© REUTERS/RALPH ORLOWSKI

B2B
11/27/2015

Banken entdecken ihren Datenschatz

Deutsche Geldhäuser bringen ihre IT- und Analyse-Systeme auf Vordermann. Konsumentenschützer beäugen die Datenlust der Banken kritisch.

Die Banken sitzen auf einem wertvollen Schatz: den Daten ihrer Kunden. Doch während Google und Facebook damit Milliarden verdienen, nutzen Geldhäuser bisher allenfalls einen Bruchteil der Möglichkeiten, die sich dadurch für sie ergeben. Einige Großbanken wollen das jedoch ändern. Sie heuern Spezialisten an, um ihre IT- und Analyse-Systeme auf Vordermann zu bringen. Institute können schließlich erkennen, welche Produkte ihre Kunden kaufen, wo sie Urlaub machen und ob sie dafür vielleicht einen Kredit benötigen. Solche Informationen zu nutzen, sei für Geldhäuser überlebenswichtig, sagt Wirtschaftsinformatik-Professor Norbert Gronau. „Die Banken könnten der Bergbau des 21. Jahrhunderts werden, wenn sie auf neue Trends wie Big Data nicht zügig reagieren.“

„Die Möglichkeiten, Daten über Internetkommunikation, Branchen, Märkte und das Kundenverhalten auszuwerten, sind in den vergangen Jahren deutlich gestiegen.“ Dass viele Institute das bisher kaum tun, liege vor allem an fehlender Expertise und zu wenig Ressourcen, fand Gronau in einer Studie heraus.

Chief Data Officer bei der Deutschen Bank

Doch die Branche beginnt umzudenken. Die Deutsche Bank hat in diesem Jahr erstmals in ihrer Geschichte den Posten des Chief Data Officers geschaffen. Übernommen hat den Job der Inder JP Rangaswami, der zuvor unter anderem für das US-Softwarehaus Salesforce.com arbeitete. Bei Deutschlands größtem Geldhaus will der 58-jährige Technologie-Guru die Systeme verbessern, damit auch sogenannte Metadaten einheitlich erhoben und analysiert werden können.

„Der Kunde gibt uns viele Signale durch das, was er tut“, sagt Rangaswami. „Wann und wie loggt er sich (ins Online-Banking) ein? Welche Produkte und Services nutzt er? Und wann und wo macht er das?“ Wer diese Daten hat und auswertet, kann Muster erkennen. Mit einer Analyse-Software sehe eine Bank etwa, wenn Probleme immer zur gleichen Zeit oder in einer bestimmten Region aufträten, erklärt Rangaswami. Darauf könne sie dann reagieren und Ärgernisse schneller aus der Welt schaffen als bisher. „Außerdem können wir dank der Informationen den Kunden besser verstehen und ihm maßgeschneiderte Angebote machen.“

Zusammenarbeit mit FinTechs

Eine funktionierende IT-Plattform sei auch die Voraussetzung, um mit Startups aus der Finanz- und Technologiebrache (FinTechs) zu kooperieren, sagt Rangaswami. „Wir müssen eine gute digitale Infrastruktur schaffen und unserem Kunden dann die Wahl lassen, welche Produkte und Services er nutzen will.“ Bei der Zusammenarbeit mit FinTechs müssten Finanzinstitute allerdings aufpassen, dass sie Informationen über ihre Kunden ausreichend schützten, sagt Rangaswami. Sie könnten Daten beispielsweise anonymisieren und vertrauliche Dinge ganz zurückhalten.

Konsumentenschützer kritisch

Verbraucherschützer beäugen die neue Daten-Lust der Banken kritisch. „Noch hat kein Unternehmen auch nur ansatzweise dargelegt, dass es mit noch mehr Daten bedarfsgerechte Produkte anbieten wird“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er sieht die Gefahr, dass Geldhäuser und FinTechs der „Datenkrake Google“ nacheifern und Informationen aus Profitinteresse an Vertriebspartner weitergeben. „Unternehmen werden weiterhin bestrebt sein, die tatsächliche Nutzung der Daten zu verschleiern“, fürchtet Nauhauser. „Umso wichtiger ist die staatliche Kontrolle.“