14.12.2018

Schluss mit der Feigheit!

© Bild: APA/AFP/dpa/PATRICK PLEUL

Wo sind die großen technischen Visionen hin? Wir sind zu einer Angsthasen-Gesellschaft geworden, die Fortschritt als etwas Bedrohliches sieht.

Es war ein gewagter Plan: Man beschloss, eine riesige Rakete zu bauen, die Menschen zum Mond bringt, in einer engen Kapsel, montiert auf einem gewaltigen Tank mit explosivem Treibstoff, ummantelt von neuartigen, hitzebeständigen Materialien, die damals noch gar nicht erfunden waren. Niemand wusste, ob das tatsächlich machbar war, aber John F. Kennedy verkündete, dass noch vor Ende des Jahrzehnts ein Mensch den Mond betreten würde. Das war 1961. Im Juli 1969 kletterte Neil Armstrong aus der Landungskapsel und hinterließ als erstes Lebewesen unseres Planeten einen Fußabdruck auf einem fremden Himmelskörper.

Damals war man vom technischen Fortschritt fest überzeugt. In bunten Kinderbüchern wurden Fantasiebilder über das Leben in der Zukunft abgedruckt: Im einundzwanzigsten Jahrhundert, so dachte man, würden wir in einer hochtechnisierten Welt leben, mit fliegenden Autos, Roboter-Butlern und Weltraumstädten. Natürlich hält sich die Wirklichkeit dann nie an solche gewagten Prognosen. Statt fliegender Autos bekamen wir das Internet. Aber warum haben wir den technologischen Optimismus verloren, der damals selbstverständlich war? Was sind heute die großen Zukunftsvisionen, von denen wir träumen? Wir haben keine mehr.

Feigheit als gesellschaftlicher Konsens

Wir sind zur einer Gesellschaft von Fortschritts-Angsthasen geworden. Wollen wir zum Mars fliegen? Lieber nicht – wer weiß, was das kostet! Wollen wir neue Kraftwerkstypen entwickeln? Lieber nicht – das könnte gefährlich sein. Wollen wir zeitgemäße, umweltfreundliche Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Europas Hauptstädten? Nicht wirklich – irgendwelche lokalen Bürgerinitiativen entlang der Strecke würden sicher dagegen protestieren.

Technischen Fortschritt gönnen wir uns lieber in kleinem Maßstab: Wenn ein neues Smartphone auf den Markt kommt, dann freuen wir uns und lesen im Internet nach, was es jetzt eigentlich besser kann als das alte – denn alleine würden wir den Unterschied gar nicht bemerken. Wir wünschen uns ein neues Auto, das noch einmal um zehn Zentimeter mehr Platz bietet. Und der neue Bildschirm hat jetzt einen noch etwas besseren Schwarzwert. Hurra!

Die Schattenseiten des Fortschritts

Man glaubt der Technik heute nicht mehr so einfach, dass sie die Welt besser machen kann. Schließlich wurden wir immer wieder von unangenehmen Nebenwirkungen technischer Entwicklungen enttäuscht: Man versprach uns Mobilität, doch mit dem Auto kamen Klimawandel und Feinstaub. Man versprach uns effizientere Landwirtschaft, doch mit den Düngemitteln kam das Nitrat ins Grundwasser. Wer weiß, welche neuen Probleme plötzlich davongaloppieren, wenn wir den Fortschritt nicht ein bisschen zügeln!

So haben wir uns angewöhnt, zuallererst immer das Schlechte zu sehen: Wenn Gentherapien entwickelt werden, dann denken wir an unkontrollierbare genetische Schäden und die Zombie-Apokalypse. Wenn wir „künstliche Intelligenz“ hören, dann denken wir an Arbeitsplatzverlust und die Herrschaft der Roboter. Wenn jemand Botschaften an außerirdische Zivilisationen ins All sendet, dann halten andere das für gefährlich, weil es die Aufmerksamkeit bösartiger Aliens auf uns lenken könnte.

Wer so denkt, vergisst aber eines: Die großen Probleme, vor denen wir uns fürchten, lösen wir nicht durch weniger Technik und Wissenschaft, sondern mit mehr davon. Wir brauchen technischen Fortschritt, um unsere Umwelt zu sanieren. Wir brauchen technischen Fortschritt, um mehrere Milliarden Menschen auf diesem Planeten zu ernähren und allen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Wir brauchen technischen Fortschritt, um mit Menschen auf der anderen Seite des Erdballs zu reden, sie zu verstehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, sodass wir uns vielleicht eines Tages doch als menschliche Gemeinschaft begreifen, die ihre Probleme nur vereint lösen kann.

Mehr verrückte Ideen!

Und darum wünsche ich mir: Fangen wir wieder an mit den großen Visionen! Ambitionierte Firmen wie SpaceX sind ein Anfang, aber noch lange nicht genug. Trauen wir uns doch, wie in den Sechzigerjahren, von großen Dingen zu träumen, die ein bisschen Science-fiction-artiges Kribbeln über den Rücken laufen lassen.

Erforschen wir den Weltraum! Besiedeln wir fremde Planeten! Lasst uns doch endlich herausfinden, was diese seltsame dunkle Materie ist und was man mit ihr anfangen kann! Errichten wir ein nachhaltiges Energiesystem! Entwickeln wir Maschinen, mit denen man die CO2-Konzentration in der Atmosphäre regulieren kann! Bauen wir künstliche Arme und Beine, die sich besser bewegen lassen als die natürlichen! Heilen wir diese ärgerlichen Krankheiten, die uns heute immer noch umbringen!

Wird uns das alles gelingen? Vermutlich nicht. Aber ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der man endlich mal wieder wagt, auf das Unrealistische zu hoffen. Leute, die uns mit erhobenem Zeigefinger erklären, warum das alles nicht funktioniert, eventuell schädlich, unanständig oder zumindest viel zu teuer ist, hatten wir in den letzten Jahrzehnten genug.

Der Autor

© Bild: Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

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