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28C3 Kritik an Herstellern von digitalen Hörhilfen .

Foto: Stephan Boroviczeny
Eine deutsche Software-Entwicklerin, die selbst auf ein Hörgerät angewiesen ist, hat im Rahmen des Hacker-Kongresses 28C3 auf Mängel bei Geräten und fehlendes Innovationsbewusstsein bei den produzierenden Unternehmen hingewiesen. Vom Traum des bionischen Ohrs sei man noch weit entfernt.

Auf ein Thema, das wohl die wenigsten am Radar haben, hat die Münchner Software-Ingenieurin Helga Velroyen im Rahmen des Hacker-Kongresses 28C3 aufmerksam gemacht: Mängel bei digitalen Hörgeräten. Velroyen ist selbst betroffen und hat aus Eigeninteresse begonnen, sich mit der Technik der Hörhilfen auseinanderzusetzen. “Die Technologie ist hinter dem heutigen Standard”, so Velroyen. “Die Hersteller sind nicht offen für Neues, die Weiterentwicklung geht viel zu langsam.” Bei der Soundqualität gebe es ebenso Verbesserungsmöglichkeiten wie beim Kundenservice und erweiterten Funktionen, die sich vor allem jüngere Nutzer wünschen würden. Auch wären offene Standards wichtig, um den Nutzern möglichst viel Freiheit zu geben. “Aber die Hersteller sind leider nicht sehr Open-Source-freundlich.” Vom Traum des bionischen Ohrs sei man jedenfalls noch weit entfernt.

Alltagsprobleme

2010 etwa hatten Expertenschätzungen zufolge zwischen 800.000 bis einer Million Österreicher mit Tinnitus-Problemen zu kämpfen, jeder fünfte galt als schwerhörig. Viele sind deswegen auf Hörgeräte angewiesen. Velroyen schilderte sehr plakativ, welche Alltagskonsequenzen das Tragen eines Hörgerätes nach sich zieht. “Hörprobleme sind viel schwerer zu lösen als etwa Sehprobleme, weil man sehr viele verschiedene Hörsituationen durchtesten muss”, so die Software-Ingenieurin. Digitale Hörhilfen analysieren den Umgebungssound und können den Ton für den Träger in Echtzeit anpassen. Dabei müsse alles zwischen 0 und 130 Dezibel auf den Bereich 60 bis 90 Dezibel komprimiert werden, und dadurch würde gesprochene menschliche Sprache schwerer verstehbar. Außerdem gebe es oft Rückkoppelungen bei nahen Geräuschquellen (z.B. Handys) sowie das “Cocktail-Party-Problem”: In Räumen mit vielen gleichzeitig sprechenden Menschen würden sich Träger von digitalen Hörhilfen oft schwer tun, die Stimmen den richtigen Personen zuzuordnen.

Geschlossene Standards, Spionage-Software

Nach einer näheren Untersuchung von aktuellen Hörgeräten musste Velroyen etwa feststellen, dass einige Modelle (z.B. Siemens Tek, 400 Euro) mit Bluetooth-Funktion (an sich sinnvoll, um etwa MP3-Player oder Smartphones zu koppeln) nicht kompatibel mit anderen Geräten seien, weil sie nicht auf offene Standards setzen. Trägern bleibt so nichts anderes übrig, als aus einer sehr eingeschränktem Angebot an passenden Zubehör auszuwählen. In einem Modell entdeckte Velroyen außerdem Software, die aufzeichnete, für welche Hörsituationen wie lange der Ton aufbereitet wurde. Auch seien die Sicherheitsmaßnahmen einiger Bluetooth-Modelle bei weitem nicht ausreichend, weil die Funkverbindung mit dem Standard-PIN-Code “0000” von Werk aus gesichert worden war - ein leichtes Spiel für einen böswilligen Hacker.

App Store für Hör-Einstellungen

Velroyen bemängelte außerdem das fehlende Innovationsbewusstsein der Hörhilfe-Hersteller. Würde es etwa einen App Store für die Geräte geben, könnte man sich dort passende Akustik-Einstellungen für bestimmte Orte oder Szenarien herunterladen oder neue Filter-Software aussuchen. An ein Smartphone gekoppelt, wäre es zudem möglich, via GPS-Ortung, Kalendereinträge oder Telefonat-Informationen die Tonausgabe automatisch und entsprechend der Situation anzupassen - angesichts der zurückhaltenden Branche bleibt das aber wohl vorerst Zukunftsmusik.

Helga Velroyen
Die Münchner Software-Ingenieurin Helga Velroyen - Foto: Jakob Steinschaden

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(futurezone) Erstellt am 29.12.2011, 12:00

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