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Smartphone-Test LG G4: Die schnellste Smartphone-Kamera im Wilden Westen.

Das LG G4 setzt auf Android 5.1 mit der hauseigenen Oberfläche LG UX 4.0
Das LG G4 setzt auf Android 5.1 mit der hauseigenen Oberfläche LG UX 4.0 - Foto: Michael Leitner
Das LG G4 ist eines der letzten Flaggschiff-Smartphones, das noch über einen tauschbaren Akku und microSD-Kartenslot verfügt. Doch das G4 punktet auch in anderen Kategorien.

Der südkoreanische Konzern LG scheint ein Sicherheitsproblem zu haben. Das neue Flaggschiff G4 war bereits Wochen vor dessen offiziellen Vorstellung in seiner vollen Pracht zu sehen. Leak um Leak wurde jedes einzelne Detail offengelegt, sodass es bei der Präsentation Ende April keinerlei Überraschungen gab. Nicht einmal die Leaks vom HTC One M9 waren dermaßen umfangreich.

Dennoch fand das Ergebnis Anklang, nicht nur unter LG-Fans. Mit dem neuen Flaggschiff will der Smartphone-Hersteller aus dem Schatten des südkoreanischen Konkurrenten Samsung hervortreten. Dabei sollen eine stark verbesserte Kamera, ein leichter Buckel sowie edles Design helfen. Die futurezone hat das G4 und dessen womöglich schnellste Kamera im wilden Smartphone-Westen getestet.

Design

OnePlus One in Rund

Optisch setzt das G4 die Designsprache seiner Vorgänger fort. Dabei hat das Smartphone trotz gleichbleibender Bildschirmgröße etwas zugelegt. Es ist nun je zwei Millimeter breiter und höher, zudem wiegt es knapp sechs Gramm mehr. Der Platz wird effizient genutzt, das Bildschirm-zu-Gehäuse-Verhältnis liegt mit 72,5 Prozent weiterhin im Spitzenfeld. Lediglich der Rahmen rechts und links neben dem Bildschirm hätte noch schmaler ausfallen dürfen.

LG G4
Foto: Michael Leitner
Optisch hat sich das G4 sehr viele Anleihen vom G Flex 2 genommen. Das liegt mitunter daran, dass nun auch das G4 gebogen ist. Die Krümmung ist minimal und wird kaum wahrgenommen. Lediglich der kurvenförmige Rahmen sowie die buckelförmige Rückseite weisen darauf hin, dass hier nicht alles gerade verläuft. Legt man das Smartphone mit der Displayseite nach unten auf eine ebene Fläche, fällt die leichte Erhöhung in der Mitte auf. Diese ist kaum einen Millimeter hoch. Im Gegensatz dazu fällt die Krümmung auf der buckeligen Rückseite deutlich aus. Während das Gehäuse an den Rändern lediglich 6,3 Millimeter dick ist, misst das G4 in der Mitte “fette” 9,8 Millimeter.

Unscheinbares Leder

Das gebogene Design trägt positiv zum Handling bei. Das Smartphone schmiegt sich dank seiner Rundungen angenehm in die Handfläche, auch rasches Umgreifen ist kein Problem. Dafür ist vor allem die griffige Rückseite verantwortlich, die laut LG aus Echtleder gefertigt wurde. Sie macht zwar einen hochwertigen Eindruck und ist angenehm rau, könnte aber ebenso gut aus Kunstleder gefertigt sein. Die mit Leder überzogene Kunststoff-Rückseite ist abnehmbar, gibt aber auch unter Druck keinen Millimeter nach. Im Vergleich zu Sonys Smartphone-Spitzenmodellen sollte man das G4 von Wasser fernhalten, es ist nicht wasser- oder staubdicht.

LG G4
Foto: Michael Leitner
Die Tasten auf der Rückseite sind weiterhin Fluch und Segen zugleich. Einerseits sind sie bei der einhändigen Bedienung gut mit den Fingern zu erreichen und betätigen, doch die fein geriffelte Lautstärkewippe und der kleine glatte Menü-Knopf in der Mitte bieten zu wenig Kontrast zur rauen Lederrückseite. So sind sie meist nur schwer zu ertasten. Zudem greift man relativ einfach versehentlich auf die Linse der Hauptkamera. An der Unterseite befinden sich die Anschlüsse für Kopfhörer und Micro-USB-Stecker, an der Oberseite ist lediglich der IR-Blaster zu finden.

Display

Scharfe Kurven

Obwohl das Smartphone gebogen ist, setzt LG weiterhin auf einen IPS-LC-Bildschirm. Üblicherwerweise kommen bei derartig ungewöhnlichen Formaten, beispielsweise beim gebogenen G Flex 2 sowie der runden Android-Wear-Smartwatches G Watch R, die P-OLED-Technologie zum Einsatz. Der Qualität des Bildschirms schadet das jedoch nicht, auch aus steilen Blickwinkeln bleibt der Inhalt gut erkennbar. Leider ist der Bildschirm sehr anfällig für Spiegelungen, vor allem bei Tageslicht. Die hohe Helligkeit gleicht dies meist aus, an einem sehr sonnigen Tag lässt sich der Bildschirm aber deutlich schwerer ablesen.

LG G4
Foto: Michael Leitner
Die Biegung soll vor allem Schäden am Bildschirm verhindern, einen praktischen Nutzen bei der Bedienung gibt es nicht. Tatsächlich ist der Widerstand beim Wischen über den Bildschirm etwas stärker, vor allem über große Distanzen. Der 5,5 Zoll große Bildschirm löst weiterhin mit 2560 mal 1440 Bildpunkten auf und kann somit mit einer gestochen scharfen Pixeldichte von 538 ppi aufwarten. Einzelne Pixel sucht man vergeblich. Die Farbdarstellung ist gut, die Farben sind kräftig und zeichnen sich durch, für einen LC-Bildschirm, hohe Sättigung aus. Auch der Kontrast wurde im direkten Vergleich mit dem Vorgänger verbessert, vor allem das Schwarz kommt den Super-AMOLED-Bildschirmen anderer Smartphones nun deutlich näher.

Hardware

Sechs Kerne sind genug

LG konnte trotz zahlreicher Leaks bei der Präsentation des G4 aber dennoch überraschen: Statt des aktuellen High-End-Chips Snapdragon 810 kam das “kleinere” Modell Snapdragon 808 zum Einsatz. Warum eigentlich? Rasch wurde spekuliert, dass die Hitzeprobleme des Snapdragon 810 der Grund für den Wechsel seien. Auch Samsung hat Gerüchten zufolge darum auf den neuen Qualcomm-Chip verzichtet. LG dementiert, die Entscheidung für den Snapdragon 808 sei bereits lange vor dem Bekanntwerden der Hitzeprobleme gefallen.

3DMark (Ice Storm Unlimited, v1.2): 18.416 Punkte
AndroBench (Version 4.0.1, sequentielles Lesen/Schreiben): 246,27 / 90,11 MB/s
AnTuTu (v5.7.1, 64 Bit): 47.813 Punkte
PCMark (v1.1): 4.520 Punkte
Quadrant (v2.1.1): 25.067 Punkte

Die gute Nachricht: Der Snapdragon 808 wird nicht zu heiß. Tatsächlich wurde das Gehäuse selbst unter hoher Last in den Benchmarks kaum warm. Auch bei der Leistung müssen im Vergleich zum “großen Bruder” kaum Abstriche gemacht werden. Im Durchschnitt liegt der Snapdragon 808 knapp fünf bis zehn Prozent hinter dem Snapdragon 810. Im Alltag macht sich das aber kaum bemerkbar. Überraschend ist auch, dass der etwas schwächere Grafikchip Adreno 418 (172,8 GFLOPS) in den Benchmarks kaum schlechter als das Spitzenmodell Adreno 430 (324 GFLOPS) abschneidet, das beim Snapdragon 810 zum Einsatz kommt.

Rasch geleert und geladen

Obwohl nur sechs Kerne “gefüttert” werden müssen, ist der Hunger nach Energie ungebrochen hoch. Im Test kam das G4 locker durch einen üblichen Arbeitstag, bei intensivem Gebrauch (zwei Stunden aktiver Bildschirm, GPS und Bluetooth aktiviert, vier Stunden Spotify) war nach knapp 14 Stunden Schluss. Dank der Quickcharge-Technologie ist der Akku aber rasch wieder geladen. Mit dem mitgelieferten Ladekabel ließ sich der Akku in 30 Minuten zur Hälfte füllen, nach etwas mehr als einer Stunde war der 3000-mAh-Akku vollständig geladen. Ebenfalls praktisch: Mit an Bord ist ein IR-Blaster, dank dem das Smartphone als Multifunktions-Fernbedienung für Fernseher, Audio-Anlage oder Apple TV eingesetzt werden kann.

Kamera

Kaum Rauschen

Wie viele andere Smartphone-Hersteller legt auch LG bei seinem neuen Flaggschiff den Fokus auf die Kamera. Der Sensor (Sony IMX234) wurde etwas vergrößert und misst nun 1/2.6” (zuvor 1/3”). Trotz des größeren Sensors ist die Pixelgröße von 1,2 auf 1,12 µm gesunken. Das soll jedoch eine sechsteilige Linse mit hoher Lichtempfindlichkeit (f/1.8 gegenüber f/2.4 beim G3) ausgleichen. Komplettiert wird das Paket von einem optischen Bildstabilisator (drei statt nur zwei Achsen), Laserfokus sowie einem Dual-LED-Blitz.

Die Ergebnisse sind gelungen, auch wenn die Unterschiede im Vergleich zur Vorgänger-Kamera marginal sind. Doch die zusätzlichen drei Megapixel verbessern den Detailgrad und die Schärfe von Aufnahmen. Das wird vor allem an feinen Details, wie den Streben eines Riesenrads, deutlich. Auch das Bildrauschen konnte erheblich reduziert werden. Eine Aufnahme der Berliner Gedächtniskirche bei Nacht ist nahezu rauschfrei, lediglich an den etwas schlechter ausgeleuchteten Stellen macht sich etwas Rauschen bemerkbar. Die Details bleiben dennoch erhalten. Auch bei einer weniger gut ausgeleuchteten Aufnahme macht die Kamera des G4 eine hervorragende Figur. An den dunklen Stellen ist zwar bei höherer Zoom-Stufe Rauschen erkennbar, der Inhalt bleibt aber gut erkennbar.

Spielzeug für Fotografen

Highlight des Kamera-Gesamtpakets ist die Kamera-App, die insgesamt drei verschiedene Modi bietet: Einfach (nur Auslöser), Allgemein (mit etwas mehr Optionen) sowie manueller Modus. Letzterer ist das wahre Highlight des G4. Smartphone-Fotografen können sich nach Lust und Laune austoben. Neben der Farbtemperatur (in 100-Kelvin-Schritten) dürfen Fokus, ISO (von ISO 50 bis 2700) und Belichtungsdauer (1/6000 bis 30 Sekunden) manuell eingestellt werden.

Kamera-App LG G4
Foto: Michael Leitner
Lediglich die Blende ist auf f/1.8 festgesetzt. Zudem können Fotos auch im RAW-Format (DNG) abgespeichert werden. In der oberen Leiste erhält der Fotograf einen schnellen Überblick zu den aktuellen Einstellungen sowie im linken Eck ein Histogramm zur Abschätzung der Belichtung angezeigt. Verändert man die Einstellungen, werden die Auswirkungen in Echtzeit am Bildschirm angezeigt, bevor man den Auslöser betätigt. Diese prognostizierten Ergebnisse mögen nicht immer zutreffen, helfen aber Einsteigern.

Schnell gestartet

Für die Frontkamera muss man auf den manuellen Modus verzichten. Die Frontkamera löst mit acht Megapixeln auf und kann mit den üblichen Features aufwarten: Beauty-Modus, Fernauslöser per Sprache und Dual-Aufnahmen. Die Weitwinkellinse (f/2.0) macht zwar den Selfie-Stick nicht überflüssig, mit etwas Strecken passen aber je drei Leute links und rechts vom Fotografen auf das Selfie.

Kamera-App LG G4
Foto: Michael Leitner
Die Kamera-App ist sehr schnell gestartet, insbesondere durch doppeltes Antippen der Leiser-Taste. Das klappt auch im Standby-Modus - laut LG binnen 0,6 Sekunden. Das ließ sich in den Tests bestätigen und kann sich vor allem in zeitkritischen Situationen als praktisch erweisen.

Software

Sinnvolle Ergänzungen

LG setzt beim G4 auf seine hauseigene Oberfläche LG UX 4.0. Diese ist zwar immer noch sehr verspielt und bunt, hat sich in den vergangenen Jahren aber auch zu einer flotten und vielseitigen Alternative zum Stock-Launcher entwickelt. So reagiert die Oberfläche schnell und ohne unnötige Animationen. Etwas lästig, aber deaktivierbar: Wie HTCs BlinkFeed hat LG eine “Startseite” für den schnellen Überblick integriert. Wischt der Benutzer vom Homescreen nach links wird diese geöffnet. Statt Nachrichten werden Google-Now-ähnliche Karten angezeigt, wie beispielsweise die zurückgelegten Schritte, aktuelle Termine, ein Musikplayer-Widget, eine Fernbedienung oder die aktiven “Smart Settings” anzeigen.

Diese sind tatsächlich nützlich, sofern man noch keine App wie Tasker benutzt. Der Benutzer kann bestimmte Einstellungen anhand des Standortes regeln lassen. Sobald man zu Hause ist, wird beispielsweise auf Wunsch das WLAN aktiviert und das Smartphone auf laut gestellt. Die Auswahl ist leider noch beschränkt, sowohl in den Einstellungen als auch den verfügbaren Standorten. Praktisch: Das Wetter- und Uhren-Widget auf der Startseite liefert regelmäßig “Smart Cards” aus, die Wettervorhersagen liefern oder vor Apps warnen, die den Akku ungewöhnlich rasch leeren. LG verzichtet glücklicherweise auf Apps von Drittherstellern (mit der Ausnahme von Google-Apps). Knapp 21 der 32 Gigabyte an internem Speicher sind frei verfügbar, der Speicher kann aber per microSD-Karte erweitert werden.

Fazit

Das HTC-Syndrom

Das LG G4 bietet eines der besten Gesamtpakete, die es derzeit am Smartphone-Markt gibt: Moderne Hardware, gute Performance sowie ein tauschbarer Akku und erweiterbarer Speicher. Doch dem Smartphone droht ein ähnliches Schicksal wie dem ebenso hervorragenden HTC One M9. Der Unterschied zum Vorgänger ist zu gering, auch optisch. Wer bereits ein G3 besitzt, hat eigentlich kaum einen Grund, zum neuen Top-Modell zu greifen.

LG G4
Foto: Michael Leitner
Umsteiger und LG-Liebhaber sollten das G4 aber unbedingt in die engere Auswahl einbeziehen. Auf der Pro-Seite sind eine hervorragende Kamera, gute Hardware-Leistung sowie Flexibilität dank tauschbarem Akku und einem microSD-Kartenslot. Der Nachteil im Vergleich zur Konkurrenz: Die Akkulaufzeit ist nur durchschnittlich und das Smartphone ist nicht vor Wasser und Staub geschützt. Zudem verzichtet LG auf den in Mode gekommenen Metallrahmen - das ist aber, wie alle Designfragen, Geschmackssache. Das G4 ist ab sofort für 649 Euro (UVP) im Handel erhältlich.

Modell:
LG G4
Display:
5,5 Zoll IPS LC-Bildschirm - 2560 x 1440 Pixel (16:9, 538 ppi, geschützt von Gorilla Glass 3)
Prozessor:
Hexacore-SoC (1,82 GHz A57 Dualcore und 1,44 GHz A53 Quadcore, Qualcomm Snapdragon 808)
RAM:
3 Gigabyte
Speicher:
32 GB intern, microSD-Kartenslot
Betriebssystem:
Android 5.1
Anschlüsse/Extras:
microUSB, Bluetooth 4.1, WLAN (a/b/g/n/ac), LTE
Akku:
3.000 mAh
Kamera:
16 Megapixel (Rückkamera, optischer Bildstabilisator, Dual-LED-Blitz), 8 Megapixel (Frontkamera)
Videos:
Aufnahme in 2160p bei 30 fps möglich
Maße:
148,9 x 76,1 x 9,8 mm (an der dünnsten Stelle 6,3 mm), 155 Gramm
Preis:
649 Euro (UVP)

(futurezone) Erstellt am 03.06.2015, 06:00

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