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Bioterror Grippeforschung: Zensiert und unter Verschluss.

Foto: APA
Das US-Gremium für Biosicherheit begründet nun erstmals offiziell, warum zwei kontroversielle Paper über Vogelgrippe besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten: die Gefahr, Bioterroristen einen Bauplan zum Supervirus zu liefern, sei zu groß.

Ron Fouchier öffnete die Box der Pandora und es fiel ihm zuerst gar nicht auf. Dass seine neuesten Forschungsergebnisse zur Ansteckungsgefahr genetisch veränderter Vogelgrippeviren Aufsehen erregen würden, damit hatte der holländische Virologe vom Erasmus Medical Center in Rotterdam gerechnet. Dass das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) dem Wissenschaftsjournal Nature von einer Veröffentlichung des Papers abraten und ein Mediensturm über Fouchier hereinbrechen würde, kam dann doch überraschend. Neu war das Vorgehen auch für das NSABB, das zum US-Gesundheitsministerium zählt. Zum ersten Mal mischte sich der Rat derart deutlich bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung ein. Die in Nature abgedruckte Begründung: „Wir schätzen das Risiko einer Gefahr für die Öffentlichkeit als ungewöhnlich hoch ein.“

Tödliches H5N1
Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation sind seit 2003 578 Fälle von Vogelgrippe bei Menschen dokumentiert, ein Großteil der Fälle in Ägypten, Indonesien und Vietnam. Sechs von zehn Personen überleben die Infektion mit H5N1 nicht. Der Virus überträgt sich nicht von Mensch zu Mensch, doch Grippeviren mutieren, und Pandemie-Szenarien eines hochansteckenden Vogelgrippevirus heizen nicht nur die Fantasie von Filmemachern an. „Es ist äußert wichtig herauszufinden, ob diese Viren übertragbar werden können“, schreibt der Virologe Yoshihiro Kawaoka von der Universität Tokio und der University of Wisconsin-Madison in einer Stellungnahme im Magazin Science. Auch Kawaoka und sein Team untersuchen die Ansteckungsgefahr einer Vogelgrippevariante, auch bei ihm rät das Gremium für Biosicherheit von der vollständigen Veröffentlichung des für Science gedachten Papers ab.

Vogelgrippevirus mit Schweinegrippe-Gen
Um der Ansteckungsgefahr eines mutierten Virus auf den Grund zu gehen, kombinierten Kawaoka und sein Team den Schweinegrippevirus von 2009, H1N1, mit dem H5-Gen des Vogelgrippevirus. Bisher ging man davon aus, dass sich Viren mit einem sogenannten H5 HA-Protein unter Säugetieren nicht verbreiten würden. Herauskam bei Kawaoka der Virus H5 HA/2009, der sich bei Frettchen über mehrere Käfige hinweg mittels Tröpfcheninfektion ausbreitete.

Die gute Nachricht: Kawaokas Virus war für die Tiere kaum gefährlich. Die schlechte Nachricht: Der Virus von Fouchiers Team benötigte zwar ein einige Mutationen, war danach aber ebenso ansteckend wie Kawaokas Variante und gleichzeitig für die Frettchen tödlich. Nach einem Bericht des Magazins New Scientist hält es Fouchier für möglich, dass womöglich nur fünf Mutationen notwendig seien, damit sich der Erreger über die Luft ausbreitet.

Pandemie-Vorsichtsmaßnahmen
Das Gremium für Biosicherheit argumentiert, dass die beiden Paper ein Präzedenzfall seien. Bis dato wären Forschungsergebnisse weder so konkret gewesen, noch hätte die Missbrauchgefahr so deutlich den Nutzen überwogen. „Jetzt sind wir mit einem bedeutenden Praxisbeispiel konfrontiert“, so der Wortlaut der NSABB-Erklärung. Sollte sich eine ähnlich ansteckende und gefährliche H5N1-Mutation über die Luft verbreiten, könnte es zu einer „Epidemie signifikanten Ausmaßes kommen“.

Die einstimmige Empfehlung lautet, die Ergebnisse nicht vollständig zu veröffentlichen. Details sollen nach derzeitigen Überlegungen nur bestimmten Wissenschaftern zugänglich gemacht werden - einen Vorschlag, den einige Experten für unrealistisch und weitgehend nutzlos halten. Demnach sei es kaum möglich, solche Erkenntnisse innerhalb einer Wissenschaftscommunity geheim zu halten. Unklar ist auch, welche Stelle nach welchem Verfahren Berechtigte auswählen soll. Ebenso ist unklar, wie sicher sich die Forschungsergebnisse in Zeiten zunehmender Hackerangriffe tatsächlich verwahren ließen.

Überzogene Reaktion?
Fouchier deutet in einem Gespräch mit Science Insider an, dass sich Bürokratie, die sich auf diesem Weg einschleicht, der Forschung mehr schaden als nützen könnte. Was, wenn sein Forschungspartner in Indonesien plötzlich nicht mehr auf die gemeinsamen Forschungsergebnisse zugreifen darf? Am 20. Jänner erklärte sich Fouchier gemeinsam mit 38 Grippewissenschaftern bereit, weitere Versuche zum Thema für zwei Monate auszusetzen. Die Entscheidung zur Forschungspause sei ihm unter anderem von seinen Geldgebern, den National Institutes of Health, nahegelegt worden.

Die Reaktion der NSABB hält Fouchier für überzogen. Bioterroristen könnten den Virus nicht einfach nachbauen. „Es ist zu kompliziert, dazu braucht man viel Expertise. Und Schurkenstaaten, die die Mittel dazu haben, benötigen unsere Informationen nicht.“ Auch Kawaoka will das Argument des Bioterrors nicht gelten lassen: „Hinweise, wie man einen übertragbaren Virus mit H5 HA herstellt, sind längst zur Genüge und öffentlich verfügbar”, ist er überzeugt.

Eine Entscheidung über das weitere Vorgehen wird für Ende Februar erwartet.

(futurezone/Alexandra Riegler) Erstellt am 09.02.2012, 06:00

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