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Smartphone-Test LG V10: Schwergewicht mit zwei Displays und drei Kameras.

LG V10
LG V10 - Foto: Gregor Gruber
Das zusätzliche Always-On-Display an der Front und zwei Selfie-Linsen heben das V10 von der Konkurrenz ab, bieten aber nur wenig Mehrwert.

Wie kann sich ein Smartphone heute noch von den Modellen der Konkurrenz unterscheiden? Nachdem LG bereits bei früheren Handys die Lautstärken- und Standby-Tasten an die Rückseite verfrachtet hat, nimmt sich der koreanische Hersteller mit dem V10 jetzt die Front vor.

Über dem eigentlichen Display wurde ein kleines Zusatz-Display verbaut und statt einer Frontkamera gibt es gleich zwei. Diese Extras liefern zwar nur wenig Vorteile, allerdings ist das V10 auch so ein gutes Smartphone, das mit seiner Geschwindigkeit und der guten Hauptkamera punktet.

Rutschgefahr

Optisch ist das V10 kein Highlight. Links und rechts sind dicke, nach außen gewölbte Metallbalken, die das 5,7-Zoll-Gerät noch größer erscheinen lassen, als es ohnehin ist. Die Plastik-Rückseite ist gummiert und strukturiert und sieht aus als würde sie auf ein stoßfestes Outdoor-Gerät gehören.

Die Struktur ist zu tief, weshalb die rutschhemmende Wirkung der Gummierung reduziert wird. Der Chrome-farbene Rahmen ist glatt. Kombiniert mit dem hohen Gewicht von 192 Gramm und einer Breite von 7,9 cm, die das Halten des Smartphones erschwert, hatte ich oft das Gefühl, dass das V10 es darauf anlegt, aus der Hand zu rutschen. Besonders beim Tippen mit beiden Daumen im Hochformat (was sich aufgrund des 5,7-Zoll-Displays beim V10 anbietet) war das der Fall.

Laut LG dürfte es kein allzu großes Problem sein, wenn das V10 sich mal aus der Hand befreit, da „der widerstandsfähige Dura Guard Rahmen aus Edelstahl in SAE 316L-Qualität und weiches Dura Skin als zusätzlicher Schutz das Smartphone bei harten Schlägen und Stürzen behüten“.

LG war leider nicht damit einverstanden, dass die Nehmerqualitäten des V10 genauer getestet werden. Dafür habe ich ausprobiert, wie gut das Smartphone austeilen kann. Hat man das V10 fest im Griff, machen es das hohe Gewicht und der Metallrahmen zu einem durchaus passablen Hilfsmittel für die Selbstverteidigung.

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Foto: Michael Leitner

Der Einsatz als improvisierter Wurfstern ist nicht zu empfehlen, da die Wirkung auf das Ziel hierbei geringer ist (und dann das 600 Euro teure Smartphone weg ist).

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Foto: Michael Leitner

Doppel-Display

Das Haupt-Display hat eine Diagonale von 5,7 Zoll und die Auflösung 2560 x 1440 Pixel, was 513ppi entspricht. Schärfe und Darstellung der Farben sind gut. Der einzige Kritikpunkt ist, dass es wirkt, als würde das Display tiefer unter dem Frontglas liegen, als bei anderen Smartphones. Dadurch ist das V10 anfälliger für Spiegelungen und Fingerschmierer sind deutlich sichtbar.

Das Zweit-Display hat 2,1 Zoll und eine Auflösung von 1040 x 160 Pixel. Es befindet sich rechts über dem Haupt-Display. Im Standby-Modus erfüllt das Mini-Display die Funktion der Benachrichtigungs-LED – theoretisch. Da das Display sehr dunkel und tiefer unter dem Glas sitzt als es sollte, ist es schwer den Inhalt zu erkennen, wenn man nicht präzise frontal darauf blickt. Liegt es am Schreibtisch links oder rechts neben der Tastatur, kann man kaum noch erkennen, welches Notification-Icon am Display zu sehen ist.

Die Helligkeit des Zweit-Displays ist nicht einstellbar. Links sind die Benachrichtigungs-Icons, rechts ein Symbol für das Wetter, das Datum in Englisch, Uhrzeit und das Akku-Icon. Alternativ kann statt Uhrzeit, Datum und Wetter eine „Signatur“, wie etwa der Name, angezeigt werden. Wischt man im Standby-Modus am Mini-Display nach links, erscheinen Shortcut-Icons für WLAN, Ton-Modus, Taschenlampe und Kamera. Die Shortcuts können nicht getauscht werden. Gibt man Musik wieder, kann durch ein Wischen nach links die Player-Steuerung mit Start/Pause, vor und zurück genutzt werden.

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Foto: Gregor Gruber

Noch mehr Shortcuts

Im normalen Smartphone-Betrieb ist das Zweit-Display eine erweiterte Status-Leiste. Sie zeigt etwa den Download-Fortschritt von Apps oder Dateien an, den man üblicherweise erst sieht, wenn man das Notification Center öffnet.

Durch Wischen wird durch die verschiedenen Funktionen des Zweit-Displays gewechselt, die auch deaktiviert werden können. Dazu gehört eine Shortcut-Leiste mit bis zu fünf Kontakten, um schnell SMS zu schicken oder Nachrichten zu verschicken. Messenger-Apps oder E-Mails werden nicht unterstützt. Dann gibt es noch eine Leiste mit Shortcuts zu den zuletzt verwendeten Apps, eine mit frei belegbaren Shortcuts, die Musiksteuerung und die Anzeige für den nächsten Termin im Kalender.

Im Testzeitraum habe ich die Funktionen des Zweit-Displays kaum genutzt. Mit einem Homescreen-Raster von 5 x 5 und der unteren Shortcut-Leiste für bis zu sieben Icons besteht kein Grund die oberen Shortcuts zu verwenden. Zudem ist es aufgrund der Größe des V10s bei der einhändigen Bedienung kaum möglich, dass obere Display mit dem Daumen zu erreichen, ohne das Gerät in der Hand zu verschieben. Am ehesten ist die Leiste mit den zuletzt verwendeten Apps sinnvoll, aber dafür gibt es bei Android ohnehin den Overview Screen/Recent Screen.

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Foto: Gregor Gruber

Fingerabdruck-Scanner

Die Standby-Taste an der Rückseite hat einen Fingerabdruck-Scanner integriert. Dieser ist weniger präzise als beim Nexus 5X und 6P, da die Scan-Fläche kleiner ist. Der aufgelegte Finger ist häufiger außerhalb des Scan-Bereichs als beim 5X und 6P. Im Tests wurden durchschnittlich 2 von 5 Entsperr-Versuche nicht akzeptiert. Das V10 muss erst durch Tap-On-Wake oder Drücken der Standby-Taste aufgeweckt werden, bevor der Fingerabdruck gescannt wird. Beim Nexus 5X und 6P reicht ein Auflegen des Fingers zum gleichzeitigen Aufwecken und Entsperren des Geräts.

Um die Frustration des Fingerprint-Entsperrens zu lindern, können mit „Smart Lock“ zusätzliche Kriterien zum Entsperren bestimmt werden. Dazu gehören die Bewegungserkennung (das V10 bleibt entsperrt, wenn es in der Hosentasche herumgetragen wird) oder dass das Smartphone an vertrauenswürdigen Orten entsperrt bleibt, wie etwa wenn man sich zuhause aufhält. Das Entsperren per Gesichtserkennung ist ebenfalls möglich, benötigte im Test aber meist bis zu zwei Sekunden. Außerdem muss das V10 im richtigen Abstand zum Gesicht gehalten werden, damit das funktioniert.

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Foto: Gregor Gruber

Soft- und Hardware

Das V10 verwendet Android 5.1.1 mit einer eigenen Benutzeroberfläche. Diese ist nicht störend, aber inkonsequent umgesetzt. In den Einstellungen und dem Notification Center sind die Icons rund. Im App Drawer sind die LG-App-Icons quadratisch, während sie im Zweit-Display abgerundete Ecken haben.

Mit Evernote, LG Health und LG SmartWorld ist angenehm wenig Bloatware vorinstalliert. Smart Cleaning soll bei Bedarf Speicherplatz freischaufeln, indem temporäre Dateien und länger nicht verwendete Apps gelöscht werden. LG Bulletin ist eine zusätzliche Ansicht neben dem Homescreen, ähnlich wie Samsungs Flipboard Briefing. Bulletin ist (zum Glück) standardmäßig deaktiviert.

Im Alltagseinsatz ist das LG V10 sehr flott unterwegs, dank 4 GB RAM. Als Prozessor wurde ein Snapdragon 808 verbaut. Die Geschwindigkeit passt zwar, aber dadurch schneidet das V10 in den Benchmarks schlechter als andere aktuelle Smartphones ab, die mit einer Snapdragon 810 CPU ausgestattet sind.

Benchmarks:
3D Mark Slingshot 3.1: 506
Quadrant Standard: 25782
Geekbench 3 Multicore: 3555
Vellamo Metal: 2285
Vellamo Multicore: 2312
AnTuTu: 57241

Das V10 hat einen 32 bit Hi-Fi Digital/Analog-Wandler verbaut, um HiRes-Audio-Dateien wiederzugeben. Der MicroSD-Slot unterstützt Karten mit bis zu 2 TB, so sollte man zumindest ein paar der Lieblings-Alben in HiRes auf dem V10 unterbringen können. Der 3.000-mAh-Akku kann vom Nutzer getauscht werden. Im Alltagseinsatz hält er ein bis eineinhalb Tage – etwas enttäuschend für ein Gerät dieser Größe und Gewichtsklasse.

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Foto: Gregor Gruber

Kamera

Wie schon beim LG G4 kommt eine 16-Megapixel-Kamera mit optischen Bildstabilisator, Laserfokus und Blende F1.8 zum Einsatz. Die Bilder sind sehr gut, auch im Dunkeln kann man (für ein Smartphone) noch gute Resultate erzielen. Der Autofokus ist schnell und präzise, die Farbwiedergabe meist akkurat. Bei Kunstlicht in Innenräumen werden einige Fotos gelbstichig, bei automatischem Weißabgleich.

Die Kamera-App ist vorbildlich. Im Simple-Modus werden alle Icons entfernt, ausgelöst wird durch das Tippen auf das Motiv am Display. Der Auto-Modus bietet etwas mehr Optionen, während im Manual-Modus ISO, Weißabgleich, Verschlusszeit und Fokus eingestellt oder auf Automatik gestellt werden können. Vorbildlich ist auch die Anzeige der Werte. So sieht man etwa wieviel Kelvin Farbtemperatur der automatische Weißabgleich gerade hat und welchen ISO-Wert das V10 vorschlägt. Die Fotos können zusätzlich im RAW-Format abgespeichert werden.

Auch für Videos gibt es einen Manual-Modus, mit Einstellungen für Verschluss, ISO, Weißabgleich, Fokus und die Tonaufnahme. Die Bitrate ist in drei Stufen justierbar. In FullHD sind 24, 30 und 60 fps möglich, in UHD 24 und 30 fps. In HD können Zeitlupen-Aufnahmen mit 120 fps erstellt werden. In den Videomodi ist ein zusätzlicher Bildstabilisator-Modus wählbar. Dieser leistet gute Arbeit, aber für die zusätzliche Stabilisierung wird Software-seitig der Blickwinkel der Kamera enger gemacht.

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Foto: Gregor Gruber

Doppel-Selfie

Beide Frontkameras haben fünf Megapixel. Der Unterschied liegt im Kamerawinkel. Eine hat ein Blickfeld von 80 Grad, die andere 120 Grad. Macht man alleine oder zu zweit ein Selfie, wird die 80-Grad-Linse verwendet. Ist die Gruppe größer oder will man mehr Hintergrund einfangen, wählt man die 120-Grad-Linse in der Kamera-App aus.

Die Logik dahinter ist zwar nachvollziehbar, allerdings hätte die 120-Grad-Linse gereicht. Einfach eine Funktion in der App dazu, die digital den Ausschnitt reduziert und schon hätte LG auf die 80-Grad-Linse verzichten können.

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Foto: Gregor Gruber

Fazit

Das V10 wirkt wie ein Experiment: LG stopft so viele neue Gimmicks wie möglich in ein Smartphone um zu sehen, welche Funktionen bei den Usern gut ankommen. Es ist dennoch ein gutes Gerät, aber einige Features wirken dem V10 aufgezwungen und sind eigentlich unnötig.

Hauptkamera und Geschwindigkeit sind sehr gut und Audiophile werden den HiRes-Support begrüßen. Am Fingerabdruck-Scanner muss noch gearbeitet werden, das Zweit-Display ist ein schlechter Ersatz für eine Benachrichtigungs-LED und zwei Selfie-Linsen sind eine zu viel.

Immerhin ist das V10 mit einem UVP von 599 Euro günstiger als etwa das Huawei Nexus 6P (650 Euro UVP), Sony Z5 Premium (800 Euro UVP) und Samsung S6 Edge+ (700 Euro).

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers

(futurezone) Erstellt am 08.02.2016, 06:00

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