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29.01.2017

Dusk: Anonymer Video-Chat für Hobby-Whistleblower

In Zeiten von NSA, Trump und Online-Shaming fürchten immer mehr Menschen um das Recht auf freie Meinungsäußerung. Mit Dusk soll genau das gefahrlos möglich sein.

Ob USA oder Türkei, das Recht auf freie Meinungsäußerung ist auch im Jahr 2017 in vielen Ländern gefährdet. Von Twitter-Verboten durch die Trump Administration bis zu Inhaftierungen von Regierungskritikern in der Türkei, in vielen Ländern ist es mittlerweile gefährlich seine Meinung kundtun oder Missstände anzuprangern. Menschen sprechen aber auch oft nicht über Themen wie Beziehung, Depression oder persönliche Probleme, weil sie Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren.

Dusk in Bildern

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Die Ende vergangenen Jahres erschienene App Dusk möchte diesen Menschen helfen, sich frei von Furcht um Freiheit oder gar Leben äußeren zu können. Im Gegensatz zu Twitter oder Facebook handelt es sich bei Dusk aber nicht um eine textbasierte Plattform. Die App setzt auf Livestreaming mit Bild und Ton, ohne dabei zu viel von seinen Nutzern preiszugeben.

Registrierung light

Der erste Start der App wirft sofort Fragen auf: Auf einem ansprechend gestalteten Screen bekomme ich die Optionen „Login“ oder „Sign Up“ zu sehen. Registrieren und gleichzeitig anonym bleiben wird wohl kaum möglich sein. Nach dem Tippen auf „Sign Up“ fragt Dusk erstmal die benötigten Zugriffsrechte ab. Sowohl für Mikrofon als auch Kamera werden Rechte benötigt, um Livestreaming zu ermöglichen.

Um dem Nutzer seine Angst vor einer möglichen Datenkracke zu nehmen, versichert Dusk, dass keinerlei private Daten gesammelt werden. Hat man der App erstmal die gewünschten Rechte zugesichert, wird die Funktionsweise kurz vorgeführt. Wir schließen aber zuerst den Registrierungsprozess ab.

Um die Anmeldung zu komplettieren, fordert Dus“ noch zur Wahl eines Nutzernamens sowie eines PINs auf. Während der Username dann fortwährend als Online-Identifikation dient, verhindert die PIN den unbefugten Zugriff auf den Account sowie auf die App selbst.

Vierstelliger PIN

Kritisch anzumerken ist hier, dass der PIN, wohl zur Erleichterung des Handling, nur vierstellig sein kann und somit nicht unbedingt den Sicherheitsstandards eines Whistleblowers á la Edward Snowden entspricht. Da aber nicht mehr als ein Nutzername für Dusk benötigt wird, ist das Risiko des Datenverlustes im Falle eines Hacks nicht wirklich gegeben.

Nachdem ich die quälende Wahl nach dem perfekten Benutzernamen abgeschlossen habe, ist die App einsatzbereit. Dusk wünscht sich jetzt noch, dass wir etwaige Informationen über uns preisgeben, wie viel ist aber jedem Nutzer selbst überlassen.

Anonym mit einem Hauch Nähe

Hat man sich durch den relativen kurzen Anmeldeprozess geschlängelt, ist die App einsatzbereit. Um den Einstieg zu erleichtern, stellt Dusk seine Top-Broadcaster vor, welchen nach dem Prinzip von Twitter bzw. Persicope gefolgt werden kann.

Wer aber nicht nur zuschauen, sondern seine Meinung auch kundtun möchte, kann sofort loslegen. Einmal auf den Videobutton gedrückt, versichert Dusk noch einmal eindringlich, dass weder Daten gespeichert werden noch irgendwelche nicht-anonymisierten Inhalte weiterzugeben.

Themen

Um eine gewisse Ordnung in den Meinungsaustausch zu bringen bittet die App um die Auswahl eines Themas, das am besten zum eigenen Inhalt passt. Dabei stehen neun Kategorien zur Auswahl, die von „Geständnisse“, über „Religion“ bis hin zum Klassiker „Politik“ reichen.

Will man den eigenen Stream starten, muss man nur noch einen Titel auswählen und kann losplaudern. Hier stieß ich im Test jedoch auf ein lästiges Problem. Denn sowohl über das heimische Schnecken-DSL mit 8 Mbit/s als auch über Mobilfunk LTE mit 50 Mbit/s wollte mein Stream aufgrund einer „zu langsamen Internetverbindung“ partout nicht starten.

Kachelvideo und Piepsstimme

Da Whistleblower oft wohl kaum eine Glasfaserleitung zur Verfügung haben wird, mutet diese Fehlermeldung etwas kurios an. Im Test ließ sich aber leider nicht herausfinden, welche Datenrate Dusk benötigt. Manchmal wollte die App sofort streamen, manchmal verweigerte sie komplett den Dienst. Dass besonders große Datenmengen übertragen werden, ist aber zumindest zu bezweifeln.

Die Videos von Dusk werden anonymisiert, indem das Livevideo verpixelt, also in Kachel-Optik übertragen wird. Auch die Stimme wird verfremdet. Da laut App sowohl die akustische als auch visuelle Verfremdung bereits am Gerät stattfinden soll, dürfte die zu übertragende Menge an Daten nicht besonders groß sein.

Ähnlich wie bei Periscope können sich Zuhörer bzw. –seher per Kommentarfunktion einbringen und die Diskussion anregen. Da die Kommentare aber nicht durchgehend eingeblendet werden, verfallen viele Streamer oft in einen Monolog.

Weiß man gerade nicht, worüber man reden könnte, bietet Dusk einen eigenen Button, der die neuesten Tweets von News-Seiten wie Techcrunch, CNN oder Fox News in einer kompakten Übersicht zeigt.

Herzschmerz und Veganer

Sieht man sich die Liste der momentan laufenden Streams und vergangen Aufzeichnungen an, sucht man bisher eher vergeblich nach besonders kontroversen Themen. Ein Großteil der Übertragen ist entweder in Russisch gehalten oder handelt von kaputten Beziehung und Herzschmerz.

Selbst über „Being a vegan“ muss man heute wohl in Hinterzimmern sprechen. Nur vereinzelt finden sich tatsächlich heiße Themen wie „Trump“ oder Diskussionen zu politischer Verfolgung.

Was Datenschutz und Missbrauch angeht, hält sich Dusk einigermaßen zurück. So merkt der Anbieter in seine FAQs an, dass es zwar einen Abuse-Mechanismus gibt, falls man beleidigt wird oder Pornografie über den Dienst verbreitet wird. Gleichzeitig merken die Betreiber von Dusk aber auch an, dass Beleidigung und Pornografie bei einem anonymen Dienst, der seine Streamer noch dazu verfremdet, eigentlich kein Problem darstellen sollte.

Fazit

Dusk überzeugt mit einem ansprechenden Design und einfacher Handhabung. Die Anonymisierung ist gut gemacht und verleiht trotz Verfremdung einen persönlicheren Touch. Wohl auch aufgrund des geringen Bekanntheitsgrades finden sich aber leider nur sehr wenige wirklich brisante Themen.

Dass echte Whistleblower oder politisch verfolgte Personen tatsächlich diesen Weg der Kommunikation wählen, erscheint zumindest vorerst sehr unwahrscheinlich. Für ein paar Streitgespräche, eine nette Plauderei oder den Hobby-(Pseudo)-Whistleblower reicht die App aber allemal und verleiht Livestreaming mit seinen Funktionen einen besonderen Touch.

Die App ist für iOS und tvOS verfügbar.