Minuspunkte sind die schwache Kameraleistung bei 2D-Aufnahmen und der starke Akkuverbrauch im 3D-Modus.

Dennoch ist das Evo 3D ein gutes Smartphone (wenn auch ein großes) und das Fotografieren in 3D ist definitiv ein Highlight. Es lädt zum Experimentieren ein und ist so, als würde man das Fotografieren neu erlernen. Es wird aber höchstwahrscheinlich nicht das letzte HTC-Gerät mit brillenloser 3D-Technik sein, weshalb eher zum Abwarten geraten ist: Entweder, bis das Evo 3D etwas billiger wird und mehr 3D-Apps zur Verfügung stehen oder bis zu schlankeren und weniger stromhungrigen Nachfolgermodellen.

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(futurezone) Erstellt am 12.08.2011, 12:00

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