B2B
18.01.2018

Blockchain: "Angst noch größer als die Chancen"

Matthias Lichtenthaler, der im Bundesrechenzentrum (BRZ) für digitale Transformation zuständig ist, über den Einsatz der Blockchain in der Verwaltung.

Die Blockchain liegt nicht nur der Kryptowährung Bitcoin zugrunde. Über die Technologie können Prozesse und Transaktionen fälschungssicher und transparent abgebildet werden. Das eröffnet auch für die Verwaltung eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten, die von der E-Partizipation und die elektronische Zustellung über die digitale Identität bis hin zum digitalen Grundbuch reichen. Die futurezone hat mit Matthias Lichtenthaler, der beim Bundesrechenzentrum (BRZ) für digitale Transformation zuständig ist, über Blockchain-Pilotprojekte in der Verwaltung und das Potenzial der Technologie für die Behörden gesprochen.

futurezone: Wie verändert die Blockchain die Verwaltung?
Matthias Lichtenthaler:
Die Blockchain hat das Potenzial Teile der Verwaltung grundlegend zu verändern. Mittelsmänner oder zentralisierte Behörden, die Informationen oder Daten von A nach B schicken, können mittelfristig wegfallen. Vieles kann komplett digital abgewickelt werden.

Was bringt das den Bürgern?
Wenn zum Beispiel Daten, die die Verwaltung über einen Bürger vorhält, in einem digitalen Börserl, genannt Wallet, in der Blockchain abgesichert gespeichert werden. Dieses Börserl können auch die Bürger nutzen, um auf ihre Daten zuzugreifen. Einen Strafregisterauszug wird man sich nicht mehr schicken lassen müssen. Die Blockchain kann Prozesse verbessern und damit kann die Verwaltung einen weiteren Schritt Richtung Modernisierung und Innovation gehen.

Sie haben einmal gesagt „Es gibt Anwendungsfälle, die uns ohne die Blockchain-Technologie niemals eingefallen wären und solche, die ohne Blockchain nicht umsetzbar wären." Können Sie Beispiele nennen?
Es gibt ein paar Anwendungsfälle, die ohne Blockchain-Technologie nicht diese Fälschungssicherheit und Transparenz gewährleisten könnten. Wenn etwa bei Vertragsverhandlungen unter mehreren Personen die jeweiligen Versionen fälschungssicher digital abgelegt werden und sie mit Zeitstempel für alle Teilnehmer zugänglich langfristig nachvollziehbar abgesichert werden. In dieser Dezentralität gibt es dafür keine andere Lösung. Die Blockchain bringt uns durch die ihr zugrundeliegende dezentrale und transparente Denkweise auf neue Ideen. Es gibt noch andere Beispiele: Bürgerbeteiligung etwa. Abstimmungen lassen sich dezentral in dieser Fälschungssicherheit ohne die Blockchain-Technologie kaum umsetzen.

Das BRZ hat im Rahmen der Initiative Blockchain Village die virtuelle Gemeinde Kettenbruck ins Leben gerufen, wo Anwendungen mit der Technologie demonstriert werden sollen. Was unterscheidet Kettenbruck von einer "normalen" Gemeinde?
Wir sind gerade dabei diese Gemeinde Kettenbruck mit virtuellem Leben zu füllen. Ein Projekt ist das Vertragsmanagement. Damit sollen sich einzelne Vertragsversionen in der Verhandlung sicher in der Blockchain abbilden lassen, damit sie später rechtssicher nachvollzogen werden können. Da kann Kettenbruck ein Schaufenster sein und eine reale Behörde kann sagen, das möchten wir ausprobieren. Es gibt auch andere Fälle, mit denen wir aufzeigen wollen, wie es sein könnte.

Zum Beispiel?
Das beste Beispiel ist das Grundbuch und die digitale Grundstücksveräußerung. Da liegen die gesetzlichen Voraussetzungen noch nicht vor, ohne einen Notar ist das heute nicht zulässig. Wir können es aber in Kettenbruck ausprobieren. Man kann sich ein virtuelles Grundstück kaufen und dann als Bürger, als Unternehmen und als Behörde durchspielen, wie eine solche Transaktion digital ablaufen könnte. Wir erarbeiten hierzu einen entsprechenden Vorschlag. Der Gesetzgeber steht dann unter Zugzwang und muss erklären, warum das nicht gehen sollte.

Wie müssen sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, um solche Anwendungen zu ermöglichen?
In diesem Fall müsste das gesamte Grundbuchrecht erneuert werden. Auch die Grundstücksverwaltung muss digitalisiert werden. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern nur schrittweise.

Das Wort Transparenz ist oft gefallen. Wie viel Transparenz ist möglich und ist die Verwaltung schon so weit, dass sie das auch zulässt?
Durchgehend sicherlich nicht. In einigen Bereichen wird diese Form der Transparenz auch gar nicht die Zielvorstellung sein. Die Bürgermeister wollen etwa ihre Bauprojekte mit ihrem bekannten Umfeld so abwickeln, wie sie es gewohnt sind. Aber welche vernünftigen Argumente kann es gegen die Transparenz geben?

Welche Einsparungsmöglichkeiten bietet die Blockchain?
Es gibt viele Möglichkeiten, zum Beispiel bei Registern. Das Firmenbuch wird heute zentral verwaltet. Man könnte solche Register in der Blockchain transparenter und effizienter abbilden. Das hätte auch ein viel höheres Maß an Sicherheit. Die IT-Sicherheit für ein zentrales Register kostet unglaubliche Summen. Wenn ich aber ein Register auf unterschiedliche verteilte Datenbanken (sogenannte Nodes) in unterschiedlichen beteiligten Behörden spiegeln kann, dann ist das auch sicherer. Denn um es zu hacken, müsste man in der selben Hundertstelsekunden alle beteiligten Behörden erfolgreich angreifen. Das ist schwer vorstellbar.

Kann die Blockchain auch einen personellen Aderlass für die Verwaltung bringen?
Es wird vielleicht dazu kommen, das man die eine oder andere Stelle nicht nachbesetzt. Es geht aber ganz klar nicht darum, Leute zu entlassen, sondern darum, sie anderweitig einzusetzen.

Welche Branchen sollten sich noch um die Blockchain kümmern?
Es gibt in unterschiedlichen Bereichen Ansatzpunkte, gerade wenn es um stark regulierte Unternehmen geht. Zum Beispiel in der Energie-, Versicherungs- oder Bankenbranche. Sie müssen Daten vorhalten und können die Blockchain auch zur Identifizierung nutzen. Es gibt aber auch andere Bereiche, auf die man auf den ersten Blick gar nicht kommt. Der Reisekonzern TUI bildet Bettenbuchungen etwa in der Blockchain ab. Die Fälschungssicherheit mag hier sicher nicht im Vordergrund stehen, aber es funktioniert sehr gut und schafft Transparenz für die teilnehmenden Agenturen.

Wie sieht es mit der tatsächlichen Verbreitung der Blockchain aus. Wann werden wir die ersten Anwendungen, die über Pilotprojekte hinausgehen, in der Praxis sehen?
Sicherlich noch dieses Jahr. Es gibt auch schon ein paar Projekte, die zumindest die Technologie verwenden und heute schon im größeren Maß angewendet werden. Zum Beispiel eine Urheberrechtsdatenbank im Bereich der Musik, wo MP3s und Notenblätter hochgeladen werden können und Musiker über einen Zeitstempel nachweisen können, dass sie einen Song geschrieben haben.

Welche Hindernisse stehen einer größeren Verbreitung noch im Weg?
Die Herausforderung der Blockchain ist, dass sie eine Datenbank ist. Eine Datenbank hat keine Benutzeroberfläche, die brauchen wir aber für ganz normale Nutzer. Den Handwerker oder den Sachverständigen, der etwas einmelden muss, interessiert es nicht, ob das eine Blockchain ist. Er sollte auch keine komplexe technische Dokumentation lesen müssen, um sie bearbeiten zu können. Es wird einen Wettlauf um eine gute und einfache Nutzeroberfläche geben.

Wie steht Österreich in punkto Blockchain-Anwendungen im internationalen Vergleich da?
Im Bereich von Anwendungen im Zusammenhang mit Kryptowährungen ist Österreich im vorderen Mittelfeld. Das ist für die Verwaltung aber wenig relevant. Bei anderen Blockchain-Anwendungen sind wir im hinteren Mittelfeld. Wir wollen aber weiter vorankommen. Heute scheint die Angst aber noch größer als die Chancen, die die Technologie bietet.