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Durchleuchtet Xbox Kinect: Totale Kontrolle ohne Ausweg.

Foto: Benjamin Sterbenz
Während Datenschützer noch über die Gefahren der Datenbrille Google Glass diskutieren, ist schon die nächste Überwachungstechnik im Anmarsch. Das neue Kinect, das mit Xbox One ab Herbst ausgeliefert wird, übertrifft in punkto Sensorik und Datenerfassung alle bisherige Wohnzimmer-Technik. Im positiven, wie auch negativen Sinn.

"Xbox, go home!" Dieser Sprachbefehl, der zur Startansicht im Menü der neuen Xbox One führt, könnte schon bald zum Schlachtruf von Datenschützern und Spielern werden. Übersetzt auf Österreichisch heißt das dann: "Xbox, schleich dich!" Denn wie keine andere Spielkonsole und Unterhaltungselektronik zuvor, kontrolliert und überwacht Xbox One seine Besitzer. Das Bedenkliche daran: Wer sich für eine Xbox One entscheidet, hat keine Möglichkeit der totalen Kontrolle zu entgehen.

Intelligente Sensorleiste
Der Grund für die Aufregung ist neben dem Protokollieren des TV-Verhaltens das Zubehör Kinect, das schon für das Vorgänger-Modell Xbox360 als Option angeboten wurde. Für Xbox One wurde es nun verbessert und tiefer in das System integriert. Dabei handelt es sich um eine kleine Box mit diversen Sensoren, Mikrofonen und Kameras, die über oder unter dem TV-Schirm platziert wird. Diese Technik soll ermöglichen, dass der Spieler mit Körperbewegungen, Gesten und seiner Stimme das Gerät sowie Spiele natürlich und bequem steuern kann.

Festhalten am Flop
Für rund ein Drittel der 75 Millionen verkauften Xbox360 wurde solch ein Kinect-Modul verkauft. Wie viele von den 25 Millionen Sensorleisten tatsächlich im Einsatz sind, gibt Microsoft nicht bekannt. Nach dem anfänglichen Hype rund um Bewegungssteuerung und der Ernüchterung danach dürften viele Kinects verstauben. So schätzt etwa VGChartz, dass der Kinect-Bestseller „Kinect Star Wars" sich weltweit lediglich 1,3 Millionen Mal verkauft hat. Was in etwa fünf Prozent aller Kinect-Besitzer entspricht.

Xbox One
Foto: Benjamin Sterbenz

Aufgezwungenes Zubehör
Die Idee von Kinect liest sich am Papier spannender als es sich dann in der Praxis spielt. Und obwohl es aktuell nur ein Bruchteil der Xbox360-Besitzer nutzt, macht es Microsoft in der nächsten Generation verpflichtend. „Kinect 2.0 ist ein zentraler Bestandteil von Xbox One. Jede Konsole wird damit ausgeliefert", sagt der oberste Hardware-Verantwortliche, Todd Holmdahl, zur futurezone. Die Integration geht sogar soweit, dass die Sensorleiste an der Konsole angeschlossen sein muss, damit diese überhaupt startet. „Ohne Kinect kann man die Xbox One nicht aufdrehen", sagt Holmdahl.

Aufgebohrte Eigenentwicklung
Microsoft ist sichtlich stolz auf die verbesserte Kinect-Hardware und will sie mit aller Gewalt in die Wohnzimmer bringen. Mit gutem Grund, denn die Technik dahinter ist zweifellos beeindruckend und konkurrenzlos. Basierte die erste Kinect noch auf Sensoren und Know-how der israelischen Firma PrimeSense, ist die neue Version zur Gänze eine Eigenentwicklung.

Xbox hört mit
In der Leiste steckt nun eine Kamera, die Videos und Bilder in FullHD aufnimmt. Die Linse wurde mit einem Weitwinkel-Objektiv bestückt, das eine zweimal größere Fläche erfasst. Hinzu kommt – und hier liegt das Besondere – eine Nachtsicht-Funktion, die selbst in komplett abgedunkelten Räumen alles im Raum sieht sowie Infrarot-Sensoren, die den Raum abtasten und eruieren, wo welche Personen im Raum stehen. Schließlich sind noch vier Mikrofone verbaut, die sich auf Stimmen ausrichten und Personen verfolgen können. Die Mikrofone sind immer – auch im Standby-Modus – aktiv und horchen mit. Laut Microsoft scannt das Gerät in diesem Zustand jedoch ausschließlich nach dem Kommando „Xbox On" und protokolliert keine anderen Audio-Signale.

Modernste Überwachungstechnik
Dieser detaillierte Datenstrom, der pro Sekunden 2 GBit an Video- und Audiodaten zwischen Xbox One und Kinect überträgt, wird von einer Software auf intelligente Weise verarbeitet und zeigt, was in Sachen Überwachungstechnik schon heute alles möglich ist. Kinect kann problemlos sechs Leute anhand ihres Gesichts in Sekundenbruchteilen erkennen und verfolgen. Das hochauflösende Scannen des Körpers geht soweit, dass anhand der Mimik erkannt wird, in welcher Stimmung man ist. Mehr noch, kann mittels der Blutzirkulation im Gesicht festgestellt werden, wie hoch die Herzfrequenz ist. So weiß Kinect, ob man gerade gestresst ist oder sich fürchtet.

Mitfühlend
Diese präzise und noch nie dagewesene Perma-Überwachung des Spielers soll vordergründig für neue Spielkonzepte sorgen, aber auch die Fernbedienung durch Gesten und gesprochene Befehle ersetzen. Damit dies jedoch funktioniert und natürlich wirkt, müssen die Sensoren kontinuierlich den Raum scannen. Wie Microsoft selbst bestätigt, horcht Xbox One und dessen Kinect auch im Stand-by das Wohnzimmer ab, um auf Befehle des Nutzers schnell reagieren zu können.

Xbox One Kinect
Foto: Benjamin Sterbenz

Big Brother spielt mit
„Es sind die Augen und Ohren der Xbox One", sagt ein Microsoft-Manager während der Vorstellung der Konsole. Was gut gemeint war, hat einen fahlen Beigeschmack und weckt Assoziationen mit Orwells Big Brother. Denn wer eine Xbox One kauft, ersteht auch eine topmoderne Überwachungs- und Biometrie-Lösung, die nicht deaktiviert werden kann. Wer sie boykotiert, kann Xbox One gar nicht nützen. Anstatt einen Betrieb ohne Kinect zu gestatten, will Microsoft die Datenschutz- und Spionage-Problematik über Menüeinstellungen lösen. So soll es Modi geben, in denen die Kamera definitiv abgeschaltet ist – wobei man hier natürlich Microsoft vertrauen muss.

Um Datenschutz bemüht
„Wir sind mit staatlichen Behörden und auch der EU in Kontakt und adressieren diese Themen", sagt Europa-Chef Chris Lewis zur futurezone. Man wisse, dass Datenschutz in Europa sehr ernst genommen wird und strebe Transparenz an. Man pflege seit Jahren einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Was genau damit gemeint ist, bleibt offen. Der Manager vertröstet auf spätere Ankündigungen. Ob, wie etwa bei Facebook, die Überwachung grundsätzlich vollständig aktiviert ist und sich der Nutzer aktiv dagegen entscheiden muss ist ebenso unklar wie der Detailgrad der Einstellungsregelung sowie die Verwendung und Speicherung der erfassten Daten.

Daten auf Servern ausgelagert
Als sicher gilt, dass zumindest die erfassten Sprachbefehle an Server im Internet ausgelagert werden. So wie bei Apples Siri, Googles Voice und bei Spracherkennungs-Marktführer Nuance werden nur die grundlegenden Befehle direkt am Gerät erkannt. Komplexe Anfragen werden immer mit Rechenzentren im Internet abgeglichen. Laut Nuance-Manager Peter Mahoney, den die futurezone Anfang des Jahres interviewt hat , versucht man verstärkt die Sprachdaten mit kontextuellen Informationen, etwa aus sozialen Netzwerken und mittels Sensoren in Smartphones, zu verknüpfen. Nur so können längere Sätze zügig verstanden werden.

Microsoft selbst will mit Xbox One zudem auch sein eigenes Cloud-Service Azure forcieren. Spiele-Entwicklern wird angeboten, intensivere Rechenaufgaben auf diese Rechenzentren auszulagern. Dies ist ein Grund, warum Xbox One verpflichtend einen Internet-Anschluss braucht, um sich zumindest einmal pro Tag mit den Servern abzugleichen.

Lauschangriff im Silbertablett
Zu Bedenken ist hierbei: Alle Daten, die Microsoft auf seinen Servern speichert, müssen bei Anfrage bestimmter US-Behörden und Geheimdienste diesen zur Verfügung gestellt werden. Auch wenn die Daten auf Servern in Europa lagern. Das passiert bereits und wird – verfolgt man die aktuellen Diskussionen zu Online-Durchsuchungen und Cyberabwehr – in Zukunft deutlich öfter vorfallen. Rein technisch wäre es außerdem kein Problem, aus der Ferne ohne Wissen des Nutzers und mit Einwilligung von Microsoft die Kamera und Mikrofone in Kinect zu aktivieren, um einen Lauschangriff zu starten. Solch ein klandestines Manöver wird es in der Praxis natürlich nicht geben. Die Tatsache, dass es technisch machbar ist, bleibt aber bestehen.

Datenschatz wächst an
Soll Kinect für Spieler ein bequemes Steuerungswerkzeug sein, ist es für Microsoft vor allem eine Methode, um an hochwertige Nutzungsdaten und Statistiken zu kommen. Schon jetzt weiß der Konzern anhand von 46 Millionen vernetzten Xbox360-Konsolen einiges über das Verhalten der Nutzer. Wer was wie lange spielt ist sowieso bekannt, anhand der Masse an Daten lassen sich aber auch größere Trends ablesen. So verzeichnete Microsoft vergangenen Donnerstag beispielsweise einen markanten Einbruch bei der Nutzung seiner Online-Services. Der Grund: Viele Xbox-Nutzer in den USA besuchten die Premiere des neuen Star-Trek-Films.

Xbox One Kinect
Foto: Benjamin Sterbenz

Tiefe Einblicke in fremde Wohnzimmer
Mit dem neuen Kinect werden diese Daten noch ausführlicher, was Microsoft tiefere Einblicke und bessere Erkenntnisse für Marketing gewährt. Im Gegensatz zu Google und Facebook werden Daten aus dem Innersten und Intimsten erfasst: dem Wohn-, Kinder- oder Schlafzimmer. Ein Ort, zu dem bis dato weder Google noch Facebook Zutritt haben.

Während Google bei der Analyse des Surf-Verhaltens dominiert und gut einschätzen kann, was Leute im Internet interessiert, ist der TV-Sektor noch nicht besetzt. Google versucht zwar seit Jahren in dieses Segment vorzudringen, scheiterte bis dato. Auch Flat-TV-Hersteller drängen in den Markt und bieten verstärkt „SmartTVs" an, die basierend auf Nutzungsanalyse mit personalisiertem Fernsehen werben. Auch diese Versuche kommen nicht so recht vom Fleck.

Technisch konkurrenzlos
Hinzu kommt, dass weder GoogleTV (und selbst das heiß diskutierte Google Glass) noch SmartTVs über jene technischen Möglichkeiten verfügen, die Kinect eingebaut hat. Rein technisch kann Microsoft mit Xbox One und Kinect nicht nur erfassen, wer wann wie lange welche TV-Sendung sieht, sondern auch aufzeichnen, wie darauf reagiert wird. Microsofts Lösung weiß wie viele Leute ein Programm sehen, ob sie dieses aufmerksam verfolgen oder nebenbei etwas anderes machen. Kinect weiß auch, ob man sich dabei amüsiert und lacht oder sich bei einem Thriller fürchtet.

Die perfekte Show
So könnten Hollywood-Produzenten etwa erfahren, wie Zuseher auf gewisse Handlungsstränge, Wendungen und Schauspieler reagieren. Dadurch ließen sich erfolgreichere Produktionen erstellen oder bestehende Sendungen schneller adaptieren. Solche kühle Mathematik hat bereits Netflix bei der Eigenproduktion „House of Cards" Erfolg beschert. Der Besetzung und Handlung liegt tiefgehende Markt- und Datenanalyse zu Grunde. Die Erkenntnisse aus der Kinect-Überwachung könnte Microsoft in Zukunft Vorteile verschaffen, sollte der Konzern so wie Amazon in die TV-Produktion einsteigen.

Das Geschäft mit der Werbung
Dies ist jedoch ein eher unwahrscheinliches Szenario. Die Analysen des Nutzungsverhaltens machen bei Werbespots viel mehr Sinn und generieren Daten, an denen Werbetreibende großes Interesse haben. In weiterer Folge könnten über den Umweg Xbox One dann personalisierte Werbung ins Live-TV eingespeist werden.

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(futurezone) Erstellt am 23.05.2013, 06:00

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